Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Es ist anders, aber es ist okay

Zehnjährige leben je ein halbes Jahr in der Familie der Austauschpartnerin im Ausland

Ihre Familie in Lyon hat gut vorgesorgt. Jeanne Rolland kam mit 15 dicken Pullis nach Tübingen, damit die Zehnjährige aus dem Südosten Frankreichs nicht friert. Noch bis Ostern wird sie mit der Lustnauer Familie Glaser leben – gut ein halbes Jahr lang wie zuvor ihre Freundin Lilli in Lyon.

05.01.2015
  • Ute Kaiser

Tübingen. „Ich kann nicht mehr Französisch sprechen“, sagt Jeanne Rolland und lächelt verschmitzt. Am 13. September kam sie nach Tübingen. Schon zwei Tage später ging der Unterricht in der Lustnauer Dorfackerschule los. Obwohl sie kein Deutsch konnte, hatte die aufgeweckte Französin keine Scheu zu sprechen und sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. Sie fand schnell Freundinnen in ihrer vierten Klasse. Und war schon auf drei Kindergeburtstagen eingeladen.

Sicherheit gibt ihr, dass Lilli bei ihr ist – die Freundin und Wahlschwester, die im Januar 2014 für sechseinhalb Monate nach Lyon aufbrach. Im Kreis der Familie Rolland feierte sie ihren zehnten Geburtstag – im Kletterpark. Die Trennung nach über einem halben Jahr fiel schwer. Seit ihrer Rückkehr geht Lilli, die fließend Französisch spricht und irgendwann auch in dieser Sprache zu träumen begann, aufs Uhland-Gymnasium. Sie wollte Latein lernen. Es gehört zum Konzept, dass die Mädchen verschiedene Schulen besuchen. Sie sollen eigene Freundeskreise und Freiräume haben.

Zwischen Zweifeln und heller Begeisterung

Ursprünglich dachten Jutta Hauser-Glaser und Stephan Glaser an einen Auslandsaufenthalt für den inzwischen 14-jährigen Sohn. Feuer fing dann aber Lilli, deren 17-jährige Schwester vor zwei Jahren für zwei Monate in Frankreich war. Jutta Hauser-Glaser recherchierte im Internet und fand die Homepage des Vereins Allef (siehe den Infokasten).

Als die Bewerbung losgeschickt war, hatte das Ehepaar eine schlaflose Nacht. „Was sind wir für Rabeneltern?“, dachte Stephan Glaser. Auch seine Mutter sei am Anfang „sehr skeptisch gewesen“ – wegen des Alters und weil die Familien viele Regeln befolgen müssen. Beispielsweise nur ein Mal in der Woche 20 Minuten lang telefonieren, die Adresse nicht an Verwandte und Freunde weitergeben und keine Fotos einpacken, weil sie Heimweh auslösen könnten.

Die Kinder sollen sich wie Entdecker ganz auf die andere Sprache und Kultur einlassen. Lilli hatte damit keine Probleme. Und sie hat nie von Heimweh gesprochen. „Es ist anders, aber es ist okay“, sagte sie einmal in einem Gespräch zu ihrer Mutter.

Jutta Hauser-Glaser, die am Bildungszentrum Nord in Reutlingen Französisch und Geschichte unterrichtet, beobachtete in dem halben Jahr ohne ihre Tochter an sich verschiedene Phasen. Anfangs Euphorie, dann aber auch Enttäuschung: „Es geht ihr gut, aber ich spiele gerade in ihrem Leben keine Rolle.“ Da gab es Sicherheit, dass Eva-Marie Roos von Allef immer ansprechbar war – auch für Zweifel jeglicher Art.

Aus eigener Erfahrung weiß Eva-Marie Roos, wie es sich anfühlt, das eigene Kind abzugeben und ein anderes aufzunehmen. Sie vergleicht die Situation mit einem Mobile: „Die Familie kommt in Bewegung und wird kurz durcheinandergewirbelt.“ Wer Jeanne, Lilli und den vierjährigen Leander mit ihrem Kaufladen erlebt, bekommt einen anderen Eindruck: Sie gehen vertraut miteinander um und sind vollkommen in ihr Spiel versunken.

Jeanne mag Pizza, Nudeln, Kartoffeln, Spiegelei aus Eiern des Huhns im Pfarrgarten und vor allem „Süßis“, wie sie gesteht. Als Stephan Glaser Jeanne deswegen neckt, droht sie ihm spielerisch Kopfnüsse an, wie sie es auch bei ihrem Vater in Lyon getan hätte. Die Kinder sind auf den Austausch vorbereitet. Sie besitzen ein Heft mit vielen Tipps. Darin wird ihnen empfohlen, am Anfang Worte und Sätze wie ein Papagei nachzuplappern, sich nicht zurückzuziehen und viel zu schlafen, damit sie die Eindrücke verarbeiten können. Es gibt keine Sonderrechte. Wie alle Familienmitglieder hat auch Jeanne bestimmte Aufgaben im Haushalt.

Jeanne und Lilli haben viel Spaß zusammen, sei es bei Ausflügen an den Uracher Wasserfall und zum Segeln an den Bodensee, bei einer Fahrt auf dem Stocherkahn, einer Kurzreise nach Dresden, bei Besuchen auf Floh- oder Weihnachtsmärkten. „Nur die Wilhelma fehlt noch“, sagt Jutta Hauser-Glaser. Die Mädchen teilen viele Interessen. Sie sind beide Pfadfinderinnen und trainieren beim Kinder- und Jugendzirkus Zambaioni. Lilli hat ihr Einrad mit nach Lyon genommen.

In der französischen Schule hatte die Tübingerin keine Probleme. Sie hat dort sogar einen Literaturwettbewerb gewonnen. Auch am Uhland-Gymnasium fand sie sich schnell ein. „Lilli ist auffallend selbstständig“, sagt ihre Mutter. Aber auch Jeanne wollte nach einer Woche nicht mehr zur Schule gebracht werden. Sie kannte ja den Weg.

Gemeinsames Erlebnis: als Sternsinger unterwegs

Die Familie Rolland besitzt kein Auto. Deswegen waren die Mädchen in der 500 000-Einwohner-Stadt Lyon mit Rad und U-Bahn unterwegs. Einmal fuhren sie zu zweit mit dem Zug zu Jeannes Tante. „Das war cool“, sagt die Zehnjährige, die schon ein paar schwäbische Brocken wie „a bissle“ beherrscht. Ihre selbst gehäkelte Mütze schützt gegen Frost. Jetzt strickt Jeanne einen Schal.

Die Mädchen waren Skilaufen auf der Alb und haben an Silvester Raclette gegessen. Am morgigen 6. Januar werden sie wieder mit den Sternsingern durch Tübingen ziehen. Jeanne ist wie eine Forscherin mittendrin. „Sie macht es uns superleicht“, sagt ihre Tübinger Mama. Das Lob interessiert die junge Französin viel weniger als Lilli, Leander und der Kaufladen. Bis Ostern wird Jeanne in Lustnau bleiben. Dann heißt es Abschied nehmen. Als Lilli in Lyon Adieu sagte, weinte Jeannes achtjähriger Bruder Samuel bitterlich.

Zehnjährige leben je ein halbes Jahr in der Familie der Austauschpartnerin im Ausland
Jeanne Rolland (links) und Lilli Glaser, beide 10, verstehen sich prima. Lilli hat gut ein halbes Jahr in Jeannes Familie in Lyon verbracht. Ebenso lang wird die Französin im Lustnauer Pfarrhaus leben – als fünftes Kind der Familie.Privatbild

Der Verein Allef organisiert den Austausch für Kinder von acht bis zehn Jahren. Die Mitarbeiter/innen, deren Kinder selbst mit Allef im Ausland waren, legen besonderen Wert darauf, dass die Familien zueinander passen. Das wird in mehrstufigen Auswahlverfahren erkundet. Erst mit Bewerbungsunterlagen, dann in vielen Gesprächen und bei den gegenseitigen Vorbesuchen im Ausland. Die Kinder verbringen ein Jahr zusammen. Daraus entsteht oft eine langanhaltende Freundschaft – wie die im 1995 gegründeten Verein aktiven Ehrenamtlichen aus Erfahrung wissen. Allef geht es nicht nur darum, dass die Kinder früh eine andere Sprache lernen können, sondern auch um interkulturelle Erfahrungen und um ein gemeinsames Europa. Detaillierte Informationen gibt es unter www.allef.eu.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

05.01.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball