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Aus alten Nehrener Aufsatzheften (Teil 1)

Zum Geburtstag eine Tafel Schokolade

Was wünschte sich ein Nehrener Kind in den zwanziger und dreißiger Jahren am meisten? An erster Stelle etwas Gutes zu essen. Der kleine Karl Buck erzählt von seinem Geburtstag: „Am 7. März war mein Geburtstag.

10.08.2007
  • Susanne Mutschler

Da freute ich mich sehr darauf. Von meiner Mutter bekam ich eine Tafel Schokolade und noch andere Sachen zum Essen. Als es Abend war, ging ich noch in die Kirche. Als ich wieder heim kam, tranken wir Kaffee. So geht der Geburtstag herum“.

Sein nächster Aufsatz am 19. April 1926 hatte das Thema „Mein Leibessen“. Er träumte nicht von Luxusspeisen wie Braten, Hühnchen oder Eis, sondern von „Waffeln mit Salat“. „Wenn ich mein Leibessen bekomme, habe ich eine große Freude. Das sage ich jeden Tag zu meiner Mutter, sie solle das kochen. Aber alle Tage bekomme ich auch nicht mein Leibessen“, schließt er seine Überlegungen ab. Der vernünftige Junge wusste wohl genau, wie teuer die Eier für die Waffeln waren, und er wusste ebenso gut, dass ein Kind nicht einfach Forderungen stellen durfte.

Ilse Fauser bekam 1935 das Aufsatzthema „Wenn ich reich wäre“. An Bescheidenheit und Sparsamkeit gewöhnt, blieben ihre Träume fest auf dem Nehrener Boden. Zuerst würde sie sich „schöne Kleider“ kaufen, schreibt sie. „Dann eine Nähmaschine, damit ich nähen könnte“. „Ich würde mir auch gerne eine Armbanduhr, einen echten Fingerring und eine Halskette kaufen“.

Ihr teuerster und gleichzeitig völlig abstrakter Wunsch ist „ein schönes Haus mit vielen Kammern“. Viel wichtiger und zentraler war für sie ein feines Essen mit Nachtisch: „Dann würde ich ein gutes Mittagessen kochen. Nach dem Mittagessen würde ich einen Schokoladenpudding kochen“. Die kleinen Aufsätze erlauben aus der Perspektive der Grundschulkinder einen anrührend authentischen Blick auf das Alltagsleben im alten Dorf. Was die Kinder in ihren Heften aufschrieben, liest sich wie ein kurzes und bündiges Einverständnis dazu. Die tägliche Mühe um das Essen, der Zwang zum Mithelfen und zum Bravsein bestimmte die Welt der Kinder. Extras auf dem Speisezettel waren Höhepunkte im Leben.

Karl berichtet aus der Adventszeit 1924: „Jetzt kommt bald Weihnachten. Meine Mutter tut jeden Tag backen. Ich muss oft zum Bäcker. Am Abend ist es schön, da dürfen wir die Brötlein versuchen“

Ein Ernte-Ausflug ins Nehrener Kirschenfeld war für Karl im Juli 1926 der reine Genuss. „Die Kirschenzeit“ heißt sein Aufsatz. „Vorgestern sagte mein Bruder zu mir: „Komm, du darfst mit mir in die Kirschen. Ich holte meine Jacke und sprang freudig zur Haustüre hinaus“. Der Grund des Vergnügens war das unkontrollierte Kirschenessen auf dem Baum. „Endlich waren wir satt. Da nahmen wir den Korb und füllten ihn. Mein Bruder sagte: Jetzt wollen wir hinuntergehen. Wir rutschten schneidig herab und machten uns auf den Weg“.

Wenn Ilse 1935 den „Tag der nationalen Arbeit“ beschreibt, so erwähnt sie zwar nacheinander das Antreten, Marschieren und Reigenmachen bei der Bahnhofswirtschaft, aber das Wichtigste an dem kühlen Maitag war für sie doch die heiße, rote Wurst. Ihr Aufsatz endet: „Karl Harm fragte: Wen friert es? Alle sagten: Mich. Dann bekommt ihr bald eure Wecken und eure rote Wurst. Bald bekamen wir unsere Wecken und unsere rote Wurst. Als ich gegessen hatte, ging ich heim“.

=========Über das alte Nehrener Schulhaus wurde viel berichtet. Wie es den Kindern ging, die früher jeden Tag dort aus und ein eingingen, was sie dachten und erlebten, darüber weiß man nur wenig. In den alten Aufsatzheften von Karl Buck und Ilse Fauser finden sich einige Hinweise. Die heute 81-jährige Ilse Harm geborene Fauser hat ihre alten Schulhefte aufgehoben und sie bei der 100-Jahr-Feier der Schule einer kleinen Ausstellung zur Verfügung gestellt. Die Hefte des inzwischen verstorbenen Karl Buck haben bei seinen Enkeln überlebt. In einer kleinen Serie lassen wir die damals zehnjährigen Schüler erzählen, wie sie ihre Ferien verbrachten, was sie sich zum Geburtstag wünschten und was sie tun würden, wenn sie reich wären.=======================

Zum Geburtstag eine Tafel Schokolade
Ilse Fauser drückte 1935 die Nehrener Schulbank. Hier schrieb die damals Zehnjährige auch ihre Erlebnisaufsätze.


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