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Tübingen

Zugeschlagene Türen

Was das berühmteste christliche Weihnachtslied mit der ursprünglichen Botschaft von der Geburt Jesu zu tun hat: Einen kritischen Blick auf „Stille Nacht, heilige Nacht“, 200 Jahre nach der Entstehung, warf am 24. Dezember der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel („Weihnachten ohne Bethlehem?“).

22.01.2019

Von Uwe Brauner, Tübingen

Wie Kuschel darlegt, verengt das Lied die kontrafaktisch zum Herrschaftsfrieden aller Imperien stehende Botschaft von der gewaltfreien Friedensherrschaft Gottes individualistisch auf die „Rettung“ des Einzelnen. Außerdem unterschlägt seine sozialromantische Armutsverklärung, dass die Menschheit sich schon seit der ersten Erdenstunde des Weltretters weigert, diesen überhaupt zu beherbergen, und dass dies der Anfang ihrer Versuche ist, immer wieder mit allen Mitteln die Gegenwart Gottes zu verstellen und sich schließlich von ihm abzuschneiden: „Am Anfang der Stall – am Ende der Galgen“ (Walter Jens). In der Theologie, genauer in den ökumenischen Konsenstexten zum Abendmahl, das eigentlich der Ort ist, wo sich die Gemeinde diese Situation des Kreuzes vergegenwärtigt, hat „Stille Nacht, heilige Nacht“ und seine Verschleierung der vom Menschen vor Gott zugeschlagenen Türen leider ein Gegenstück. Der Theologe Michael Welker beklagt es so: „Insgesamt machen die ökumenischen Dokumente die Gefahr deutlich, dass die Betonung der Sündenvergebung zunehmend zu einer Floskel erstarrt und dass faktisch die ,Theologie der Bewahrung‘ (mit ihrem Unterpfand- und Vorgeschmacksdenken; U.B.) sich ökumeneweit durchsetzt. Dabei droht das Gedächtnis des Kreuzes Christi zu verblassen und damit die große Gefährdung der Gemeinschaft der Menschen mit Gott und untereinander sowie die radikale Angewiesenheit der Menschen auf eine unverfügbare Wendung ihres Geschicks in extremer Not und Selbstgefährdung.“ („Gottes Offenbarung“, S. 278)

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Erstellt:
22. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Januar 2019, 01:00 Uhr

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