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NSU

Zschäpe

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11.11.2015
  • PATRICK GUYTON

Dass es an diesem 243. Verhandlungstag im NSU-Prozess hoch hergehen wird, zeigt sich schon in den ersten Minuten. Ein Tag zuvor ist bekannt geworden, dass die Hauptangeklagte Beate Zschäpe sich äußern, dass sie eine Erklärung durch ihren Lieblings-Verteidiger Mathias Grasel verlesen lassen möchte. Schon an diesem Mittwoch soll das sein. Am gestrigen Verhandlungsbeginn hält es Wolfgang Heer nicht aus, neben Wolfgang Stahl und Anja Sturm bildet er das alte Verteidiger-Trio, das mit Zschäpe seit einiger Zeit im Verhältnis der gegenseitigen Ablehnung steht. "Frau Zschäpe ist jetzt im Moment nicht ordnungsgemäß verteidigt", ruft Heer dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl zu, der noch gar nicht alle Nebenklage-Anwälte begrüßt hat. "Das duldet keinen Aufschub, ich sehe einen Revisionsgrund."

Heer muss dennoch ein bisschen warten, dann darf er den erneuten Antrag stellen, ihn und seine beiden Kollegen von der Verteidigung zu entbinden. Sie wollen nichts mehr mit der mutmaßlichen Rechtsterroristin zu tun haben, die der Beihilfe zum Mord in zehn Fällen angeklagt ist. Gar nichts.

Die Taten des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) an neun türkisch- und griechisch-stämmigen Männern und einer Polizistin stellen die schlimmste rechtsterroristische Mordserie in der Bundesrepublik dar. Dass Zschäpes neuer Anwalt Grasel sowie das Gericht dem Alt-Trio "jegliche Informationen vorenthalten hat", hält Heer für ungeheuerlich. Das Verhältnis zu Zschäpe sei "irreparabel geschädigt", die drei seien "nicht eingebunden in strategische Abstimmungen". Dass auch Richter Götzl ihnen nichts gesagt hat über die monatelangen Geheimabsprachen mit Grasel über eine Aussage, hält Heer für eine "Respektlosigkeit". Die Alt-Verteidiger seien hier nur noch "Fassade" und "faktisch vom Vorsitzenden kaltgestellt", wie er in der Pause weiter erklärt.

Die Körpersprache des Prozesses zeigt die Konstellation deutlich: Während sich die 40-jährige Zschäpe vor Verhandlungsbeginn und in kleinen Pausen ganz dem ihr zur Linken sitzenden Grasel widmet, dreht sie den Rücken zu den anderen drei. Zwischen ihnen besteht keine Kommunikation mehr. Der Prozess wird immer verzwickter und verfahrener, sein Hauptproblem ist der Krieg der Verteidiger untereinander. Sollte Richter Götzl die drei alten entbinden, bliebe nur noch Mathias Grasel - und dessen älterer Anwaltskollege Hermann Borchert, der gestern seine Verteidigung angezeigt, aber schon im Hintergrund gearbeitet hat. Doch ein Verteidiger und ein neuer, der erst nach zweieinhalb Jahren einsteigt, sind zu wenig für eine ordnungsgemäße Verteidigung. Schlimmstenfalls würde der Prozess deshalb platzen.

Erstmals sieht auch der Vorsitzende Richter in dem Verfahren ziemlich schlecht aus. Schon seit Ende August dieses Jahres stand er, wie er erklärt, mit dem Anwalt Borchert in Kontakt wegen einer Aussage Zschäpes. Dieser Anwalt tauche aber, wie Verteidigerin Sturm kritisiert, "nicht in der Akte auf". Richter Götzl habe ihn bisher ausgespart. Auch auf mehrfache Nachfragen in jüngster Zeit, ob Zschäpe aussagen werde, haben die Alt-Verteidiger keine Antwort vom Gericht erhalten. Sie erfuhren die Nachricht, so ihre Darstellung, erst am Montagnachmittag aus den Medien. Der Richter, so hat es den Anschein, sieht es nicht als seine Aufgabe an, in der zerstrittenen Verteidigerriege für einen Gleichstand an Information zu sorgen.

Beate Zschäpe will, so lautet eine Interpretation, mit ihrem Schwanken zwischen den Verteidigern noch das retten, was es irgendwie für sie zu retten gibt. Ihr wird - schon seit jeher - der Hang zu einem manipulativen Verhalten nachgesagt. Drei Anwälte straft sie ab, einen neuen Liebling baut sie sich auf. Nebenklage-Vertreter Alexander Hoffmann kann zwar den Frust seiner drei Kollegen verstehen. Er sagt aber: "Ursprung für die Probleme ist erneut alleine ihre Mandantin, die wieder einmal die Verteidiger gegeneinander ausspielt." Die Sache müsste innerhalb der Verteidigung geklärt werden.

Nach den vielen erdrückenden Indizien, die allesamt für eine Beteiligung Beate Zschäpes an den Morden und dem Kölner Nagelbombenanschlag sprechen, geht es hier wohl nicht mehr um Lebenslänglich oder nicht. Es geht um ein Lebenslänglich, das fünfzehn Jahre Gefängnis bedeuten würde - oder um eine noch längere Haft, sollte die "besondere Schwere der Schuld" anerkannt werden.

Was die Hauptangeklagte verlesen lassen will, ist weiter unklar. Laut Verteidiger Grasel soll es eine "umfassende Einlassung" werden. Immerhin verrät er weiter, dass Fragen des Gerichtes beantwortet werden würden, aber nicht der Nebenkläger - offen bleibt, ob von ihm oder von Beate Zschäpe selbst. Wie wurden die Mordopfer bestimmt? Welche Helfer gab es wo? Warum mussten die Menschen sterben? Offene Fragen gibt es noch genug, die Angehörigen warten weiter auf eine Antwort.

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11.11.2015, 12:00 Uhr

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