Geschichte

Zeitzeugen kamen in der Freudenstädter Waldlust zu Wort

Auf Einladung der Senioren-Union gedachten Beteiligte und Interessierte des DDR-Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953.

20.06.2024

Von NC

Günter Heschke. Privatbild

Günter Heschke. Privatbild

Aus einem Streik der Bauarbeiter gegen die Normenerhöhungen formierte sich in Ost-Berlin am 16. Juni 1953 ein Protestzug von der Stalinallee zum Haus der Ministerien. Die Unruhen gipfelten in einem Volksaufstand am 17. Juni, den russische Soldaten brutal niederschlugen.

Die Senioren-Union hatte Zeitzeugen dieses Ereignisses und Interessierte zu einer Lesung mit anschließender Diskussion in die „Waldlust“ nach Freudenstadt eingeladen. Günter Heschke, 1928 in Görlitz geboren, wurde mit 15 Jahren zum Kriegseinsatz eingezogen. In Kaufbeuren kam er in US-amerikanische Gefangenschaft. Er floh zu Fuß nach Hause in die russisch besetzte Zone, wo er als ehemaliger NS-Soldat im Uranbergbau zwangsverpflichtet wurde.

Als aktiver Teilnehmer der Proteste des 17. Juni 1953 wurde er abends von über 20 bewaffneten Russen zu Hause abgeholt, verhaftet und mehrfach verhört. Nach seiner Freilassung Ende September floh er in einem Lastwagen nach Berlin, dessen Fahrer ihm eine Fahrkarte nach Westberlin löste. Noch am selben Tag suchten ihn Soldaten im Haus seiner Mutter, die jedoch nichts über seinen Aufenthaltsort wusste. Über ein Telegramm aus West-Berlin erfuhr sie schließlich davon.

Heschke kam in Flüchtlingslagern in Berlin und Hamburg unter. Er fand Arbeit im Bergbau in Belgien. Dort erlebte erstmals, was und wie Demokratie sein muss, als er ein Motorrad erwerben konnte. Über Aachen kam Heschke nach Freudenstadt und schließlich nach Dornstetten-Aach.

Die Volksaufständler hofften 1953, dass der Westen ihren Freiheitskampf unterstützen würde. Im Rückblick ist Heschke unschlüssig: „Wer weiß, was sonst noch passiert wäre …“

So wie Heschke erzählten weitere Zeitzeugen von ihren Erlebnissen und ihrer persönlichen Geschichte. Der 17. Juni blieb bis zur deutsch-deutschen Wiedervereinigung Nationalfeiertag der Bundesrepublik Deutschland. Für diejenigen, die den Tag 1953 miterlebt hatten, steht fest, dass er es hätte bleiben müssen.

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Erstellt:
20.06.2024, 16:19 Uhr
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zuletzt aktualisiert: 20.06.2024, 16:19 Uhr

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