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Vor 40 Jahren wurde die Gründung von Neustetten besiegelt

Zu dritt, zu fünft, zu siebt?

Am 10. Oktober 1971 unterschrieben die Bürgermeister Rudi Maier (Remmingsheim und Wolfenhausen) und Paul Haigis (Nellingsheim) den Fusionsvertrag. Damals war aber noch offen, ob die neue Gemeinde Neustetten dauerhaft überlebensfähig sein würde.

07.10.2011
  • michael hahn

Neustetten. Vollzogen wurde der Zusammenschluss der drei Bauerndörfer Remmingsheim, Wolfenhausen und Nellingsheim erst am 1. Dezember 1971. Neustetten war eine der ersten „Einheitsgemeinden“ im Landkreis Tübingen. Am selben Tag wurde auch Ammerbuch gegründet (aus sechs Dörfern), bald darauf folgten Starzach und Kusterdingen.

In jener Zeit überzog eine Verwaltungsreform ganz Baden-Württemberg. Das Ziel war, die kommunalen Verwaltungen zu professionalisieren: Kleine Dörfer sollten sich zu größeren Einheiten zusammen schließen oder in benachbarte Städte eingemeinden lassen. 1967 gab es noch 3.379 selbständige Gemeinden im Land, acht Jahre später nur noch 1.111. Die Landesregierung setzte die Verwaltungsreform mit Zuckerbrot und Peitsche durch: Sie zahlte Fusionsprämien, drohte später auch mit Zwangseingemeindungen.

Remmingsheim hatte 1970 gerade mal 813 Einwohner, Wolfenhausen 442 und Nellingsheim 288 (alle Angaben aus dem neuen Neustetter Heimatbuch von Wolfgang Sannwald). Die Bevölkerungszahlen stagnierten seit Kaisers Zeiten. Professionelle Verwaltungen mit finanziellem und juristischem Sachverstand und mit der notwendigen technischen Ausstattung waren auf dieser kleinen Basis nicht zu erreichen. Aber welche Fusionsstrategie war die richtige?

Fusion mit Seebronn oder gar Obernau?

Neben der schließlich vollzogenen Dreier-Lösung waren 1971 auch andere Optionen in der Diskussion: eine so genannte Fünferlösung (mit Seebronn und Hailfingen), eine Siebener-Lösung (zusätzlich mit Obernau und Bad Niedernau) oder schlicht eine Eingemeindung nach Rottenburg. In diesem Fall, so sagt der damalige Nebenerwerbs-Bürgermeister Rudi Maier heute, hätte sich Wolfenhausen vermutlich nach Ergenzingen eingemeinden lassen.

Als Seebronn sich jedoch nach Rottenburg orientierte, gewann die Dreier-Lösung an Plausibilität. Im Sommer 1971 tagten die Gemeinderäte von Remmingsheim, Wolfenhausen und Nellingsheim mehrmals gemeinsam und diskutierten die Details. Das Ganze wurde erleichtert durch die Tatsache, dass der 32-jährige Rudi Maier damals bereits Doppel-Bürgermeister war – in seinem Heimatort Wolfenhausen und in Remmingsheim. Und zu Nellingsheim gab es enge nachbarschaftliche Beziehungen.

Im September 1971 schließlich erhielten alle Haushalte im Stäble ein Exemplar der Fusions-Vereinbarung. Rudi Maier orientierte sich am Vorbild Gäufeldens. Im Gemeinderat der neuen Kommune sollte jeder Ortsteil eine bestimmte Zahl von Sitzen garantiert bekommen („unechte Teilortswahl“). Aber anders als etwa in Ammerbuch sollten die Dörfer keine eigenen Ortschaftsräte und Ortsvorsteher mehr haben.

Am Sonntag, 10. Oktober, konnten die Einwohner darüber abstimmen. Sie entschieden sich in allen drei Dörfern mit großen Mehrheiten (73 bis 90 Prozent) für die Dreier-Fusion. Allerdings war die Wahlbeteiligung „nicht sonderlich hoch“, berichtete damals die ROTTENBURGER POST.

Noch am selben Nachmittag tagten die drei Gemeinderäte und ratifizierten den Zusammenschluss. Für die neue Kunst-Kommune wählte man den Namen „Neustetten“ – anknüpfend an die abgegangene mittelalterliche Siedlung Stetten südlich von Wolfenhausen. Auch andere Namensvorschläge standen im Raum, beispielsweise „Stabsfeld“.

Auch Ergenzingen hatte Interesse

Allerdings betrachteten viele die neue Gemeinde nur als Provisorium. Denn die Dörfer brachten es zusammen nur auf 1.584 Einwohner. Als erstrebenswert für eine Kommune galten damals eher 8.000 Einwohner. Auf einer Bürgerversammlung in Nellingsheim hatte der Tübinger Landrat Oskar Klumpp die Dreier-Lösung zwar empfohlen, aber nur als „Grundstock für einen größeren Zusammenschluss“.

Schon wenige Wochen nach der Fusion meldete Ergenzingen (damals 2.500 Einwohner) Interesse an einem Zusammenschluss mit Neustetten an – inklusive Eckenweiler und Baisingen. Ergenzingen gehörte zum Altkreis Horb und wollte partout in den Kreis Tübingen wechseln. Der (noch provisorische) Neustetter Gesamt-Gemeinderat lehnte ab: „Wir waren schon stark genug“, erinnert sich Rudi Maier. Trotzdem war die neue Gemeinde in vielen Bereichen (beispielsweise Schulen und Kläranlagen) auf eine enge Kooperation mit Rottenburg und Ergenzingen angewiesen.

Zwei Jahre später musste Neustetten noch einmal um seine Eigenständigkeit bangen. Zum Abschluss der Verwaltungsreform bereitete die Landesregierung verschiedene Zwangs-Eingemeindungen vor. Mit einem persönlichen Besuch im Innenministerium konnte Rudi Maier dies fürs Stäble verhindern. Er versprach: „Wir tun Baugebiete ausweisen, noch und noch“ – ohne wirklich zu wissen, ob sich das auch umsetzen ließe, wie er dem TAGBLATT jetzt sagte. Das angegebene Ziel (2.000 Einwohner) überschritt Neustetten aber erst 1982.

Info: Die Gemeinde Neustetten feiert ihren Geburtstag am Samstagabend, 26. November, in der Stäblehalle.

Zu dritt, zu fünft, zu siebt?
10. Oktober 1971, 20.10 Uhr im Remmingsheimer Rathaus: Die Bürgermeister Rudi Maier (rechts) und Paul Haigis haben gerade den Vertrag über den Zusammenschluss von Remmingsheim, Wolfenhausen und Nellingsheim unterschrieben und abgestempelt. Archivbild: Faiss

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07.10.2011, 12:00 Uhr

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