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Uralter Menschheitstraum

Zentralrats-Präsidentin Charlotte Knobloch erhielt den Eugen-Bolz-Preis 2010

Zum „Einstehen für jene Werte, ohne die ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und Charaktere nicht vorstellbar ist“, hat am Sonntag in Stuttgart Charlotte Knobloch aufgerufen. Dort nahm die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland den Eugen-Bolz-Preis 2010 entgegen.

12.10.2010
  • willibald ruscheinski

Stuttgart/Rottenburg. Mit der Verleihung des diesjährigen Preises habe die Eugen-Bolz-Stiftung „ein Zeichen setzen“ wollen, sagte Stiftungsrats-Vorsitzender Klaus Tappeser vor rund 180 geladenen Gästen im Landesbank-Forum, unter ihnen auch etliche Jungen und Mädchen aus den drei Eugen-Bolz-Schulen in Ellwangen, Kornwestheim und Rottenburg. Charlotte Knobloch, so Tappeser, streite „unermüdlich für die Werte unserer Verfassung“, die auch die Werte des 1945 von den Nationalsozialisten ermordeten Zentrumspolitikers und ehemaligen württembergischen Staatspräsidenten seien: „Sie steht für den interreligiösen Dialog und die Integration von Mitbürgern mit Migrationshintergrund.“

„Vertrauensvoll und belastbar“ nannte Bischof Gebhard Fürst das Verhältnis von Christen und Juden in Deutschland. Das Christentum sei undenkbar ohne seine Herkunft aus dem Volk Israel: „Unsere Gesellschaft würde sich von wesentlichen Dimensionen abschneiden, wenn sie leichtfertig auf dieses Erbe verzichtete.“

Als eine Frau, deren Lebensgeschichte und Lebensleistung „auf exemplarische wie dramatische Weise“ die Geschichte des deutschen Judentums widerspiegle, rühmte Prof. Karl-Josef Kuschel vom Institut für ökumenische Forschung in Tübingen die Preisträgerin. Als sechsjähriges Münchner Mädchen habe Charlotte Knobloch die Schrecken der Reichspogromnacht erlebt. Und der Vernichtung sei sie nur im Versteck auf einem mittelfränkischen Bauernhof entgangen „getarnt als zehnjähriges Kind einer ebenso einfachen wie warmherzigen katholischen Frau“. 1945 gründete Vater Fritz Neuland, der als Rüstungsarbeiter ebenfalls das NS-Regime überlebt hatte, die Münchner Kultusgemeinde neu – ein „Vorbild für die Tochter“ und Ansporn für sie, mit ihrer Arbeit ebenfalls zu zeigen, dass „Hitler nicht gesiegt hatte“.

Inzwischen, so Kuschel in seiner Laudatio, verkörpere Charlotte Knobloch den Glauben an eine Zukunft des Judentums in Deutschland. Die Zentralrats-Präsidentin reise nicht als Anklägerin durchs Land: „Gefahrenprophylaxe ist ihr Thema.“ Denn die Lage bleibe prekär, die Zustände fragil. So hätten Umfragen jüngst ergeben, dass 30 Prozent aller Deutschen den Juden in der Internationalen Finanzindustrie die Schuld an der weltweiten Wirtschaftskrise gäben. Und auch „unheilvolle Allianzen“ wie die von Islamisten und nationalistischen Rechten seien zu verzeichnen. Sensibel zu sein für die leisen und auch weniger leisen Signale antidemokratischer Entwicklungen: Das, so Kuschel, „ist die Linie, die Charlotte Knobloch mit einem Mann wie Eugen Bolz verbindet.“

Nicht oft freilich trete Knobloch öffentlich als religiöse Bekennerin auf, und sehr selten beziehe sie sich auf die großen historischen Gestalten des deutschen Judentums. Sie stehe für die Gegenwart, in denen Juden anderen Deutschen kein Rätsel mehr sein wollten, sich als selbstverständlicher und selbstbewusster Teil der bundesdeutschen Gesellschaft begriffen.

„Es stimmt, ich träume einen uralten Menschheitstraum, der ebenso utopisch wie selbstverständlich erscheint“, gestand die Preisträgerin selbst in ihren Dankesworten: „Den Traum, dass sich alle Menschen als Menschen begreifen – und vor allem achten.“

„In Erinnerung an jene Zeit der Dunkelheit und Kälte, an jene Zeit des Wahnsinnes und des zügellosen Hasses“, sprach Knobloch die Verfolgung im NS-Staat an, „zögere ich keine Sekunde, ehe ich mich eines großen Wortes bediene: Dass ich heute vor Ihnen stehe, ist ein Wunder.“ Den nur widerwillig sei sie anfangs ihrem Vater gefolgt, den sprichwörtlich gepackten Koffer noch im Schrank. Und erst am 9. November 2003, dem Tag der Grundsteinlegung für die neue Münchner Hauptsynagoge, habe sie „gewusst, was ich vorher nur hoffen konnte – es war richtig, zu bleiben.“ Die mit dem Eugen-Bolz-Preis verbundenen 5000 Euro spendet Charlotte Knobloch dem „Bayerischen Bündnis für Toleranz“, einer Initiative gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus, die von den beiden großen Kirchen mitbegründet wurde.

Jüdische Gemeinden als Bildungs-Vorbilder

„Für uns ist es ein Geschenk, dass heute in Baden-Württemberg wieder jüdisches Leben erblüht“, sagte Staatssekretär Hubert Wicker als Kirchenbeauftragter der Landesregierung. “

Von der „enormen Integrationsleistung“, die jüdische Gemeinden, Kindergärten und Schulen angesichts Tausender Neuankömmlinge aus der ehemaligen Sowjetunion vollbracht hätten, könnten nicht zuletzt auch Kommunen lernen, fügte Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher hinzu: Es werde deutlich, „dass gerade Kinder aus Flüchtlingsfamilien durch eine intensive Förderung den Übergang zum Gymnasium und somit die Grundlage für eine erfolgreiche Bildungsbiographie schaffen können.“

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12.10.2010, 12:00 Uhr

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