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Diskussionsrunde zum Clubsterben

Zu wenig Platz für Subkultur in Tübingen

Wie sieht die Zukunft des Tübinger Nachtlebens aus? Diese Frage wurde am Dienstag zwischen der Stadt und Anbietern im Club Voltaire diskutiert: OB Boris Palmer, DJ Holger Kesten, Asli Kücük vom „Laden am Sternplatz“, und Jürgen Eberhard, Betreiber des ehemaligen Clubs „Mancuso“, lieferten sich eine lebhafte Debatte.

02.11.2012
  • moritz siebert

Tübingen. „Die Stadt ist am Zug, etwas zu tun“, findet Holger Kesten. Bereits 2006, als der Club „Depot“ schließen musste, hatte sich der DJ und Veranstalter mit der Gründung einer Bürgerinitiative für den Erhalt eines attraktiven Nachtlebens eingesetzt. „Heute ist die Situation aber noch schlimmer.“ Nachdem in diesem Jahr die Clubs „Mancuso“ und „Zentrum Zoo“ schließen mussten, steht auch der „Blaue Turm“ vor dem Aus. „Wir haben dringend Bedarf an neuen Clubs“, sagt Kesten.

Oberbürgermeister Boris Palmer teilt seine Meinung nicht ganz: „Die konkrete Entwicklung ist nicht so schlimm, wie sie dargestellt wird.“ Zwar seien Clubs verloren gegangen, Ausgehmöglichkeiten gebe es aber nach wie vor. Feiern könne man auch in der Großraumdisco Top 10. „Ich war schon mal drin. Es war eigentlich gar nicht mal so schlecht.“ Hämisches Lachen erntete Palmer mit dieser Aussage von den rund 80 Gästen im Club Voltaire, die der Einladung der AL-Grünen zur Podiumsdiskussion gefolgt waren. Aus der zweieinhalbstündigen Debatte über die Zukunft des Tübinger Nachtlebens (moderiert wurde sie von der AL-Stadträtin Evelyn Elwart-Mitsanas) gingen zwar keine konkreten Lösungsansätze hervor – wie schwierig es ist, einen neuen Club in Tübingen zu etablieren, wurde aber deutlich.

Alternativen zum Kommerz gesucht

Das Top 10 sei nicht diskussionsrelevant, meinte Asli Kücük, Inhaberin des „Laden am Sternplatz“. „Wir brauchen im subkulturellen Bereich mehr Möglichkeiten.“ In ihrem Laden höre sie Jugendliche und junge Erwachsene täglich klagen, es mangele an Alternativen zum Kommerz der Großraumdisco. Auch Kesten, als DJ ein Kenner des Nachtlebens in Tübingen und Baden-Württemberg, vermutet: „Viele gehen nur aus Verzweiflung ins Top 10.“ Selbst treffe er Tübinger nachts oft in Stuttgart an.

In der Diskussion fühlt sich Jürgen Eberhard, Betreiber der beiden ehemaligen Clubs „Depot“ und „Mancuso“, als „Advokat des Teufels“. Obwohl er sich einen neuen Club in Tübingen wünscht, erkennt er die Schwierigkeit, einen zu eröffnen. Ein neuer Club müsste von der Innenstadt aus zu Fuß erreichbar sein, gleichzeitig müssten aber auch die Lärmschutzbedingungen eingehalten werden. „Es fehlt in Tübingen an brachliegenden Industriehallen, die sich für Clubs anbieten.“ Stadtnahe Räume seien wegen Anwohnern immer problematisch.

Palmer stellt den Anspruch, „dass auch eine Familie in der Innenstadt wohnen kann“. Als OB könne er nicht Partei für eine Gruppe ergreifen, er müsse die Anliegen aller Bürger respektieren. „Realpolitisch ist es nicht sinnvoll“, warnt er, „sich mit der überwältigenden Mehrheit anzulegen.“ Zwei Drittel der Bevölkerung hätte das Nachtleben nach seiner Einschätzung in Tübingen gegen sich. Von diesen zwei Dritteln fordert Kesten hingegen Kompromissbereitschaft: „Wenn ich neben eine Kneipe ziehe, dann weiß ich, dass es laut ist“, sprach er sich gegen eine jugendfeindliche Altstadtkultur aus.

Viele Zuhörer vermissten in der Debatte eine klare Positionierung der Stadt – und konkrete Lösungsvorschläge. Angeregt wurde, unter anderem von Gastronom Ulf Sie bert, das Nachtleben auf ein Viertel oder auf eine Straße zu konzentrieren, etwa auf die Mühlstraße. „Man muss gemeinsam ein Konzept entwickeln, sonst passiert nichts.“ Für aussichtslos halten das Palmer und Eberhard, weil in Tübingen keine Straße stadtnah gelegen ist, in der es keine Bewohner gibt. Außerdem gab Kücük zu bedenken: „Subkultur kann man nicht planen, sie wächst von selbst.“

Auch der alte Schlachthof in der Schlachthausstraße wurde angesprochen. Betreiberkonzepte für den Raum seien ihm jederzeit willkommen, so Palmer, die Stadt sei kooperationsbereit. Auch mit Eberhard verhandle man seit einem Jahr. Der gab sich aber eher pessimistisch: „Wenn jemand eine Lösung hat, dann höre ich mir die auch gerne an.“

Zu wenig Platz für Subkultur in Tübingen
Partys mit Live-Musik waren immer Teil des kulturellen Angebots im Club „Mancuso“ im alten Foyer an der Blauen Brücke, der dieses Jahr schließen musste: Über Jahre sorgte dort etwa die Samowar Big Band des Trompeters Sensi Simon regelmäßig für Stimmung. Archivbild: Eichhorst

Ziel der Bürgerinitiative Kultur- und Nightlife in Tübingen, die Holger Kesten 2006 gründete, ist die Förderung kultureller Ausgehangebote. Vor allem will man mehr und längere Club-Veranstaltungen und Konzerte in Tübingen ermöglichen. Ebenso widmet sich die Initiative der Suche nach Flächen und Räumen für Veranstaltungen und will ein Forum bieten, um einen offenen und konstruktiven Dialog zu ermöglichen. Seit September dieses Jahres existiert auch Rock the Nightlife, eine Facebook-Initiative, die sich für ein „tanzbares und vielfältiges Nachtleben“ in Tübingen einsetzt.

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02.11.2012, 12:00 Uhr

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