Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Mit Blech, Hammer und Amboss

Zehn Jahre Schwermetall: Das Tübinger Ensemble bei den Jazz & Klassik-Tagen

Im Oktober 2000 stellte Gottfried Kögel aus seiner Posaunen- und Tuba-Klasse an der Tübinger Musikschule ein Quartett zusammen. Inzwischen musiziert die Gruppe Schwermetall eigene Arrangements in einzigartigen Besetzungen. Morgen sind die Blechbläser in der Metallbau-Fabrik Strasser zu hören – ein „Werkstattkonzert“ im doppelten Sinn.

15.10.2010
  • Achim Stricker

Tübingen. . Als Gottfried Kögel vor zehn Jahren das erste Schwermetall-Konzert ankündigte, nahmen manche Musikschulkollegen die Besetzung wenig ernst und rissen vor dem Plakat ihre Witze. Ein Quartett aus Alt-, Tenor- und Bassposaune plus Tuba: Was sollte man damit anfangen, verglichen etwa mit einem Streichquartett? „Inzwischen lacht keiner mehr“, freut sich Kögel heute. „Zehn Jahre Schwermetall – das war meine sportliche Antwort darauf.“

Mit viel persönlichem Engagement und kreativem Erfindergeist hat Kögel im Lauf der Zeit eine in dieser Form einzigartige Besetzung geschaffen, für die er eigene Arrangements schreibt. Heute spielt das Ensemble in bis zu achtstimmigen Sätzen auf Flügelhörnern und Posaunen verschiedener Baugrößen bis hinunter zur Kontrabassposaune, auf Euphonium, hoher und tiefer Tuba.

Der Name der Gruppe bezieht sich nicht nur auf die Blechbläser, sondern auch scherzhaft auf „Heavy Metal“. Rock und Pop auf Blechblasinstrumenten in der deutschen Bautradition. Crossover auf allen Ebenen. Nicht nur bei der Besetzung will Kögel „Barrieren“ hinter sich lassen. Bei den Konzerten spielt er ganz selbstverständlich zwischen seinen Schülern mit.

Die Trennung Lehrer/Schüler spielt für Kögel ebenso wenig eine Rolle wie das Schubladendenken, nach dem Klassik, Jazz und lateinamerikanische Folklore unvereinbar seien. Der Gruppenzusammenhalt ist groß: Für ehemalige Mitspieler, die heute im Berufsleben stehen oder wie Justus Heher und Carlo Eisenmann auswärts studieren, ist es keine Frage, dass sie zu den Auftritten anreisen.

Tatsächlich gibt es für Blechbläser wenig kammermusikalische Möglichkeiten. Im Orchester werden sie meist nur punktuell eingesetzt. Die Alternativen heißen Blaskapelle und Posaunenchor. So war es für Kögel ein wichtiges Anliegen, an der Musikschule für die tiefen Blechbläser ein eigenes Ensemble mit attraktivem Repertoire zu schaffen und auch dauerhaft zu erhalten – zumal die Schulleitung nach der Pensionierung des Trompeten-Dozenten Helmut Gleissle dessen traditionsreiches Blechbläserensemble ersatzlos gestrichen hat.

Großen Wert legt Kögel auf Instrumente in deutscher Bauart. Im Gegensatz zu den heute üblichen US-amerikanischen Orchesterinstrumenten ist ihr Mundrohr enger mensuriert, der Klang heller, leiser, sensibler und nuancenreicher. Mit diesem verfeinerten Klangbild musiziert das Ensemble am Samstag ein Concerto grosso von Händel und den Kopfsatz aus Bachs Drittem Brandenburgischen Konzert.

Aus Mendelssohns „Elias“ hat Kögel die „Hammer-Arie“ bearbeitet: „Ist nicht des Herrn Wort wie ein Feuer und wie ein Hammer, der Felsen zerschlägt?“ Dabei wird der Schlagzeuger Jakob Dinkelacker – passend zur Metallbau-Werkstatt – mit Hämmern auf einem Amboss spielen: „Unsere Version der Arie, wie Mendelssohn sie sich erträumte, aber nicht zu komponieren wagte“, scherzt Kögel.

Im Untergeschoss der Musikschule hat er seine eigene Werkstatt, in der er für seine Blechbläser Mundstücke zurechtfeilt, Mundrohre optimiert und schon auch mal selbst einen Posaunenzug baut.

Erfindergeist war auch 2007 während einer Konzertreise des Ensembles durch Katalonien und Südfrankreich gefragt: Bei den Platzkonzerten fegte der heftige Tramontana-Wind die Notenständer davon. Das Ergebnis sind richtige Kunstobjekte: Notenständer mit malerischem Felsgestein an den Füßen. Auch in den Tübinger Partnerstädten Aix-en-Provence, Perugia, Aigle und Monthey begeisterte das Ensemble schon die Zuhörer.

Seit 2001 musiziert Schwermetall regelmäßig bei den Jazz & Klassik-Tagen. Morgen wird ein spannendes Programm von Bach bis Rock, von Mendelssohn bis lateinamerikanischer Folklore zu hören sein.

Info: Schwermetall konzertiert am Samstag um 18 Uhr bei Metallbau Strasser (Dusslinger Weg 4, Gewerbegebiet Unter dem Holz, Derendingen). Der Erlös des Benefizkonzerts kommt dem Förderverein der Tübinger Musikschule zugute.

Zehn Jahre Schwermetall: Das Tübinger Ensemble bei den Jazz & Klassik-Tagen
„Alles Schrott?“, fragt Schwermetall. Das sind, teils nicht auf dieser Bildmontage in der Schlosserei, die Herren Kögel, Thiele, Katzenberger, Winkelmann, Heher, Eisenmann Kögel jr., Wirth und Wilmsen. Und Pia Haufler an der Posaune.Bandbild

Zehn Jahre Schwermetall: Das Tübinger Ensemble bei den Jazz & Klassik-Tagen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

15.10.2010, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball