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Ohne Ticket durch Tübingen

Zur Mobilitäts-Studie trommelt OB Palmer für TüBus umsonst

Drei Viertel aller Wege innerhalb Tübingens werden zu Fuß, mit Bus oder Bahn bewältigt. Eine neue Studie zeigt: Bei den Kilometern sieht es anders aus. 41 Prozent werden selbst innerorts per Pkw zurückgelegt. OB Boris Palmer und Stadtwerke-Chef Ortwin Wiebecke sehen deshalb noch viel Potenzial für den Stadtbus – vor allem dann, wenn der künftig nichts mehr kostet.

14.07.2015
  • Volker Rekittke

Tübingen. Als Boris Palmer zur Pressekonferenz bei den Stadtwerken geradelt kam, fand er keinen Platz mehr beim überdachten Radständer – und freute sich: „Die waren am Anfang nur halb voll.“ Das Beispiel zeige: „Angebote schaffen Nachfrage – wer Radangebote macht, wird Radfahrer ernten.“ Das gilt auch für den TüBus, sagt der grüne Oberbürgermeister – und verweist auf eine Studie der Technischen Universität Dresden. Die hatte das ganze Jahr 2013 über in bundesweit 300 Kommunen repräsentative Verkehrsbefragungen durchgeführt. In Tübingen wurden dazu fast 5000 Personen interviewt.

Wie schon bei der Untersuchung von 2007 fiel auch diesmal eine Tübinger Besonderheit auf: 74 Prozent aller Wege werden innerorts zu Fuß mit dem Rad oder ÖPNV zurückgelegt (siehe Grafik). „Das ist bundesweit Spitze“, stellt Palmer fest. Doch die CO2-Bilanz sieht nicht mehr so gut aus, wenn die zurückgelegten Kilometer betrachtet werden – hier sind Pkw, Transporter und Motorräder deutlich stärker. Hinzu kommt für Palmer: Zwei Drittel aller Tübinger/innen haben keine TüBus-Dauerkarte. Ohne Semestertickets und Schüler-Monatskarten sieht es für den ÖPNV noch schlechter aus: Ganze 3500 nicht studierende Erwachsene besitzen in der 85.000-Einwohner-Stadt ein Monatsticket.

Palmers „TüBus umsonst“-Idee zielt auf die große Masse eben jener Tübinger ohne Dauerkarte, die nie oder nur gelegentlich Fahrten im Bus zurücklegen, und sich dann meist ein Einzelticket für 2,30 Euro leisten (müssen). Die Verkehrsumfrage ergab, dass beinahe 90 Prozent aller Tübinger eine Bushaltestelle in maximal fünf Minuten erreichen. Auch die Takte auf vielen Linien seien schon heute gut, so Palmer. Sein Fazit: „Was die Leute abhält, ist der Ticketpreis.“ Wenn dann noch das vermeintlich bequeme und günstige Auto vor der Tür steht, fährt man eben damit. Übrigens nicht nur zum Einkaufen – die oft zitierte Sprudelkiste. Laut Studie werden 36 Prozent aller Einkaufsfahrten per Pkw zurückgelegt, und sogar 43 Prozent der Arbeitswege.

Und so rechnet die Stadtverwaltung in ihrer öffentlichen Vorlage (234/2015) an der Verwaltungsausschuss am Montag mit einem Zuwachs bei den Busfahrten von 20 Prozent im ersten Jahr – das entspricht rund vier Millionen Fahrten: „Für die geschätzten 30.000 Gelegenheitsnutzer wird der Bus mit dem Entfallen der Zutrittsschranke durch den Preis als flexible Alternative interessant.“ Notwendig sei jedoch die Verbesserung des Angebots, mehr Kapazität für stark befahrene Strecken. Palmer könnte sich Expressbusse auf den Hauptlinien nach WHO, Lustnau oder in den Süden vorstellen. Vor allem soll mit dem kostenfreien Nahverkehr eine „Mobilitätsgarantie“ für alle Tübinger (als Fahrschein genügt der Personalausweis) einhergehen: „Eine Haltestelle in maximal 300 Metern Entfernung zur Wohnung, an Werktagen mindestens zwei Mal stündlich ein Bus zwischen 6 und 24 Uhr.“

Und was ist mit dem Argument, dass der Umsonst-Bus weniger Auto- als vielmehr Radfahrer zum Umsteigen bewegen würde? „Die Hauptkonkurrenz zum Bus ist das Auto, nicht das Rad“, sagt Palmer und verweist wieder auf die Studie: Bei Entfernungen zwischen 3 und 5 Kilometern wählen 37 Prozent der Tübinger/innen das Auto, bei 5 bis 10 Kilometern bereits 59 Prozent – bei dieser Distanz hat das Rad nur noch einen 9-Prozent- Anteil.

Die Kosten: 6 Millionen Euro Einnahmeausfälle im Jahr plus 3 Millionen für die Verbesserung des Angebots – macht 9 Millionen Euro. Wer soll das bezahlen? Palmer will sich nach der erregten Debatte über eine mögliche Grundsteuererhöhung auf keine Finanzierungsquelle festlegen. Nur so viel: Die eigenen Steuereinnahmen der Stadt liegen bei etwa 60 Millionen Euro. Klar ist: Mangels gesetzlicher Grundlage (die vor der Landtagswahl 2016 auch nicht mehr zu erwarten ist) kann die Stadt das Angebot nicht über eine jährliche Umlage aller Tübinger finanzieren.

Am Montag, 20. Juli, ist das Thema „Kostenfrei nutzbarer Nahverkehr in Tübingen“ auf der Tagesordnung im Verwaltungsausschuss (18.15 Uhr im Akademiesaal der Stadtwerke). Am Freitag, 24. Juli, 19 Uhr, gibt es dazu auch einen städtischen Workshop in der Mensa Uhlandstraße (Anmeldung unter: lisa.staiger@tuebingen.de).

Zur Mobilitäts-Studie trommelt OB Palmer für TüBus umsonst
In Tübingen wird viel gelaufen, Rad oder Bus gefahren. Doch über 40 Prozent der Kilometer werden nach wie vor im Auto zurückgelegt – selbst innerorts.

Zur Mobilitäts-Studie trommelt OB Palmer für TüBus umsonst
In der aktuellen Studie der TU Dresden wird nach „Anzahl der Wege“ und – etwa für CO2-Belastung und Straßenabnutzung wichtiger – „gefahrenen Kilometern differenziert. „Alle Wege“ bedeutet: Binnenverkehr plus Fahrten über die Stadtgrenze hinaus. Mehr Ergebnisse und Grafiken gibt’s unter: www.swtue.de

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14.07.2015, 12:00 Uhr

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