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Kommentar: Uni und UKT dürfen nicht blockiert werden

Ziegenmelker melken keine Ziegen

Der Ziegenmelker saugt nachts an den Eutern von Ziegen, wodurch diese erblinden oder gar sterben. Das erzählt Plinius der Ältere in seiner Naturgeschichte. Ein Irrtum. Denn der Vogel sieht zwar einem Kauz ähnlich, ist aber nicht so kauzig wie die Sage den Eindruck erweckt. Tatsächlich ernährt er sich unter anderem von Fliegen, und die schwirren nun einmal um Ziegen herum – was die skurrile Geschichte erklärt. In Tübingen nun wird der Ziegenmelker zum Hauptgegner von Universität und Uni-Klinikum. Und das ist keine Mär. Eher ist es zum Mäusemelken.

26.04.2017
  • Gernot Stegert

Rund um das Uni-Klinikum auf dem Schnarrenberg weiden zwar keine Ziegen, aber fliegt dennoch reichlich Nahrung für den Ziegenmelker. Der Fliegen- und Schmetterlingsfresser fühlt sich auf den Tübinger Anhöhen wohl. Und da er gesetzlich geschützt ist, darf in seinem Lebensraum nichts gebaut werden. Damit aber bedroht dieser Vogel die Entwicklung der beiden wichtigsten Einrichtungen und Arbeitgeber in Tübingen: Universität und Klinikum.

Der Schutz bedrohter Arten ist eine Errungenschaft der vergangenen Jahrzehnte und heute so wichtig wie eh und je. Dennoch muss ein Aber erlaubt sein. Der Schutz von Ziegenmelker oder Fledermaus, in anderen Gebieten von Juchtenkäfer oder Zauneidechse kann nicht absolut und damit wichtiger sein als die Gesundheit und Bildung von Menschen. Die Maßstäbe müssen stimmen. Eine Grundsatz-Debatte über die „Grenzen des Wachstums“, wie sie um den Au-Brunnen begonnen hat, verfehlt die Fakten. Als der gleichnamige Bestseller 1972 veröffentlicht wurde und weltweit ein ökologisches Umdenken mitbewirkte, rauchten noch fast überall die Schlote und wurden Chemikalien in Flüsse geleitet. Was in Tübingen anno 2017 an Flächen für Wohnen und Gewerbe, Uni und Klinikum zur Debatte steht, hat damit gar nichts zu tun – weder quantitativ noch qualitativ.

Qualitativ: Das Tübinger Gewerbe ist extrem sauber. Beim Uni-Klinikum geht es um die Gesundheitsversorgung aller in und um Tübingen und um internationale Spitzenmedizin, von der auch Hiesige profitieren. Bei der Uni geht es um Forschung und Lehre. Tübingen ist Universitätsstadt und muss es bleiben. Sie lebt von den verschiedensten geistigen Impulsen. Will jemand all das ernsthaft wegen eines Vogels gefährden? Hoffentlich nicht.

Quantitativ: Der Flächenbedarf ist maßvoll – bei Uni wie Klinikum. Beide nutzen zudem die vorhandenen Flächen. Sie sollen und wollen nicht nur nachverdichten. Sie tun es längst: das UKT hat 37000 Quadratmeter Nutzfläche von 2000 bis 2015 auf seinem Gelände gebaut, die Uni verdichtet in den kommenden Jahren 27000 Quadratmeter auf der Morgenstelle. Von Wachstumswahn auf Kosten der Umwelt kann daher keine Rede sein. So wenig wie davon, dass Ziegenmelker Ziegen melken. Aussaugen könnte der Vogel höchstens die Gesundheitsversorgung, Forschung und Lehre.

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26.04.2017, 01:00 Uhr

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