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Eine seismografische Qualität

Zum 25. Mal werden bei den Französischen Filmtagen afrikanische Filme gezeigt

Nur in ihren Flegeljahren waren die Französischen Filmtage auf Frankreich beschränkt. Schon früh wurden auch Filme aus Belgien, der Schweiz, der kanadischen Provinz Quebec gezeigt - und seit 1988 aus Afrika. Schnell hat sich diese Reihe zu einem Festival im Festival gemausert, das zu den bedeutendsten seiner Art in Deutschland zählt. Die Macher sind damals wie heute die gleichen: Bernd Wolpert, Jörg Wenzel und die ein Jahr später dazugestoßene Bärbel Mauch.

31.10.2012
  • Klaus-Peter Eichele

Zum 25. Mal werden bei den Französischen Filmtagen afrikanische Filme gezeigt
Bernd Wolpert (links) und Jörg Wenzel. Bild: Sommer

Gut möglich, dass „Afrika in Tübingen“ sogar älter ist als die Filmtage. Denn als die Reihe auf Initiative des damaligen Festivalchefs Michael „Vigo“ Friederici ins Programm gehievt wurde, hatten Wenzel und Wolpert schon einige Jahre lang im Clubhaus oder im Club Voltaire regelmäßig Filme aus der Dritten Welt gezeigt. Was die beiden und Bärbel Mauch vereinte, war das Interesse an entwicklungspolitischen Fragen (Wenzel hatte für die UN im Jamaika gearbeitet) als auch die Liebe zum Kino. Zwei aus dem Trio haben ihre Leidenschaft später zum Hauptberuf gemacht: Wolpert leitet das Evangelische Zentrum für Entwicklungspolitische Filmarbeit in Stuttgart. Mauch ist als selbstständige Produzentin viel in Afrika unterwegs, regelmäßig auch beim bedeutendsten Filmfestival des Kontinents in Ouagadougou.

In den 1980-er Jahren war afrikanisches Kino in Deutschland noch eine exotische Angelegenheit. Im Kino und im Fernsehen war es so selten präsent wie auf Festivals inklusive der Berlinale. Trotzdem oder gerade deswegen war das Interesse in Tübingen von Anfang an groß. Der 1988 zum Festival-Auftakt gezeigte Film „Black Mic-Mac“, eine Komödie über die afrikanische Community in Paris, war ein durchschlagender Publikumserfolg und zählt laut Wenzel zu jenen alten Filmtage-Filmen, „über die man heute noch spricht“. Als es 1992 zum ersten Mal einen Publikumswettbewerb gab, hatte ein afrikanischer Film die Nase vorn: das Sozialdrama „Bezness“ des Tunesiers Nouri Bouzid.

Zum 25. Mal werden bei den Französischen Filmtagen afrikanische Filme gezeigt
Bärbel Mauch und Ousmane Sembène.Archivbild

Jahrelang blieb Tübingen das einzige Forum für afrikanisches Kino in Deutschland. Kein Wunder, dass im Lauf der Zeit einige der bedeutendsten Regisseure des Kontinents in die Unistadt kamen: Bouzid, Haile Gerima, der aus Haiti stammende Raoul Peck und allen voran Ousmane Sembène. Der legendäre Senegalese, der 1962 den ersten unabhängigen afrikanischen Spielfilm überhaupt gedreht hatte, wurde in den Neunzigern mit einer Werkschau geehrt. Zum Dank vergab er ein paar Jahre später die Europapremiere seines Films „Faat Kine“ nach Tübingen.

Allerdings ging es Wolpert, Wenzel und Mauch nie bloß ums Filmezeigen. Vielmehr wurden die hinter den Leinwand-Geschichten steckenden sozialen und politischen Anliegen in zahllosen Publikumsgesprächen und Diskussionsrunden mit afrikanischen Regisseuren vertieft. Dabei kristallisierten sich im Lauf der Jahre einige Schwerpunkte heraus. Einer davon war der Islamismus in Algerien, der in den neunziger Jahren in einen mörderischen Bürgerkrieg mündete. Die Tragödie war schon 1994 Thema im Film „Bab el-Oued City“ und ist es in diesem Jahr wieder in „Le repenti“. „Unsere Reihe hatte immer auch eine seismografische Qualität“ im Hinblick auf die brennenden politischen Probleme Afrikas, bringt es Wolpert auf den Punkt.

Und was hat sich filmisch in den letzten 25 Jahren in Afrika getan? „Enorm viel“, sagt Wolpert. Waren in den Achtzigern viele Filme noch recht holprig inszeniert, so hat zumindest die in Europa oder den USA ausgebildete Crème der Regisseure technisch und filmkünstlerisch längst zum Weltniveau aufgeschlossen. Auch inhaltlich hat sich einiges verschoben. Zwar ist das afrikanische Ur-Thema, der Konflikt zwischen Tradition und westlicher Moderne, immer noch präsent. Dominant sind derzeit aber eher Geschichten, die afrikanisches Großstadtleben in allen seinen Facetten zeigen, sei es Soap-artig wie im immens populären Nollywood-Kino Nigerias oder knallhart wie in dem im Vorjahr gezeigten Gangsterkrimi „Viva Riva“ am Schauplatz Kinshasa. „Ich denke, dass wir die Entwicklung in ihrer gesamten Bandbreite in den letzten 25 Jahren dokumentiert haben“, so Wolpert nicht ohne Stolz.

Afrika im Rahmen der Filmtage – das war anfangs eine „Win-win-Situation“, sagt Wenzel. „Wir haben das Festival bereichert und selber ein Publikum erreicht, das nie in den Club Voltaire gekommen wäre.“ Später kam es öfter mal zu Spannungen zwischen der Festivalleitung und dem weitgehend autonom operierenden Trio - meistens wegen der aus Afrika-Sicht zu knapp bemessenen Programmplätze. Gelegentlich aufkeimende Gedanken, die Reihe aus dem Filmtage-Verband herauszulösen, haben die drei aber schnell wieder fallen lassen. Die Akzeptanz und Finanzierung wären angesichts des schon jetzt rappelvollen Tübinger Festivalkalenders schwierig. „Und wenn ich sehe, wie wenig das Cine Latino finanziell von der Stadt gewürdigt wird - das wäre bei Afrika noch viel schlimmer“, so Wenzel.

Zum Jubiläum der Afrika-Reihe haben die Macher mehrere afrikanische Regisseure gebeten, Kurzfilme, die für sie selbst oder das afrikanische Kino allgemein wichtig waren, zu Paketen zu schnüren. Die erste Lieferung, zusammengestellt von der Tunesierin Raja Amari, gibt es am morgigen Donnerstag unter dem Titel „Familiengeheimnisse“ um 17.45 Uhr im Kino Museum

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31.10.2012, 12:00 Uhr

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