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Gesellschaft

Zeigen, dass man dazugehört

Mit Augenbinden durch die Wohnung gehen, auf Waschpulverkapseln beißen, sich kübelweise mit Eiswasser überschütten und alles filmen und ins Internet stellen: „Challenges“ ersetzen die früheren Mutproben.

12.01.2019

Von LARISSA SCHWEDES

Challengevorbild: Sandra Bullock in „Bird Box“. Foto: Netflix/dpa

Berlin. Viele Menschen setzen sich dieser Tage Augenbinden auf, irren durch ihre Wohnung und verbreiten Videos davon in den sozialen Medien. Warum machen Menschen so etwas Blödsinniges? Weil Sandra Bullock im Thriller „Bird Box“ des Streamingdienstes Netflix die Mutprobe vormacht, sie flieht mit einer Augenbinde vor einer dunklen Macht.

Die Videos der Nachahmer sammeln sich unter dem Hashtag #birdboxchallenge. In einem rennt ein Mann mit zwei Kindern an seinen Händen blind durch ein Zimmer – bis das kleinere Kind gegen die Wand prallt. Andere Videos zeigen Autofahrer mit verbundenen Augen am Steuer. Netflix selbst sah sich sogar zur Warnung genötigt, natürlich über den Kurznachrichtendienst Twitter: „Ich kann nicht glauben, dass ich das sagen muss: Bitte verletzt euch nicht bei dieser ,Bird Box'-Challenge.“

In den sozialen Medien wird gelobt, geliebt, gestritten und gehetzt. Und immer wieder sind zwischendrin Mutproben entstanden, die einen ungeahnten Bann entfaltet haben. Bei der „Ice Bucket Challenge“ schütteten sich die Teilnehmer für den guten Zweck Kübel mit eiskaltem Wasser über den Kopf und spendeten für die Erforschung der Nervenkrankheit ALS. Bei der „Plank Challenge“ machten Tausende an den ungewöhnlichsten Orten Fitnessübungen. Bei der „Choking Challenge“, die Medienberichten zufolge sogar Todesopfer forderte, fielen sie absichtlich in Ohnmacht. All das ist auf Video festgehalten und für alle sichtbar ins Netz gestellt worden.

„Man macht dort mit, um zu zeigen, dass man dazugehört“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Jan-Hinrik Schmidt, der am Hamburger Leibniz-Institut für Medienforschung neue Öffentlichkeiten der Online-Welt erforscht. Neben dem Gewinn von Informationen seien Selbstdarstellung und Beziehungspflege die wichtigsten Funktionen, die soziale Medien für ihre Nutzer erfüllen. Von Mutproben, wie man sie vom Schulhof kennt, unterscheiden sich die Challenges dem Forscher zufolge hauptsächlich durch ihre hohe Reichweite.

Während manche wie die „Ice Bucket Challenge“ mit Spenden einen guten Zweck verfolgen, geht es bei anderen lediglich ums Mitmachen und Zur-Schau-Stellen von sich selbst. Einige sind recht harmlos, zum Beispiel Tanz-Challenges wie der aus New York importierte „Harlem Shake“ oder die „Mannequin Challenge“, bei der man in einer reglosen Pose verharrt.

Gefährlich wird es bei Aktionen wie der „Tide Pod Challenge“, für die die Teilnehmer auf Waschmittelkapseln bissen. Den eigenen Mut zu beweisen und sich dabei vielleicht sogar gesundheitlich zu schaden, liegt bei manchen Internet-Trends in der Natur der Sache.

„Diese Fälle gibt es“, sagt Schmidt, „weil manche Challenges riskant sind. Es hat aber nichts direkt mit der Verbreitung über soziale Medien zu tun.“ Er glaubt nicht, dass dabei mehr Menschen zu Schaden kommen als mit anderen Mutproben. Durch das Internet bekämen diese Fälle lediglich mehr Aufmerksamkeit.

Ganz vermeiden lässt es sich jedoch auch in Zukunft nicht, dass Menschen sich für 30 Sekunden Aufmerksamkeit blaue Flecken holen oder giftige Stoffe einverleiben. „Das ist eben ein popkulturelles Phänomen“, sagt Schmidt. Im Zweifel hilft nur: Abwarten. Denn viel länger als ein paar Wochen hat sich noch kein Trend dieser Art gehalten.

Larissa Schwedes

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Erstellt:
12. Januar 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Januar 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2019, 06:00 Uhr

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