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Ein Waldschrat von Instrument

Zimmertheater-Premiere: Robert Arnold spielte Süskinds „Der Kontrabass“

Tübingen. Vielleicht ist das Stück deswegen so populär, weil es zweierlei gleichzeitig ist: Künstlernovelle und Novelle des kleinen Durchschnittsbürgers. Ja, das scheint sich zu widersprechen. Aber das liegt eben am Instrument: Der Kontrabass.

13.11.2012
  • Peter Ertle

Einer von vielen im Orchester, ziemlich weit hinten, selten im Vordergrund.

Gegen diese Bedeutungslosigkeit fährt der Kontrabassist in Patrick Süskinds Stück erstmal alles auf, was er zu bieten hat, alle Vorzüge, jede Wichtigkeit, die Einzigartigkeit seines Instruments. Die Vorzüge von Robert Arnolds Kontrabassisten im Saal des Schwabenhauses wiederum liegt in dieser Phase in den kleinen, merklichen Brüchen. Für Sekunden fällt ihm das Gesicht herunter, horcht er ängstlich seinen eigenen Worten nach. Nervös und verzweifelt sieht er aus, bis er wieder die Façon gewinnt.

Und steigert sich umso mehr hinein ins Hohelied des tiefen Kontrabass, das sich bald schwärmerisch zur Hochzeit mit dem hohen Sopran aufschaukelt – ein erster Höhepunkt dieses Abends. Das Stück „Der Kontrabass“ ist selbst hoch musikalisch, phasenweise bernhardesk. Wenn Arnolds Kontrabassist, unterlegt vom Vorspiel der Walküre, sein Instrument als weißen Hai und big brother vorstellt, ist der Saal gesammelt bei ihm, das duldet kein Abdriften, das ist ganz stark gemacht und es ist dies auch keine zufällige Stelle, sondern das erste dräuend hereinbrechende Umschlagen vom besten aller Musikinstrumente ins böse, teuflische Instrument. Es dauert nicht mehr lange und der Musiker schreit im Staccato, ein Sisyphos, ein Gekreuzigter, der bald auch in dieser Pose dasteht und zumindest mit seiner Hornhaut und seinem Sexualleben bezahlt. Frank Siebenschuh, der seinen Schauspieler bisweilen gegen den Strich des Erwarteten inszeniert, hat keine Probleme damit, von Fall zu Fall manieristisch jeglichen Realismus zu sprengen. Dann wird die Tragikomödie zur Farce.

Aber „Der Kontrabass“ ist ja noch viel mehr, nebenbei auch ein Stück über ein Instrument und seine Geschichte. Bei Kontrabassisten ist es legendär und aus der deutschen Theatergeschichte nicht mehr wegzudenken. 1980 entstanden, wird es einfach nicht alt, ein Klassiker. Ingredienzen: Viel Erregungsstoff. Eine Liebesgeschichte. Die deutsche Geschichte – präsent über Wagner, Hitler und diesen Namen: Sarah. . . – ja, das ist sie, die angebetete Sopranistin.

Der Kontrabass als Mutter-Projektion. Als Möbel. Als Kind, das sich nicht unterkühlen darf draußen. Der Vergleiche und Assoziationen sind keine Grenzen gesetzt, genauso wenig wie der Verhimmlichungen und Verteuflungen. Der Kontrabass ist einfach alles: Das Gegenüber. Der Körper. Der Sarah-Stellvertreter. Der Sarah-Fernhalter.

Innige Bilder entstehen, wenn der Kontrabassist seinen Kopf wie ein Puzzlestück in die Rundung des Instruments drückt. Am Ende kann sich der Schauspieler sogar erlauben, ganz wort- und bewegungslos minutenlang zu verharren. Sein Blick, in dem wir lesen und die Musik von „Cosi fan tutte“ erzählen alles.

Dabei hat er eben noch über Mozart gewettert. Aber so ist das in diesem Stück: Voller Ambivalenzen, voller Hassliebe, voller Ironie und voller Komik. Dass wir den Schauspieler nicht sehen, wenn er sich hinsetzt oder in die Knie geht, liegt am Saal im Schwabenhaus, wo es keine ansteigenden Sitzplätze gibt. Dafür kommt Robert Arnold auch mal nach hinten, um zu zeigen, wo im Orchester der Kontrabassist sitzt. Denn mit einem Orchester ist das so wie mit der gesamten Gesellschaft, erläutert der Musiker, was ein weiteres mal zeigt, dass es hier um mehr geht als nur um ein Instrument. Es geht um den Kontrabass als Weltmetapher, als Objekt, dessen Tücke den Musikermenschen zum traurigen Clown degradiert – allerdings: mit offenem Ende.

Info: Weitere Vorstellungen der Zimmertheater-Inszenierung am morgigen Mittwoch, sowie am 17.11. und 22.11. jeweils um 20 Uhr in der Kirchenmusikhochschule, Schwabenhaus, Gartenstraße 12.

Zimmertheater-Premiere: Robert Arnold spielte Süskinds „Der Kontrabass“
Robert Arnold als Kontrabassist mit seinem Lust- und vor allem Leidens-Instrument. Bild: Zimmertheater

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13.11.2012, 12:00 Uhr

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