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Paul Hartmann

Zeitersparnis in der Pflege

Schnell anwendbare Inkontinenzprodukte sind angesichts von Personalmangel gefragt. Eine neue EU-Verordnung verursacht aber einen riesigen bürokratischen Aufwand.

14.03.2018
  • ALEXANDER BÖGELEIN

Heidenheim. Andreas Joehle läuft während der Bilanzpressekonferenz durch die Bankreihen. Der Vorstandschef der Paul Hartmann AG legt jedem Journalisten einen kleinen Verband auf den Tisch. Der hat es in sich. Denn er unterliegt der neuen EU-Verordnung MDR. Diese ersetzt die bisherigen Medizinprodukte-Richtlinien und bringt für Unternehmen einen riesigen bürokratischen Aufwand mit sich.

Für die Produktfamilie, zu der der Klarsichtverband gehört, haben Spezialisten der Heidenheimer Paul Hartmann AG daher auf 2500 Seiten die Zulassungskriterien auflisten müssen. 125 solcher Produktfamilien hat der Anbieter für Medizin- und Hygieneprodukte aus Heidenheim. „Für kleinere und mittlere Unternehmen ist dieser Aufwand kaum zu leisten“, sagt Joehle. An Schärfe gewonnen habe das Thema durch den Skandal mit Industriesilikon in Brustimplantaten in Frankreich. Die höheren Regulatorik-Kosten für Paul Hartmann beziffert er in den Jahren 2017 bis 2019 auf jeweils einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag.

Ursprünglich habe es geheißen, die MDR-Regeln sollen auch für kleinere Unternehmen beherrschbar sein. Doch das Gegenteil sei der Fall. Vor diesem Hintergrund erwartet er in den kommenden Monaten eine Konsolidierung auf dem Markt. Entweder kleine Firmen werden aufgegeben oder zum Kauf angeboten.

Laut Joehle setzt der Medizinartikel-Hersteller, der mehrheitlich der Ulmer Schwenk-Gruppe gehört, zwar in erster Linie auf Wachstum aus eigener Kraft, doch habe das Unternehmen auch Zukäufe im Blick. So gab Paul Hartmann 2017 rund 120 Mio.EUR für die Procter&Gamble-Tochter Lindor aus und hat damit seinen Position auf dem spanischen Markt für Inkontinenzprodukte gestärkt. „Zudem haben wir mit Lindor einen Sparringspartner gewonnen. Wir wollen von den spanischen Kollegen lernen und sehen, wie wir unsere Produktion noch verbessern können“, sagte Joehle, der – wie berichtet – das Unternehmen zum Jahresende aus privaten Gründen verlässt. Details nannte er nicht.

Das Geschäft mit Windeln und Einlagen für Menschen mit Blasenschwäche ist das größte Standbein. Knapp ein Drittel des Jahresumsatzes (665 Mio. EUR) entfällt darauf. Im vergangenen Jahr steigerte die Paul Hartmann AG den Umsatz um 3,6 Prozent auf 2,06 Mrd. EUR. Das ist Rekord für das Unternehmen. Die Aussichten für die Heidenheimer stehen gut. Der demografische Wandel und die damit steigende Zahl der Pflegbedürftigen lässt die Nachfrage nach Inkontinenzprodukten, aber auch Verbänden und Desinfektion wachsen. Gleichzeitig nimmt der Preisdruck auf dem Markt stark zu.

Angesichts des Nachwuchs- und Personalmangels in der Pflege kommen laut Joehle innovativen und kosteneffizienten Lösungen eine immer größere Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund habe Hartmann einen Inkontinenz-Slip entwickelt, den das Pflegepersonal Patienten in zwei Schritten innerhalb von 56 Sekunden anlegen können. Das, so Joehle, seien nicht nur 20 Sekunden Zeitersparnis, sondern sei für das Pflegepersonal auch körperlich weniger anstrengend.

Die Zahl der Mitarbeiter stieg 2017 um 400 auf 10 764. Davon entfielen 160 auf die Übernahme von Lindor, 80 auf Deutschland und 160 auf China und Indien. Von den 4646 Beschäftigten in Deutschland arbeiten 1630 in Heidenheim und 520 im benachbarten Werk Herbrechtingen.

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14.03.2018, 06:00 Uhr

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