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13.09.2010

Von BIRGIT ROSCHY, DAPD

Einen "Zyniker und Menschenfeind" schimpfte Rainer Werner Fassbinder 1975 den französischen Regisseur Claude Chabrol. Dabei versuchte Chabrol nur, "die Menschen präzise so zu zeigen, wie sie sind": "Es wäre doch heuchlerisch, sie zu verurteilen - schließlich hat jeder von uns Dreck am Stecken." Mit dieser garstig gut gelaunten Attitüde hat der Bonvivant seinen gestressten bayerischen Kollegen um fast 30 Jahre überlebt. Gestern starb der Filmemacher im Alter von 80 Jahren in Paris.

Dank seines regelmäßigen Ausstoßes ebenso eleganter wie sardonischer Gesellschaftskrimis galt Chabrol als der Großmeister französischer Filmkunst. Meist war die klassenbewusste Bourgeoisie, sei sie groß oder klein, sein Hauptangriffsziel. Dabei zeigte er die nonchalanten Mörder mit ihren idyllischen Landhäusern, schicken Klamotten, distinguierten Umgangsformen, Maitressen und Dienstmädchen - zuletzt etwa in "Die Blume des Bösen" und "Chabrols süßes Gift" - in so perfide schönem Licht, dass mancher gern mit diesen "Biestern" tauschen würde. Selbst um den Preis von ein oder zwei Leichen im gepflegten Weinkeller. Kein Wunder, waren doch die größten Kritiker der Elche früher selbst welche: Claude Chabrol, 1930 als Spross einer alteingesessenen Apothekerfamilie geboren, entstammte einer stockbürgerlichen Schicht. Er studierte Pharmazie und Literatur, war Filmkritiker der legendären "Cahiers du Cinéma" und zählt mit François Truffaut, Eric Rohmer, Jean-Luc Godard und Jacques Rivette zu den Begründern der "Nouvelle Vague". Das so genannte Autorenkino verschrieb sich einem neuen Realismus und wollte das behäbige, literarische Nachkriegskino ablösen. Dazu trug Chabrol mit bahnbrechenden Filmen wie "Die Enttäuschten" und "Schrei wenn du kannst" 1959 entscheidend bei.

In seinen eigenen Worten hört sich das weniger toll an: "Meine erste Frau stammte aus reichem Hause, und wir haben im Grunde nichts anderes gemacht als dekadente Partys zu veranstalten. Als sie dann auch noch ihre Oma beerbte, wussten wir gar nicht mehr, wohin mit dem Geld. Da beschloss ich, einen Film zu drehen, um wenigstens einen Teil der Kohle auszugeben. Unglücklicherweise war der Film erfolgreich, und so sah ich mich gezwungen, einen zweiten zu machen." Gelegentliche TV-Arbeiten mit inbegriffen, hat Chabrol, der oft auch der "französische Hitchcock" genannt wird, in 50 Jahren über 70 Filme gedreht.

Zu seinem künstlerischen Werk gehören Klassiker wie "Die untreue Frau" und "Der Riss" mit seiner zweiten Frau, Schauspielerin Stéphane Audran. Im Psychothriller "Die Unschuldigen mit den schmutzigen Händen" spielt Romy Schneider eine Femme fatale, in "Die Phantome des Hutmachers" nach Lieblingsautor Georges Simenon glänzt Sänger Charles Aznavour.

In den 80ern hatte Chabrol mit den makabren "Inspektor Lavardin" Krimikomödien-Erfolg. Mit "Violette Nozière" und "Eine Frauensache" über eine zum Tode verurteilte Engelmacherin machte er Isabelle Huppert zum Star. Besonders finster ist das Psychodrama "Biester", in dem neben Huppert eine weitere Muse, Sandrine Bonnaire, auftritt.

Wie nahe Chabrol am Puls der Zeit war, bewies 2006 sein Justizdrama "Geheime Staatsaffären" nach dem authentischen Fall der Elf-Aquitaine-Schmiergeldaffäre. In seinem letzten Kinofilm, dem melancholischen Krimi "Bellamy", drehte er erstmals mit Gérard Depardieu.

Chabrol, der Filme mit Botschaft "zum Kotzen oder zum Lachen" fand, war ein französisches Paradox - ein erklärter Maoist und Feminist ("Ich habe keinen Schimmer, wie sie es überhaupt mit uns aushalten"), der liebevoll seine bürgerlichen Marotten pflegte. Eine davon war immer auch seine besondere Obsession für das Essen: "Eine Filmcrew arbeitet besser, wenn das Essen gut ist!"

Claude Chabrol erhielt 2009 bei den Berliner Filmfestspielen die Berlinale-Kamera für sein Lebenswerk und posierte mit einigem Unernst mit dem Preis für die Fotografen. Foto: dapd

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Erstellt:
13. September 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. September 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. September 2010, 12:00 Uhr

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