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Das Feilschen um Stunden

Zum Stand von Integration, Inklusion und Barrierefreiheit in Tübingen

Barrierefrei ist Tübingen keineswegs, aber, so lautete das Fazit von Fachbereichsleiterin Uta Schwarz-Österreicher am Montag im Sozialausschuss des Gemeinderats: „In zwei Jahren ist viel erreicht worden.“

26.09.2012
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Am 1. Februar 2010 trat die Stadt Tübingen der Erklärung von Barcelona bei und verpflichtete sich damit zu größtmöglicher Barrierefreiheit und sozialer Teilhabe behinderter Menschen im städtischen Leben. Die Umsetzung der hehren Ziele ist nicht so einfach. Der Sozial- und Bildungsausschuss beschäftigte sich am Montag in seiner Sitzung damit.

Ein Schwerpunkt des Handlungskonzeptes liegt bei der Stadtverwaltung selber. Uta Schwarz-Österreicher betonte dabei, dass die städtischen Behörden bestrebt seien, noch mehr Menschen mit Behinderung einen Arbeitsplatz zu bieten. Gerade für die Beschäftigung von Mitarbeitern mit geistigen Behinderungen sei noch nicht alles getan. Es ist zwar gelungen, zwei Mitarbeiterinnen in der Küche einer Kindertagesstätte einzustellen, die vorher bei der Lebenshilfe gearbeitet hatten. Und dieser Fall könnte sich demnächst andernorts wiederholen. Aber das sei eben nicht genug.

Darüber hinaus sieht sich die Verwaltung neuerdings auch noch mit einem anderen Problem konfrontiert: nämlich der wachsenden Zahl psychischer Erkrankungen innerhalb der Behörde. Wie dies denn zu verstehen sei, fragte später Heinrich Schmanns (AL/Grüne). Schwarz-Österreicher erklärte, sie habe dabei vor allem den Bereich Kindertageseinrichtungen im Blick. Hier gebe es unter den Mitarbeiterinnen kaum noch Fluktuation. „Die ständige Befassung mit so vielen Kindern führt zu Stress und psychischen Erkrankungen“, so die Erfahrung.

Landkreis übernimmt nicht alle Kosten

Ein anderes Stichwort: Integration und Inklusion von behinderten Kindern. 47 Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf werden mittlerweile in Tübinger Regelschulen unterrichtet und von Integrationskräften unterstützt. In den Kindertageseinrichtungen sind es 32 Kinder mit zusätzlichem Förderbedarf. Was zunächst gut klingt, ist in der Praxis nicht so einfach. Bei der Stadtverwaltung besteht Unzufriedenheit darüber, dass der Landkreis die Kosten für die Integrationskräfte nicht voll übernimmt, weil er entweder die Stundenzahl zu niedrig einstuft oder nicht vollständig erstattet.

Gabriele von Kutzschenbach, geschäftsführende Schulleiterin der Grund-, Haupt-, Werkreal- und Sonderschulen, berichtete, dass es derzeit Integrationskräfte nur für Körperbehinderte gebe und dass zwei bis vier Stunden pro Kind die Regel seien – „und das war‘s“. In einem Brief an die Kultusministerium haben etliche Lehrkräfte aus dem Grundschulbereich jetzt klargestellt: „Auf diese Art und Weise können wir keine Inklusion leisten!“

Auch die Leiterin des Uhlandgymnasiums Ute Leube-Dürr befand, dass der Einsatz der Hilfskräfte zu knapp bemessen sei. „Wir müssen da immer mit dem Landkreis feilschen!“ An ihrer Schule werden zwei Kinder von Fachkräften und vier Kinder von FSJ’lern betreut. Der Erste Bürgermeister Michael Lucke sah hier dringenden Regelungsbedarf und bedauerte zugleich: „Die Kostenfragen dominieren momentan das Thema zu stark.“

Elvira Martin, Sprecherin des Koordinationstreffens der Tübinger Behindertengruppen, lobte einerseits „die unbürokratische Vorgehensweise der Verwaltung“. Auch wie die Behindertengruppe in die Arbeit einbezogen und die Vorschläge aufgegriffen wurden, kam hier gut an. Andererseits gab es auch klare Kritikpunkte. Bisher habe man bei der Stadt zu wenig Wert auf die öffentliche Wirkung gelegt, „Es muss eine gewisse Außenwahrnehmung sichergestellt sein“, befand Martin. Außerdem brauche die Koordinationsstelle „mehr Luft“. „Wir würden uns eine Person bei der Stadt wünschen, bei der alle Fäden zusammenlaufen“, so Martin.

Nachdem Lucke schon das nächste Thema aufgerufen hatte, meldete sich Ulrike Heitkamp (WUT) noch einmal zu Wort: „Mir fehlen die Pflastersteine!“ sagte sie. Sie habe sich fast nicht getraut, danach zu fragen. Aber sie wundere sich einfach, dass dieser Punkt nicht angesprochen worden war. Am Tübinger Pflaster, das sowohl Alten als auch Behinderten und High-Heels-Trägerinnen zu schaffen macht, werde sukzessive gearbeitet, wurde sie belehrt. Bei Arbeiten der Stadtwerke werden peu à peu die Stolpersteine ähnlich wie in der Hafengasse durch gehfreundlichere Steine ersetzt.

Zum Stand von Integration, Inklusion und Barrierefreiheit in Tübingen
Im Pfrondorfer Kirnbach-Kindergarten ist die Inklusion von behinderten und nicht-behinderten Kindern längst Alltag.Archivbild: Metz

136 Verbesserungsvorschläge wurden zum Thema barrierefreies Tübingen gemacht. 19 städtische Mitarbeiter/innen aus unterschiedlichen Bereichen, von Kindertageseinrichtungen, Schulen, Bauen bis hin zur Kultur, befassen sich gemeinsam mit Vertreter/innen von Behinderten- und Seniorengruppen mit der Umsetzung. 20 000 Euro stehen auch in diesem Jahr für Teilhabe-und Inklusionsprojekte zur Verfügung. Und eine Koordinationsstelle für Menschen mit Behinderung wurde beim Fachbereich Familie, Schule und Soziales mit 40 Prozent angesiedelt. Hinzu kommt eine Drittel-Stelle im Baudezernat, wo man sich um barrierefreies Bauen kümmert.

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26.09.2012, 12:00 Uhr

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