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Ein Leben in den Kronen

Zapfenpflücker klettern im Dienst der Wald-Samenbank in die Bäume

Wankende Bäume, raschelnde Baumkronen, vereinzelt fallen Zapfen aus der Höhe: Zwei Männer mit Ausrüstung sitzen hoch oben im Geäst. Sie sorgen mit ihrer Arbeit für den Erhalt deutscher Wälder.

09.11.2015
  • THERESA MEYER-NATUS, DPA

Biberach "Achtung Sack!" Thomas Bellgardts Stimme kommt von hoch oben aus den Baumwipfeln. Plumps. Ein Sack mit einigen Kilo Zapfen liegt auf dem Waldboden. Bellgardt ist einer von knapp 100 Zapfenpflückern in Süddeutschland. Seit 28 Jahren verbringt er einen großen Teil seines Lebens in den Wäldern Deutschlands - zur Saatguternte und der Natur wegen. Ein wichtiger Beruf, denn die Zapfen werden zur Aufforstung gebraucht.

Zwei bis drei Tonnen Zapfen werden in dieser strapaziösen Saison durch die Hände des 51-Jährigen gegangen sein. In einer forstlichen Samenbank werden Bellgardts Erträge aus einem Wald bei Biberach dann getrocknet und eingelagert.

Das Ziel ist: Wälder für die nächsten Generationen sichern. Baumschulen ziehen irgendwann aus den Samen neuen Wald.

"Eine Probe des Saatgutes wird zehn Jahre eingelagert und dann mit Pflanzenproben verglichen", erklärt der technische Leiter der Staatsklenge Nagold, Thomas Ebinger. Die Staatsklenge im Landkreis Calw versorgt nach eigenen Angaben seit dem Jahr 1947 als landeseigener Betrieb Forstbehörden und Baumschulen mit herkunftsgesichertem Saatgut.

Wichtig sei, beim Waldausbau nicht unreines Saatgut zu verwenden, sagt Ebinger. Dies könne für den Wald katastrophal enden, da erst Jahre nach der Bepflanzung das Ausmaß erkenntlich werde: "Die Bäume gehen ein, überleben keinen Frost oder wachsen schlichtweg nicht weiter." Dabei soll die Waldbewirtschaftung doch nachhaltig sein - die Grundlage für Kinder und Kindeskinder.

Die Saison reicht vom Frühsommer mit der Ernte der Kirsche bis in den Winter mit der Lärche. Bundesweit sorgen Zapfenpflücker mit ihrer Arbeit dafür, dass die wertvollen Samen nicht verloren gehen.

Das Leben im Wald ist hart. Tagelange Einsamkeit, wenig Schlaf durch schmerzende Hände, die durch die unzähligen Drehbewegungen beim Pflücken der Zapfen entstehen. Kälte, Hitze, Frost. Unter den extremen Wetterbedingungen leidet auch die Elastizität der Äste, eine große Gefahr für die Waldarbeiter, da sie dann leichter brechen. "Ich erlebe jeden Tag als Intensität", erzählt Bellgardt, Vater von sieben Kindern. "Bei 40 Grad im August habe ich mir ein Schattendach bauen müssen, in das ich mich immer wieder flüchten musste dort oben." Nur mit professioneller Ausrüstung und Geschick kann er die bis zu 60 Meter hohen Fichten erklimmen.

Dieses Mal klettert der Sportpädagoge und Zapfenpflücker Ralph Sehle mit dem 51-Jährigen. Geerntet wird, kurz bevor die Zapfen fallen, wenn also die Samen reif, aber noch im Zapfen verschlossen sind. "Drei Tage hintereinander in den Bäumen ist schon eine sehr große Belastung", berichtet Bellgardt. "Aber bin ich erst oben in den Kronen, weiß ich, dass es sich lohnt." Und so wirft er ein dünnes Seil mit einem kleinen Gewicht am Ende in Richtung der ersten dicken Äste seines auserwählten Baumes: eine riesige bald 200 Jahre alte Fichte.

Zwei dicke Äste hat Bellgardt, der in Walldürn (Neckar-Odenwald-Kreis) zu Hause ist, erwischt. Der gefährliche Aufstieg beginnt. Der 51-Jährige hat alles dabei: leere Säcke, Brotzeit, Werkzeug. Vor Einbruch der Dunkelheit wird er nicht zurückkehren.

"Es gibt gesetzliche Vorschriften zur Beerntung deutscher Wälder", sagt Georg Jehle, Leiter des Kreisforstamtes in Biberach. "Eine Mindestfläche, viele tragende Bäume, gute vererbbare Eigenschaften wie eine überdurchschnittliche Wuchsleistung - das muss alles beachtet werden."

Es raschelt erneut. Dieses Mal ist Bellgardt nicht zu sehen. Nur einige unreife Zapfen fallen aus schwindelerregender Höhe Richtung Waldboden. "Abenddämmerung!", ruft er. Feierabend.

Zapfenpflücker klettern im Dienst der Wald-Samenbank in die Bäume
Zapfenpflücker Thomas Bellgardt klettert in einem Wald bei Bad Schussenried in eine rund 150 Jahre alte Fichte, um dort die Zapfen zu pflücken. Foto: dpa

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09.11.2015, 12:00 Uhr

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