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Das Ende der Wilhelma droht

Zukunft des Studentenwohnheims hinterm Clubhaus ist ungewiss

Der Tisch vorm Haus ist – bei schönem Wetter – der Lieblingsplatz der Wilhelma-Bewohner. Vor allem seit das Wohnzimmer seines Sofas beraubt wurde. Aus Brandschutzgründen. Die waren auch der Anlass für die Kündigung aller 14 Mietverträge in dem selbstverwalteten Studentenwohnheim hinterm Clubhaus in der Wilhelmstraße. Dem Haus droht nun der Abriss.

28.10.2014
  • Sabine Lohr

Tübingen. „Kaffee? Tee? Wasser?“ Susanne Jahn bietet alles an, was da so auf dem Tisch steht. In früheren Jahren war er mal Mobiliar in irgendeinem Seminarraum. Er ist reichlich abgewetzt und passt deshalb ganz gut zu dem Haus, in dem die Studenten wohnen, die hier in gemütlicher und fröhlicher Runde zusammensitzen.

Während Jahn Tee einschenkt, schiebt im Hintergrund ein junger Mann einen ganzen Einkaufswagen voll Lebensmittel vors Haus, lässt ihn dort stehen und verschwindet. Am Abend wird wieder gekocht, wie jeden Abend. „Da kommen immer viele Leute zusammen“, sagt Jahn. Auch sie ist oft dabei, obwohl sie gar nicht in der Wilhelma wohnt. Aber sie hat mal dort gelebt und fühlt sich in dem fast 60 Jahre alten Gebäude immer noch wohl.

Das ist typisch für die Wilhelma. Die Ex-Bewohner sind einander sehr verbunden. Sogar einen Verein der Ehemaligen gibt es. „Wir wollen, dass der Standort bleibt. Er ist ein Fixpunkt, der historisch so gewollt ist“, sagt Aytac Cakar, auch ein Ex-Bewohner. Gebaut wurde das Studentenwohnheim 1956, zur selben Zeit wie das Clubhaus. „Die beiden Gebäude gehören zusammen“, sagt Raphael Schwörer. „Es war eine Stiftung der Amerikaner, die einen Gegenpol zu den Verbindungen herstellen wollten“, fasst er die Idee kurz zusammen. Schon immer haben in der Wilhelma politisch engagierte Studenten gewohnt – Fachschaftler vor allem, aber auch andere. Hausbesitzer ist das Land, das das Gebäude dem Studierendenwerk Tübingen-Hohenheim vermietet hat. Das wiederum vermietet es weiter – und überlässt alles Organisatorische seit 15 Jahren den Bewohnern.

Denen ist die Selbstverwaltung besonders wichtig. „Wir suchen uns die Bewohner selber aus“, sagt Susanne Jahn. Dabei werde nicht so sehr darauf geschaut, wer wo engagiert ist, sondern in erster Linie darauf, ob der Bewerber zur Gruppe passt. Denn die Wilhelma ist eine große Wohngemeinschaft – es gibt eine gemeinsame Haushaltskasse und Koch-, Putz- und Einkaufspläne. Alle zwei Wochen tagt das Plenum, zu dem alle zusammenkommen, um Anliegendes zu besprechen.

Thema in diesem Plenum ist seit einem unerfreulichen Besuch im Frühling 2013 die Zukunft der Wilhelma. Ein Brandschutzgutachter kam damals und beäugte das Haus von unten bis oben. Das Ergebnis: Die Wilhelma ist in einem erbärmlichen Zustand. „Wir mussten notgedrungen das Studierendenwerk bitten, die Studenten rauszusetzen“, sagt Bernd Selbmann, Leiter des Amts für Vermögen und Bau des Landes.

So schnell ging es dann aber doch nicht. Selbmann, Studierendenwerk und die Wilhelma-Bewohner verhandelten miteinander. Den Studenten wurden die Mietverträge bis September 2015 verlängert und das Haus wurde halbwegs brandgeschützt. Eine Feuertreppe wurde angebaut, ein baufälliger Balkon gesperrt und Brandschutztüren eingebaut. Aus dem Wohnzimmer mussten alle Holzmöbel und das Sofa raus, auch eine Decke, die das Treppengeländer verhüllte und eine Art Wand vortäuschte, musste entfernt werden. Raphael Schwörer findet es besonders schade, dass die Tür, die aus dem Untergeschoss in den Garten führt, geschlossen wurde. Über dieser Tür nämlich droht der gesperrte Balkon irgendwann abzustürzen.

Ein Jahr lang dürfen sie nun noch bleiben. Wie es dann weitergeht, ist völlig ungewiss. Den Wilhelma-Bewohnern wäre es am liebsten, das Land könnte das Haus nach und nach sanieren, so dass es keinen Leerstand gibt. Das aber hält Selbmann für unwahrscheinlich: „Da ist so viel zu machen, das geht nicht bei lebendigem Leib.“ Sämtliche Wasser- und Elektroinstallationen müssten erneuert werden, dazu braucht das Haus eine Dämmung, eine neue Fassade, neue Balkone, Fenster und einiges mehr.

Die Verlängerung der Mietverträge kommt Selbmann zupass: „Das muss ja alles sehr gut geplant sein, dafür brauchen wir Zeit“, sagt er. Wobei auch ihm noch nicht klar ist, wie es mit der Wilhelma weitergeht. Denn auch ein Abriss wäre denkbar. Zudem hat das Denkmalamt ein Wort mitzureden, denn die Wilhelma ist geschützt. Stellt das Amt fest, dass die Sanierung wirtschaftlich nicht zumutbar ist, bedeutet dies das Ende des Studentenheims. Dann kommt der Abrissbagger – und nach ihm vielleicht ein Neubau. „Der müsste dann aber erheblich mehr Studenten Wohnraum bieten“, sagt Selbmann. Bis Ende des Jahres, verspricht er, soll über die Zukunft des Hauses entschieden werden.

Dass es überhaupt zu dem erbärmlichen Zustand kam, erklärt Selbmann damit, dass das Amt für Vermögen und Bau weitaus größere Probleme und Baustellen habe als die Wilhelma. „Da gibt es riesige Versammlungsräume, die dringender saniert werden müssen.“ Die Wilhelma-Bewohner fürchten vor allem, dass die Selbstverwaltung nach einer Sanierung auf der Strecke bleibt. „Es ist schon ein Kampf zu zeigen, dass so eine soziale Lebensform etwas Erhaltenswertes ist“, sagt Raphael Schwörer. Und Susanne Jahn verweist auf die gute Vernetzung der Wilhelma mit anderen selbstverwalteten Wohnprojekten. Aytac Cakar regt an, dass die Bewohner selbst bei der Sanierung zupacken können: „Die könnten schon schaffen, wenn sie dürften – da gibt es viel Potenzial.“ Vor allem aber wünschen sich die Bewohner, überhaupt mal gehört zu werden: „Wir werden als Gesprächspartner überhaupt nicht wahrgenommen.“

Zukunft des Studentenwohnheims hinterm Clubhaus ist ungewiss
An der Kaffeetafel vor der Wilhelma genießen Susanne Jahn, Johannes Issaffe, Hannes Rathmann, Christian Mina, Raphael Schwörer und Constanze Schmidt (von links) die letzten schönen Tage. In einem Jahr müssen sie alle das Haus verlassen. Ob das selbstverwaltete Studentenwohnheim dann saniert oder abgerissen wird, ist noch nicht klar. Bild: Sommer

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28.10.2014, 12:00 Uhr

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