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Türklingeln ohne Namen

Zahl der privaten Leerstände könnte in Horb in den kommenden Jahren rapide ansteigen

615 – eine stolze Zahl. Sie steht für nicht genutzten Wohnraum in Horb und seinen 17 Teilorten. 615 Wohneinheiten sollen laut Zensusdaten aus dem Jahr 2011 leer stehen. Laut Stadtplaner Peter Klein stellt das noch kein allzu großes Problem dar. Das könnte sich allerdings bald ändern.

16.09.2015

Von Benjamin Breitmaier

Horb. Es war Januar, als die Freudenstädter Hausbesitzer einen etwas ungewöhlich Fragebogen in ihren Briefkästen fanden. Geliefert wurde er mit der Wasserabrechnung. Gefragt wurde danach, ob es leerstehenden Wohnraum in ihrem Besitz gibt. Wie groß? Wie viele Einheiten? Was sind die Gründe für den Leerstand?

Die Aktion der Freudenstädter Verwaltung hatte ihren Grund. Der befindet sich auf einer Karte in der Freudenstädter Stadtverwaltung. Auf ihr sind alle Leerstände im Stadtgebiet eingezeichnet. Als Basis für die Karte dienten dem Freundenstädter Wirtschaftsförderer Ralf Heinzelmann die Daten der letzten großen Volkszählung „Zensus? aus dem Jahr 2011. Sie ergaben, dass im Freudenstädter Stadtgebiet mehr als 700 Wohnungen leer stehen. Demgegenüber steht eine Nachfrage nach Wohnraum, die vor allem bei jungen Familien höher als das Angebot liegt. Heinzelmann: „Wir hatten hier schon mehrmals die Situation, dass Familien eigentlich gerne in Freudenstadt geblieben wären, aber es im Mittelklasse-Bereich an geeigneten Wohnungen mangelt.?

Horb hat noch keine solche Analyse. Trotzdem ergeben die Daten des Zensus ein ähnliches Bild: 615 leerstehende Wohnungen. Laut Stadtplaner Peter Klein hält sich auf dem hiesigen Wohnungsmarkt jedoch Angebot und Nachfrage in etwa die Waage. 5,4 Prozent Leerstandsquote ? eine der geringesten im Kreis. Jedoch über dem Landesdurchschnitt. Gleichzeitig wird in Horb eifrig gebaut: Die Stadt rechnet dieses Jahr laut Klein mit dem Verkauf von 22 bis 25 Bauplätzen.

Die Situation der Privatleerstände in der Region Horb könnte sich allerdings schon in den kommenden Jahren verschärfen. Zwei Faktoren spielen eine Rolle: Der Demografische Wandel und die Sanierungsbedürftigkeit bei Gebäuden, die vor 1990 gebaut wurden.

48,5 Prozent der Wohnhäuser wurden in Horb zwischen 1949 bis 1978 gebaut. Es sind vor allem die Gebäude aus den 60er und 70er Jahren, die in den kommenden Jahren nicht mehr auf dem Markt angeboten werden können. Eine Sanierung ist aufwendig. Genau dieser Umstand wurde von der Stadtverwaltung Freudenstadt als eines von zwei Hauptursache für die privaten Leerstände festgestellt.

Aus den Rückläufern der Fragebögen war laut Stadtplaner Heinzelmann zu entnehmen: Die Sanierung alter Gebäude kann von den Eigentümern oft nicht gestemmt werden. Zwar gibt es verschiedene Förderprogramme, wie das „Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum? (ELR) der Europäischen Union. Doch für die oft älteren Eigentümer ist der Berg an Arbeit eines derart umfangreichen Projektes oft zu hoch.

Szenario: Erna ist 70. Die Kinder sind weggezogen. Die neue Stelle in Stuttgart rief, die Familie folgte. Alles was an Kapital im Familienvermögen vorhanden war, wurde in eine neue Wohnung gesteckt. Erna wohnt in der Erdgeschoss-Wohnung des Mehrfamilienhauses in Altheim.

Prognose: 1000 Horber weniger in 2030

Jetzt ist Erna allein, bald wird sie in eine Einrichtung für Betreutes Wohnen umsiedeln. Eigentlich wäre es möglich die Wohnungen zu vermieten ? doch nicht in diesem Zustand. Eigentlich müsste das ganze Haus gedämmt werden. Neue Fassade, neue Heizung ? Investitionskosten ? grob überschlagen ? bei 100 000 Euro. Keiner aus der Familie kann so ein Projekt stemmen. Deswegen steht das Haus leer. Obwohl die Wohnungen eigentlich perfekt für Familien wären.

Dieses Problem sieht auch der Horber Stadtplaner Peter Klein. Im SÜDWEST PRESSE Gespräch erklärt er: „Es gibt einen Mangel an barrierefreiem Wohnraum und bei anhaltendem Trend einen Überhang an Einfamilienhäusern.? Es sei wichtig, die Fragestellung zu thematisieren, denn „wenn die Vererbungswelle von unsanierten Häusern aus den 1960er- und 1970er-Jahren eintritt, kann ein Leerstandsproblem kommen.? Kleins Aussage bekräftigen die demografischen Daten des Statistischen Landesamtes für Horb: In den kommenden 15 Jahren wird die Stadt etwa tausend Einwohner verlieren. Die meisten im Segment der 40- bis 60-Jährigen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Über-60-Jährigen rapide an. Oma Erna ist also nicht alleine. So wie ihr wird es wahrscheinlich vielen Horbern gehen.

Wie gegen die Entwicklung gekämpft wird, kann in Rexingen beobachtet werden. 30 Hauseigentümer nahmen hier schon Beratungsleistungen in Anspruch, die durch ELR finanziert wurden. Rexingen ist seit September 2014 Modellgemeinde. Der Rexingen-Tag, 27. September, soll auf die Problematik aufmerksam machen. Ortsvorsteherin Birgit Sayer will durch das Förderprogramm die Eigentümer dazu bewegen, „etwas aus ihren Häusern zu machen. Wir haben so tolle Gebäude im Ort?, sagt sie. Der Kampf gegen zukünftigen Leerstand wird in Rexingen nicht ohne Grund so vehement geführt. Die Topographie des Ortes lässt keine neuen Baugebiete zu, deswegen muss hier das Paradigma der Landesregierung ? Innenentwicklung vor Außenentwicklung ? konsequent umgesetzt werden.

Das zweite Problem, das die Freudenstädter in ihrer Umfrage festgestellt haben: Vermieter sein ist nicht einfach. Immer wieder werden Prozesse vor dem Horber Amtsgericht geführt, bei denen Eigentümer ihren Mieten hinterherlaufen müssen. Ständig stehen Reparaturen an, um die sich jemand kümmern muss. Vermieter sein, heißt Zeitaufwand. „Haus und Grund?-Chef Manfred Bok meint daher, dass es daher manche bevorzugen, einfach unter sich zu bleiben und leerstehende Wohneinheiten in Kauf nehmen. Außerdem seien die Bauvorschriften der Landesregierung mittlerweile derart ausufernd, dass viele davor zurückschrecken, ihre Wohnungen für den Mietmarkt herzurichten.

Die Freudenstädter Stadtverwaltung hat sich der beiden Probleme durch Beratungskonzepte und einer Wohnungsbörse angenommen. Wirtschafsförderer Heinzelmann ist es gelungen, zwei Vereinigungen an einen Tisch zu bekommen, die sich ansonsten etwa so gut verstehen, wie ein Jack Russel Terrier und der Staubsauger. In Freudenstadt bieten der „Deutsche Mieterbund? und „Haus und Grund? gemeinsam für Hauseigentümer und Mietinteressenten Beratungen an. Heinzelmann: „Wir haben bisher wirklich tolle Erfahrungen gemacht. Jetzt können Vermieter kommen und sagen, dass sie jemanden suchen. Der Mieterbund sagt dann ,Ich hab da jemanden?.? Beim Thema Sanierung unterstützt die Stadt Freudenstadt Hauseigentümer bei den Planungskosten. „Gefördert werden könnte beispielsweise ein Architekt, der den Sanierungsaufwand feststellt?, erklärt Heinzelmann.

Doch auch Freudenstadt steht bei seinem Kampf gegen Demografie und Sanierungslethargie noch am Anfang. Wie in Rexingen sind die Programme erst seit einigen Monaten am Laufen. Für Horb brachte jüngst die SPD einen Antrag ein, der durch gezielte Förderung von Altbaukauf, Leerständen entgegenwirken soll. In der Oktobersitzung des Horber Gemeinderates wird über den Antrag diskutiert. Solche Maßnahmen könnten von hoher Wichtigkeit sein, denn das Schicksal der Oma Erna werden schon im nächsten Jahrzehnt, nicht wenige Horber teilen.

Private Leerstände könnten in Horb zu einem Problem werden.Bild: bbm

Aufgrund der aktuellen Notlage bittet das Landratsamt Freudenstadt genau wie die Stadt Horb weiterhin Wohnungseigentümer darum, leerstehenden Wohnraum zur Verfügung zu stellen, um Flüchtlingen eine Unterkunftsmöglichkeit zur bieten. Bürgermeister Jan Zeitler freut sich über eine bedeutende Zahl an Personen, die sich bereits vorstellen können, Flüchtlinge bei sich unterzubringen. Einziger Wunsch, der bei den Eigentümern geäußert wird, ist oft der, zu erfahren, wer genau zugewiesen wird. „Es ist Nachvollziehbar, dass eine Familie in einem Zweifamilienhaus wohnt, einen Personenkreis beherbergen möchte, der eine ähnliche Interessenlage hat?, erklärt Zeitler. Er würde sich dahingehend vom Landratsamt Freudenstadt wünschen, dass eine individuelle Zuweisung möglich gemacht wird. „Aus meiner Sicht wäre das die Anstrengung wert, diese Vermittlung anzubieten.?

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Erstellt:
16. September 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. September 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. September 2015, 12:00 Uhr

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