Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Zertifikate viel zu billig
Mit teuren Emissionszertifikaten gegen die Dreckschleudern? Das hat bisher nicht so recht geklappt. Die C02-Zertfikate sind einfach noch viel zu billig zu haben. Illustration: Getty Images/Ikon Images
Gut gemeint, schlecht gemacht: Handel mit Emissionsrechten lahmt

Zertifikate viel zu billig

Der CO2-Ausstoß muss endlich sinken. Beim Pariser Klimagipfel sind Zusagen der Staaten nötig, mahnen Experten. Auch die Wirtschaft ist gefordert. Im Handel mit Verschmutzungsrechten hakt es aber gewaltig.

24.11.2015
  • JAN-HENROK PETERMANN MARTINA HERZOG, DPA

Der Handel mit Rechten zum Kohlendioxid-Ausstoß (CO2) galt als Hoffnungsträger im Kampf gegen die Erderwärmung. Vor Beginn des UN-Klimagipfels in Paris am kommenden Montag herrscht Ernüchterung. Die EU will den Emissionshandel reformieren, doch längst machen falsche Anreize und Zweckentfremdung das gut gemeinte Instrument wirkungslos. Fragen und Antworten dazu:

Was ist eigentlich Emissionshandel, und wie funktioniert er? Unter Umweltzerstörung leiden alle, aber die Verantwortlichen zahlen in der Regel nicht dafür. Die Grundidee des Emissionshandels ist es, Urhebern von Verschmutzung Kosten aufzuerlegen. Haben Umweltlasten wie CO2-Emissionen einen Preis, dann soll der Anreiz steigen, sie zu verringern. Ein Zertifikat steht für eine Tonne Kohlendioxid. Die EU sieht darin ein wichtiges Instrument, um ihren CO2-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken.

Wo liegt das Problem? Der Preis der CO2-Zertifikate ist zu niedrig. Eine Ursache ist die Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre. Die Industrie stieß weniger Treibhausgase aus als vermutet. Die Nachfrage sank, mehr ungenutzte Rechte blieben auf dem Markt, was den Preis drückte. Der Anreiz zum Energiesparen oder für Investitionen in klimaschonende Technik nahm ab. Nach EU-Daten gab es 2013 rund 2,1 Mrd. Zertifikate zu viel. Im Sommer wurde ein Papier im Schnitt für 7,50 EUR gehandelt.

Welches sind die Hauptkritikpunkte am bisherigen System? Europa betreibt den einzigen umfassenden CO2-Handel. 11 000 energieintensive Anlagen sind dabei, Kraftwerke und Fabriken aus den 28 EU-Staaten sowie aus Island, Norwegen und Liechtenstein. Laut EU-Kommission werden so 45 Prozent aller europäischen Treibhausgas-Emissionen erfasst. Aus Sicht von Kritikern müssen nicht nur die beteiligten Firmen sowie Airlines auf innereuropäischen Strecken, sondern weitere energieintensive Branchen einbezogen werden. Und das System sei viel zu kompliziert.

Was schlagen die Reformer vor? Die EU-Staaten und das Europaparlament einigten sich im Juli darauf, das Angebot an CO2-Zertifikaten zu verknappen - aber erst 2019. Etwa 1,5 Mrd. Verschmutzungsrechte kommen dann in eine Ablage, wo sie dem Handel entzogen sind. 2021 soll die verfügbare Zahl noch mehr abnehmen. Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) lobte das Konzept als "gute Basis". Auch aus der Wirtschaft kamen positive Stimmen: Eine bessere Wirkungskraft sei "wichtig, um die Planungssicherheit zu stärken und Investitionen in CO2-arme Technologien auszulösen", sagte Hildegard Müller vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft.

Ist es realistisch, andere Industrien in den Handel zu nehmen? Hier ist der Gegenwind teils groß. Die Wirtschaftsvereinigung Metalle warnt vor Milliardenkosten. Einige Autobauer, die sich beim Thema CO2 vor allem an den EU-Abgasvorschriften orientieren müssen, zeigen sich aber offen. Auch der VW-Abgas-Skandal dürfte in Paris zur Sprache kommen.

Wie und warum lässt sich das System austricksen? Kriminelle nutzten den Handel, um ihre Taschen zu füllen: Bei "Steuerkarussell-Geschäften" wurden ausländische CO2-Rechte gekauft und im Inland über Zwischenfirmen weitergegeben, ohne Umsatzsteuer zu zahlen - Betrüger ließen sich diese trotzdem vom Finanzamt erstatten. Eine Tätergruppe prellte den deutschen Staat um 850 Mio. EUR. IWF-Chefin Christine Lagarde schlug eine CO2-Steuer vor.

Hat der Handel mit CO2-Rechten das Klimaschutz-Ziel verfehlt? Ein besserer Emissionshandel ist Teil einer wirksamen Klimastrategie. Ziehen jedoch nicht genug Staaten mit, könnten ehrgeizigere EU-Regeln nicht allzu viel bringen, wie das Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien in Hamburg warnte. Die Rolle des größten CO2-Erzeugers China wird über Erfolg oder Scheitern mitentscheiden: Peking will 2017 in den Zertifikate-Handel einsteigen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.11.2015, 08:30 Uhr | geändert: 24.11.2015, 06:01 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball