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Zu gefährlich für die Freiheit
Blumen und Kerzen für das Opfer: Der brutale „Zementmord“ im August 2007 hat viele Menschen schockiert. Foto: PPavlovic/ZVW
Justiz

Zu gefährlich für die Freiheit

Narzisstisch, antisozial, manipulativ: Der psychiatrische Gutachter im „Zementmord“-Prozess hält den Haupttäter Deniz E. für stark rückfallgefährdet. Doch auch im Strafvollzug seien Fehler passiert.

21.03.2018
  • ROLAND MÜLLER

Stuttgart. Es sind die Nächte, in denen Deniz E. in seiner Zelle nicht zu bändigen ist, in denen irgendwas raus muss aus ihm. Mit den Fäusten schlägt er gegen Wände, Schränke, die Tür, bis die Hände blutig sind. Einmal zertrümmert er sein Waschbecken. Den anderen Gefangenen in der JVA Heimsheim ist der verurteilte Mörder unheimlich, keiner will mit ihm in einer Zelle leben. Wenn er auf ihren Stock verlegt wird, legen Abteilungssprecher Beschwerde ein.

Was ihn antreibt, warum er nachts so außer Rand und Band ist, darüber rätseln Richter, Gutachter und seine ehemalige Sozialarbeiterin an diesem Dienstag im Stuttgarter Landgericht. Muss er aufgestaute Aggressionen loswerden, die in ihm wüten, weil er psychisch schwer gestört ist? Liegt es an den hochdosierten Medikamenten oder Drogen, die er heimlich nimmt? Oder ist es ein perfides Machtspiel, mit dem er die Knastoberen unter Druck setzen will? Es ist ein Puzzlestück für die Frage, die das Gericht entschieden muss: Kann der 29-Jährige nach zehn Jahren Haft entlassen werden? Oder ist er zu gefährlich, muss er in Sicherungsverwahrung – und womöglich für immer hinter Gittern bleiben?

Leichenteile im Blumenkübel

Elf Jahre ist es her, dass der damals 18-jährige Deniz E. einen Mord begangen hat, der so fassungslos machte, dass viele eine Verschärfung des Jugendstrafrechts forderten: Aus übersteigerter Eifersucht schlug er den Gymnasiasten Yvan Schneider tot – und zerstückelte danach mit mehreren Helfern die Leiche. Die Einzelteile, einbetoniert in Blumenkübeln, warfen die Täter in den Neckar. Die Tat ging als Stuttgarter „Zementmord“ in die Kriminalgeschichte ein.

Mehrere Prozesstage lang haben die Richter ausführlich Menschen vernommen, die im Gefängnis oder in der Psychiatrie mit Deniz E. zu tun hatten: Ärzte, JVA-Mitarbeiter, Psychologen. Ein klares Bild ergab sich für die Richter daraus nicht. So blieb unklar, warum in zehn Jahren Haft keine Therapie gelang, keine berufliche Ausbildung, kein Ansatz einer Aufarbeitung der Bluttat. „Das treibt mich um, geb ich zu“, sagt Richter Joachim Holzhausen. Deniz E. antwortet nicht.

Als dann der psychiatrische Gutachter Gunter Joas sein Fazit zieht, ist viel von verpassten Chancen die Rede. So kann der Psychiater nicht verstehen, warum die Gefängnisärzte über Jahre ein teils vierfach überdosiertes Ritalin-Präparat verabreichten – obwohl es offensichtlich nicht wirkte und klar war, dass Deniz E. parallel Drogen nahm. „Das fasse ich nicht“, sagte Joas.

Am Ende ist seine Einschätzung aber deutlich – und sie ist negativ. Deniz E. habe eine „äußerst schlechte Kriminalprognose“, sagt Joas, es gebe eine hochgradige Wahrscheinlichkeit für weitere schwere Gewalttaten. Damit seien die Voraussetzungen für eine nachträgliche Sicherungsverwahrung erfüllt.

Joas spricht von einer „kombinierten Persönlichkeitsstörung“: ausgeprägter Narzissmus, eine antisoziale Störung und Borderline-Anteile. Fast zehn Stunden hatte der Psychiater den 29-Jährigen im Januar untersucht. Echtes Mitleid mit dem Opfer habe er nie geäußert, dafür fühle er sich ungerecht behandelt. Schon in Kindergarten und Grundschule habe Deniz E. sich aggressiv und auffällig verhalten. Bei den zerstrittenen Eltern fand er emotional keinen Halt – aber auch keine Regeln oder Grenzen. „Jeder Wunsch wurde finanziell erfüllt“, sagte Joas, Fehlverhalten habe nie Konsequenzen gehabt. „Bei Jugendpsychiatern schrillen da die Alarmglocken.“ Doch behandelt wurde die Störung nie. Nach dem Hauptschulabschluss sei jede Struktur weggefallen. Deniz E. lebte in den Tag hinein, konsumierte Drogen und lernte ein junges Mädchen kennen. Er steigerte sich in die Beziehung über alle Maßen hinein: Narzisstischer Kontrollwahn und Eifersucht wurden übermächtig, unbedingt wollte er sich an ehemaligen Liebhabern „rächen“.

Eine ähnliche Konstellation könne es nach einer Entlassung wieder geben, sagt Psychiater Joas. Die psychische Störung sei in Haft nie therapiert worden, daher habe Deniz E. „nicht das Rüstzeug, mit so einer Situation umzugehen.“ Er habe „keine Frustrations-Toleranz im zwischenmenschlichen Bereich“. Dass er im Gefängnis nie gewalttätig wurde, falle da kaum ins Gewicht.

Deniz E. blickt reglos vor sich hin, als der Psychiater diese Sätze sagt, dann schließt er die Augen. Offiziell soll das Urteil nach Ostern fallen. Doch mit diesem Gutachten sind seine Chancen auf Freiheit rapide gesunken.

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21.03.2018, 06:00 Uhr

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