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"Er will uns beunruhigen"

Zum 200. Geburtstag Georg Büchners - Ein Gespräch mit dem Germanisten Burghard Dedner

Ein kurzes Leben mit gewaltiger Nachwirkung: Der vor 200 Jahren geborene Georg Büchner hat die deutsche Literatur revolutioniert. Germanist Burghard Dedner erklärt, was Büchner so bedeutend macht.

16.10.2013

Von LENA GRUNDHUBER

Seit 1987 arbeiteten Sie an der Ausgabe der Werke Georg Büchners. Was fasziniert Sie an dem Oeuvre?

BURGHARD DEDNER: Dass ich ständig Neues lerne. Büchner wiederholt sich nie. "Lenz" ist anders als "Dantons Tod", und das ist ganz anders als "Leonce und Lena". Weil er Naturwissenschaftler war, weiß ich nun alles über die Schädelnerven der Fische. Für den Philosophen Büchner habe ich mich mit Spinoza und Descartes befasst, und für den Revolutionär unter anderem mit dem Steuersystem der Zeit.

Wir feiern Büchner vor allem als Dichter. Was macht ihn aus?

DEDNER: Er schreibt konzentrierter als irgendein anderer. Dieses Spiel mit Wörtern kennen wir aus der Lyrik. Aber in seiner Prosa und Dramatik bleibt es nicht beim Sprachspiel, Büchner geht es um moralische und politische Probleme. Im "Woyzeck" fragt er, wie wir mit Armen umgehen, im "Lenz", was wir mit psychisch Kranken tun.

Wie kommt sein "Sound" zustande?

DEDNER: Seine Sprache schillert. Darin steckt Shakespeare, biblische Sprache, Alltagssprache. Für Leser ist das ähnlich, wie beim Sternekoch zu essen: Man weiß nicht, welche Gewürze drin sind - man muss es auch nicht. Das macht den Reiz.

Es fällt gern das Wort "Genie". . .

DEDNER: "Genie" ist ein Reklamebegriff. Büchner ist nicht wie ein Meteor vom Himmel gefallen. Er steht in der Tradition des Sturm und Drang, hat viel von Goethe und Lenz gelernt. Mit den Romantikern teilt er das Interesse an psychischen Grenzzuständen, nur schreibt er über reale Menschen. Seinen Shakespeare kannte Büchner auswendig, von ihm übernimmt er den Wechsel tragischer und burlesker Szenen.

Dennoch gilt Büchner als erstaunlich modern. Woher rührt das?

DEDNER: Weil Büchner aus all dem etwas Eigenes macht. Es geht ja nie darum, dass jemand etwas "damals schon" konnte. Er konnte es - und heute kann es keiner besser. Etwas wirklich Neues aber war der Wegfall des Erzählers in "Lenz". Das hat die Rezensenten damals beunruhigt. Man warnte, das wirke wie eine "ansteckende Krankheit". Das Faszinierende daran wurde erkannt, aber Büchners Literatur war nicht, was sie damals sein sollte: erbaulich.

Eine neue Biografie von Hermann Kurzke stellt die christliche Prägung heraus. Wie stehen Sie dazu?

DEDNER: Ach, die Christianisierung Büchners, das passiert alle 30 Jahre. Aber er glaubte nicht an einen Schöpfergott. Dagegen spricht für ihn die Unvollkommenheit der Welt und der Schmerz, den wir erleiden. Er kennt die biblische Tradition und nutzt sie etwa im "Hessischen Landboten", um die Bauern zu erreichen. Aber er hätte das Glaubensbekenntnis nicht aufsagen können, ohne zu erröten.

In Büchners Werk steckt ein existenzieller Schmerz. Woher kommt der?

DEDNER: Psychologisch will ich da nicht spekulieren. Doch die Unvollkommenheit der Welt und die Ungerechtigkeit treiben Büchner um: Wieso müssen Menschen hungern? Wir müssen bedenken, dass er das aus seiner unmittelbaren Umgebung kannte. Die Welt war viel schmerzerfüllter als heute. Büchner ging es um die Abschaffung der Differenz von Arm und Reich. Er wollte eine demokratische Republik.

Am Ende schien er sich auf seine Karriere als Naturwissenschaftler konzentriert zu haben.

DEDNER: Er war mit 23 Jahren Privatdozent für Neuroanatomie! Vom Schreiben zu leben, war nicht seine Absicht. Dazu schrieb er zu langsam und zu genau.

Aber es heißt doch, "Dantons Tod" sei in fünf Wochen entstanden.

DEDNER: Die Niederschrift ja. Aber dem ging intensives Studium der Quellen voraus. Jemand, der davon leben muss, hätte dazu keine Zeit.

Die Quellen nutzt er als Collage-Material. Auch sehr modern, oder?

DEDNER: Das Verfahren gibt es auch in Goethes "Götz". Büchner nutzt es, um Authentizität zu erzeugen - auch er kann keine bessere Rede schreiben als Robespierre. Und er montiert gegen den Sprecher gewandt, als Phrasenkritik, um dessen Sprache zu entlarven. Es gibt ein schönes Beispiel, wie das bis heute missverstanden wird. Am Darmstädter Bahnhof steht derzeit: "Wir alle haben etwas Mut und etwas Seelengröße nötig." Das steht in "Danton", ist aber Originalton Robespierre, der fordert, man solle aufrechten Ganges zur Guillotine schreiten. Büchner zeigt, wie Politiker das Schreckliche durch Phrasen verschleiern.

Entzaubert das viele Fremdmaterial den Dichter?

DEDNER: "Dichten ist so schwer, das kann einer alleine gar nicht", hat jemand mal geschrieben. Es kommt nicht darauf an, dass etwas schon einmal gesagt wurde. Die Originalität besteht in der Einordnung.

Welchen Stellenwert hat Büchner?

DEDNER: Er hatte das Zeug, ein Dramatiker wie Shakespeare zu werden, und so verstand er sich auch. Es gibt Berichte, wie gut er improvisieren konnte. Er war ein Meister darin, sich vorzustellen, wie jemand in einer bestimmten Situation agieren und sprechen würde. Daran feilt er: Im "Woyzeck" streicht er den schönen Satz "jeder Mensch ist ein Abgrund", weil ein einfacher Mann das so nicht sagen würde.

In der Politik hat Büchner eine eindeutige Haltung, als Naturwissenschaftler eine materialistische Sicht. Als Dichter bietet er keine Lösungen.

DEDNER: Was jemanden wie Lenz krank macht, bleibt ein Rätsel, das Büchner offen lässt. Wenn wir eine Erklärung bekämen, wären wir beruhigt. Und er will uns beunruhigen.

Wieso müssen Menschen hungern? Die Unvollkommenheit der Welt trieb Georg Büchner um. Foto: epd

"Revolutionär mit Feder und Skalpell" zeigt auch den Naturwissenschaftler Büchner. Foto: epd

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Erstellt:
16. Oktober 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Oktober 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2013, 12:00 Uhr

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