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Aus der Frosch-Perspektive

Zum Tod von Katharina Franz, Autorin eines Buches über das Kriegsende

TALHEIM (ele). Vor gut zwei Wochen – kurz vor den Feiern zum 60. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie – endete in Schiffweiler / Saarland das Leben einer Frau, die das Kriegsende „an der Heimatfront“ miterlebt und – das hebt sie aus der Masse heraus – in einem Buch verarbeitet hat: „Die Tage nahmen ja zu“ heißt die autobiografische Erzählung von Katharina Franz, die von Talheim handelt, dem „Dorf T.“, wie es im Buch genannt wird.

03.06.2004
  • Ulrich Eisele

Von 1938 bis 1951 lebte die Autorin in jenem „kleinen Dorf am Rande des Weltgeschehens“, nachdem sie, die 1913 in Jena Geborene, in Tübingen Germanistik, Theologie und Geschichte studiert hatte. Dort hatte sie auch ihren Mann, den Theologen Dr. Harald Diem, kennen gelernt, dem nach dem Studium die Pfarrstelle in Talheim zugeteilt worden war – obwohl er als Anhänger der „Bekennenden Kirche“ den Eid auf Hitler verweigert hatte und deshalb von den Kirchenoberen zunächst nicht als ordentlicher Pfarrer, sondern nur als „Pfarrverweser“ eingestellt wurde.

In Talheim seien sie von der Bevölkerung herzlich aufgenommen worden, so hebt Katharina Franz an – und mit feinen, manchmal etwas überheblich klingenden Beschreibungen des dörflichen Lebens, das ihr, der Bürgerstochter und Städterin, zuerst fast wie ein Besuch im fernen Afrika vorkam. Doch sie findet schnell hinein. Und als ihr Mann 1941 in Russland fällt und sie mit einer kleinen Tochter alleine da steht, erfährt sie die Solidarität der Dorfgemeinschaft und lernt sie schätzen.

Die Fremdheit der Nicht-Ortsgeborenen verliert sie allerdings nie ganz. Sie befähigt sie auch dazu, das in allen Gliederungen vorhandene Nazi-System mit seinen örtlichen Protagonisten distanziert und manchmal auch ein wenig ironisch zu schildern. Darin besteht einer der Vorzüge dieses Buches, das wenig von politischen Zusammenhängen und großen Geschichts-Linien berichtet, auch zur „Heimatkunde des Nationalsozialismus“ nur bedingt Taugliches beizusteuern hat, dafür aber eine Stärke in der minutiösen Analyse menschlich-allzumenschlicher Reaktionen in der Stunde Null und danach.

Katharina Franz' Thema ist: Wie gehen Sieger und Besiegte im alltäglichen Leben miteinander um? Wie wirken sich Krieg, Unrecht und leidvolle Erlebnisse, Rachegefühle und die Umkehrung der Machtverhältnisse auf die Moral, Sitten und den menschlichen Anstand aus? Sicherlich ein etwas antiquiertes Begriffs-Instrumentarium, doch in seiner Anwendung ist die Autorin ziemlich objektiv.

Und so gelingt es ihr, die rassistischen Vorurteile und Herrenmenschen-Ideologie ihrer Zeit (und auch deren Nachwehen) hinter sich zu lassen – allerdings erst im Nachhinein –, um festzustellen: Es ist keine Frage der Hautfarbe oder Nationalität, ob jemand als anständiger Mensch handelt oder Anwandlungen nachgibt, die zwar ihm zum Vorteil, aber anderen zum Schaden gereichen.

Es ist erstaunlich, dass dieses Buch 1985, als es im Flieter-Verlag erschien, so wenig öffentliches Aufsehen erregte. Behandelt es doch über mehrere Kapitel ein ziemlich heikles Thema: die Vergewaltigung von Frauen durch Soldaten einmarschierender Truppen. Lange Zeit ist dieses Kapitel der Weltkriegs-Geschichte totgeschwiegen worden. Erst in jüngeren historischen Forschungen ist es, zumeist aus feministischer Perspektive, aufgegriffen und bearbeitet worden.

Diesen Anspruch hatte die Autorin sicherlich nicht. Sie wollte nur – angesichts der Bilder vom Vietnam-Krieg im Fernsehen, welche alte Erinnerungen in ihr weckten – „diesen Zustand der Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit schildern, in dem wir dahingelebt hatten . . .“ Und so beschreibt sie „aus der Frosch-Perspektive“ die Eroberung jenes kleinen Ortes, in dem sie damals zufällig lebte, durch die Franzosen am 22. April 1945: Wie vorher die Frauen des Ortes zum Bau von Panzersperren abkommandiert wurden; wie der Ortsgruppenleiter im Dorf noch Widerstand gegen die „Eroberer“ zu organisieren versuchte; wie er und der Bürgermeister bei Gefechten getötet wurden; wie Frauen sich mit ihren Kindern im Keller des Pfarrhauses versteckten und von den Soldaten als Kriegsbeute missbraucht wurden – auch die Autorin.

All dies schildert Katharina Franz scheinbar unberührt von Hass- und Revanche-Gefühlen, distanziert, als würde sie sich beim Erlebten über die Schulter schauen, als wäre sie selbst unbeteiligt. Fast ein wenig unheimlich wird einem bei diesem Versuch, Schuld und Unschuld aller Beteiligten gerecht zu wägen, niemandem schreibend im Nachhinein Unrecht zu tun – auch um den Preis der Selbstverleugnung.

Nach diesem „schrecklichen Ereignis“ geht das Leben für Katharina Franz weiter. So wie sie nach dem Kriegstod ihres ersten Mannes einen anderen heiratete, weitere Kinder bekam, nimmt sie nach dem Einmarsch ihr Geschick in die Hand – und das anderer Frauen des Ortes, die ähnlich Schlimmes erlitten hatten. Sie stellt eine Verbindung zur Tübinger Frauenklinik her. Sorgt dafür, dass diskret geholfen wird. „Denn bei dieser ganzen Angelegenheit war das ja auch so fatal für die Betroffenen, dass man immer noch das Gefühl hatte, in einem zweifelhaften Lichte dazustehen, als trüge man doch eine Mitschuld, als sei es nicht ein Unglück, das einen getroffen hatte, sondern eine Schande, ja, ein Versagen.“

„Wir waren mitten drin gewesen im Wirbel des Weltgeschehens, zumindest in seinen Randturbulenzen . . .“, schreibt sie ein paar Seiten weiter. „Aber wir fühlten uns wie Leute, die einen Schnupfen überstanden haben, noch wacklig auf den Beinen, aber zuversichtlich, was die Besserung des Zustandes anbetrifft.“ Zwei Mal ist Katharina Franz noch in Mössingen auf Vorlese-Reise gewesen: 1985 wurde ihr in einem Zeitungsbericht mangelndes Aufklärertum unterstellt, über ihr eigentliches Thema erschien keine Zeile. 1995 ist die Zeit reif, der Bericht notiert im Publikum „Betroffenheit“.

Jetzt ist Katharina Franz 91-jährig in einem Dorf bei Saarbrücken gestorben, wo sie seit 1951 gewohnt, bis 1978 als Gymnasiallehrerin gearbeitet und danach weitere Bücher geschrieben hat.

Zum Tod von Katharina Franz, Autorin eines Buches über das Kriegsende
Kataharina Franz bei einer Lesung 1995 in Mössingen. Archivbild: FrankeKataharina Franz bei einer Lesung 1995 in Mössingen. Archivbild: Franke

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03.06.2004, 12:00 Uhr

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