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Zehn Jahre Werkstadthaus

Zur „Eigenarbeit“ gesellen sich Kultur und Soziales

Ein Platz für Leute, die gern selbermachen – und das am liebsten mit anderen zusammen: Diese Idee stand hinter der Gründung des Tübinger „Werkstadthauses“. Jetzt, zehn Jahre danach, sucht das Modell neue Ideen und Zielgruppen.

03.07.2012
  • Ulrike Pfeil

Tübingen. Moment, „Werkstatt“ schreibt man doch mit zwei t! Das Wortspiel ist hier Programm: Denn im Werkstadthaus findet man zwar viele Werkzeuge, um handwerklich zu arbeiten – aber zugleich soll hier auch Stadt stattfinden, im Sinn von Offenheit und Begegnung.

Die Basis des Werkstadthauses ist eine echte Kooperative: Mehr als hundert Einzelpersonen und Hausgemeinschaften haben „Quadratmeter“-Anteile von je 1785 Euro an dem Projekt in einem Haus des Französischen Viertels (Aixer Straße 72) erworben. Die laufende Arbeit wird von einem Verein mit derzeit etwa 60 Mitgliedern getragen. Verwaltet und instand gehalten wird das Werkstadthaus ausschließlich ehrenamtlich, nachdem eine Arbeitsbeschaffung und Stiftungsmittel für eine fest angestellte Kraft vor Jahren ausliefen. „Wir sind stolz, dass wir es zehn Jahre hingekriegt haben“, sagt Vorstandsmitglied Gertrud van Ackern.

Für die Zukunft schwingt da ein Aber mit, und das bezieht sich ausgerechnet auf die konkrete Werkstatteigenschaft des Hauses. Die Möglichkeiten zur „Eigenarbeit“, zum Selbermachen von Möbeln, Textilien, Keramik werden derzeit weit weniger genutzt als erwartet. „Die Anfangs-Idee war, dass die Begegnung in den Werkstätten zum sozialen und kulturellen Austausch führt“, sagt Seddik Bibouche, der über dem Werkstadthaus wohnt und aktives Mitglied ist. Man habe wohl unterschätzt, dass viele Häuser des Französischen Viertels über gut ausgestattete Heimwerker- Räume verfügen.

Also wird der Ansatz jetzt herumgedreht: „Das Handwerkliche bestimmt zu sehr die Wahrnehmung, ist aber nur ein Teil unseres Angebots“, sagt Vorstandsmitglied Andreas Fischer. Begegnung, Kultur, gemeinsam feiern, Musik machen, Filme anschauen, Kinderflohmärkte – „der soziale Aspekt wird wichtiger“.

„Raum für Ihre Ideen“: Dieser Slogan hat Annika Boenisch angesprochen, die mit ihrer jungen Familie erst vor kurzem ins Französische Viertel gezogen war. Sie entdeckte das Werk stadthaus, weil sie einen selbst entworfenen Kinderstuhl aus Holz bauen wollte. „Es war ein Traum“, berichtet sie über die Anleitung durch die Holzfachleute. Dann kam ihr der Gedanke, das Erdgeschoss für Eltern-Kind-Bastelnachmittage zu nutzen. So entstand das wöchentliche „Café Fränzchen“, ein Treffpunkt für Familien mit Kindern.

„Man kann hier experimentieren ohne Furcht vor dem Scheitern“ – das macht für Seddik Bibouche den Charme des Werkstadthauses aus. Man muss nicht im Viertel wohnen, um es zu nutzen, aber es liegt nahe, dass die Einrichtung zuerst ins Quartier wirken möchte. Zum Zehnjährigen wird in gut besuchten Matineen die Geschichte des Stadtteils rekapituliert; Künstler aus dem Viertel werden vorgestellt; seit kurzem trifft sich ein Gesprächs-Salon.

Van Ackern hat die demografische Veränderung der einst überdurchschnittlich jungen Nachbarschaft im Blick. „Alt und älter werden im Viertel“ steht als Thema an. Das Haus wird sich neuen Bedürfnissen öffnen: Vielleicht ein gemeinsamer Mittagstisch für Ältere?

Ganz von alleine erfüllt das Werkstadthaus ohne städtisches Zutun Funktionen eines Stadtteiltreffs. Den nächsten subventioniert die Stadt nur ein paar hundert Meter weiter in der Eisenhutstraße. Das Werk stadthaus wird ab Herbst einen 400-Euro-Jobber engagieren. Seine Aufgabe wird sein, Projektmittel zu organisieren. Bilder: Pfeil

Zur „Eigenarbeit“ gesellen sich Kultur und Soziales
Kontakte knüpfen, basteln, Kuchen essen: Beim Eltern-Kind-Café „Fränzchen“ kommen donnerstags von 15 bis 18 Uhr Mütter, Väter und Kinder von einem bis sieben Jahren im Werkstadthaus in der Aixer Straße zusammen. In der Mitte mit gestreiftem Pulli Annika Boenisch, eine Neubürgerin im Französischen Viertel; sie hatte die Idee. Jede/r kann einfach kommen. Bastelthema und -material sind vorhanden – die Produkte (Schnullerketten, bedruckte Stoffe, Windlichter) sind zum Gleich-Mitnehmen.Bild: Sommer

Zur „Eigenarbeit“ gesellen sich Kultur und Soziales
Seddik Bibouche

Im Werkstadthaus befinden sich Räume und alle notwendigen Geräte für Fahrradreparatur (Anleitung jeden Montagabend), Holzarbeiten (Dienstagabend) und Schweißen (besondere Kurstermine), außerdem Nähmaschinen (mittwochs) sowie Töpferscheiben und Materialien für Arbeiten mit Ton (donnerstags). Kurse im Schweißen und Papierschöpfen werden etwa einmal im Monat samstags angeboten.
Beliebt ist die kreative Ferienbetreuung für Kinder (Theaterworkshops).
Der Mitgliedsbeitrag im Trägerverein beträgt 48 Euro pro Jahr. Für weitere 48 Euro (Studenten ohne Mitgliedschaft: 30 Euro pro Semester) bekommt man eine Werkstattkarte mit Schlüssel und Zugang zu allen Geräten.
Die Werkstatträume werden auch vermietet für Feste, Kindergeburtstage, Kulturveranstaltungen, Workshops oder kleinere Tagungen.
Für Initiativen-Treffs sind die Räume umsonst.
(www.werkstadthaus.de)

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03.07.2012, 12:00 Uhr

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