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Ziemlich beste Jazzer
Till Brönner setzt in seinem Konzert bei den Stuttgarter Jazztagen im Theaterhaus über weite Strecken auf perfekt gemachten und auf Hochglanz polierten Säusel-Jazz. Foto: Udo Eberl
Festival

Ziemlich beste Jazzer

Besucherrekord und starke Konzerte: 7500 Besucher feiern die Internationalen Jazztage im Theaterhaus Stuttgart. Den Schlussakkord setzt Till Brönner.

20.04.2017
  • UDO EBERL

Stuttgart. Die beste Nachricht zu Beginn: Die Internationalen Theaterhaus Jazztage wird es auch im kommenden Jahr wieder an Ostern geben und sicherlich mit einem ähnlich hochwertigen Programm. Großartig, was man im Kulturhaus am Pragsattel erstmals über sieben Tage hinweg erleben durfte. Wobei der Auftritt von Trompeten-Star Till Brönner sozusagen in jeder Beziehung outstanding war, denn er zelebrierte ein seltsam altmodisches Las Vegas-Feeling und exerzierte den hymnischen Auftritt.

Nach einer verbalen Tirade über das deutsche Frühstücksfernsehen und Musicals betätigte er sich noch als Wahlforscher. In diesen unseren Zeiten gehe es nur noch um Angst oder Fußball, und dann wähle man Martin Schulz. Hätte er doch diese klare Kante auch in seinem Programm gezeigt. Das war perfekt gemacht und bis zum Exzess aufpoliert. Über weite Strecken wollte der selbstverliebte Säusel-Jazz aber nicht mehr sein als der Soundtrack fürs entspannte Bügeln.

Till Brönner hatte es wohl ironisch gemeint, als er sagte, man werde nicht so viele Balladen spielen, um das Publikum und sich selbst nicht einzuschläfern. Aber dieses Dämmerhören erreichte der smarte Bläser aus Viersen auch so. Immer très charmant servierte er seinen zeitlosen und mit Soli durchtränkten Jazz. Wobei er auch bei seinen Alleingängen die Hosen nicht wirklich runterließ. Brönner kann gigantisch gut sein. Im Theaterhaus erlebte ein begeistertes Publikum nur ein Aufblitzen dieser solistischen Fähigkeiten, und selbst die Duelle mit dem hervorragenden Saxofonisten Magnus Lindgren waren auf der langen Konzertstrecke eher ermüdend.

Starker Auftritt von Joo Kraus

Deutlich unterhaltsamer war da die 50er-Geburtstagsparty des Trompeter-Kollegen Joo Kraus, der einen eigenen Abend hatte zusammenstellen können. Mit bewährter Band und Streichern im Rücken spielte der Schwabe seine Stärken aus und bewegte sich mit reichlich Wumms zwischen Soul, Pop und Jazz, wobei auch Balladen nicht zu kurz kamen. Allerdings passte hier die Dramaturgie des Abends, und mit Gästen und Freunden wie der Sax-Legende Pee Wee Ellis oder dem Tastenzampano Omar Sosa konnte Kraus stark auftrumpfen. Das war tatsächlich eine fette Geburtstagsparty, und Trompeter Tomasz Stanko legte, seinen 75. feiernd, emotional intensiv nach.

Einen Wahnsinnstrompeter durfte man mit Martin Eberle auch beim Alpenjazz-Abend erleben. Eingebunden in ein vitales Treiben an munter genre-entfremdeten Instrumenten wie Orgelpfeifen oder einer Zither zeigten hier vor allem die Vokalakrobaten Christian Zehnder und Andreas Schaerer, was im alpinen Melting Pot so alles möglich ist. Die zwei Stunden gingen wie im Flug vorbei, was auch für den Abend mit den starken Jazz-Frauen Rebecca Trescher und Monika Roscher galt, die das Publikum mit ihren großformatigen Ideen und Ensembles mal so richtig energetisch aufmischten. Wie man das Piano im Jazz positionieren kann, wurde höchst unterschiedlich und sehr spannend an zwei Abenden in Folge aufgezeigt. Zunächst bündelten sich Michael Wollny und Schlagzeug-Star Wolfgang Haffner zum Duo. Die Frage, ob anderthalb Stunden in einer solchen Besetzung tragfähig sein können, beantwortete sich von selbst. Allerdings hatte dieses auf Improvisation und solistische Aha-Momente setzende Projekt schon auch seine Durchhänger.

Ganz anders der denkwürdige Auftritt des Pianisten Nik Bärtsch mit „Mobile & Extended“. Komplett akustisch entstand ein magischer Fluss aus Notenlinien und rhythmischen Verbindungen, der die Zuhörer in einen hochkonzentrierten Traumzustand versetzte. Als sich dann zum perfekt und doch lustvoll agierenden Quartett noch die Streicher hinzugesellten, wurde diese Mischung aus Minimal Music und Jazz zum schwerelosen Flug.

Von der anderen Seite packte das auf der Insel bereits seit Jahren sehr populäre Neil Cowley Trio den Flügel an. Hämmernd, voller Dynamik und mit Feeling für überbordende Melodien bewegte man sich auf eine völlig andere, raue, trancehafte Ebene und streute zudem noch reichlich britischen Humor ein. Auch lachen durfte man eben reichlich an diesen sieben Wohlfühl-Jazztagen in Stuttgart. Ostern hätte kaum besser klingen können.

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20.04.2017, 06:00 Uhr

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