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Zurück ins Land des Schreckens
Afghanistan Foto: Afghanistan
Abschiebung

Zurück ins Land des Schreckens

Die ersten 34 Afghanen wurden zurück in ihre Heimat gebracht. In Orte, die als sicher gelten, obwohl sie von Anschlägen geplagt sind. Für Flüchtlinge bedeutet das vor allem eines: Angst.

16.12.2016
  • EPD

Berlin. Faruk kann nicht mehr denken. Jedenfalls nicht so, wie er sich das wünscht: „Immer, wenn ich ein bisschen Ruhe habe, geht es los. Dann bekomme ich Angst“, sagt der 17-Jährige, der in Wirklichkeit gar nicht Faruk heißt. Doch weil es nicht nur um ihn geht, ist sein Name hier geändert. Nicht nur er hat Angst, sondern auch seine Schwestern, sein Bruder, seine Mutter. „Meine Mutter wacht nachts mit Panikattacken auf. Jede Nacht.“ Seit einigen Monaten geht das schon so. Für Faruks Sorgen gibt es einen einfachen Grund: Er und seine Familie sind Flüchtlinge aus Afghanistan – und fürchten ihre Abschiebung.

Menschen, die aus dem Land nach Europa geflüchtet sind, sollen in Zukunft schneller abgeschoben werden können – seit Anfang Oktober ist das offizielle Politik, am Mittwoch ist das erste Charter-Flugzeug mit 34 Afghanen in Frankfurt abgeflogen. Die EU und die Bundesregierung haben Vereinbarungen mit der Regierung in Kabul für die vereinfachte Rücknahme von Flüchtlingen getroffen. Nach Angaben der Bundesregierung leben rund 12 500 Afghanen mit abgelehntem Asylantrag in Deutschland. Wie viele davon tatsächlich abgeschoben werden können, ist unklar.

Jeder Zweite bekommt Schutz

Zu den Zahlen passt, dass die Schutzquote für afghanische Asylsuchende von rund 78 Prozent im Jahr 2015 auf 52 Prozent im August 2016 gesunken ist. Das heißt, erklärt die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl: Seit Anfang 2016 bekommt nur noch jeder zweite afghanische Asylbewerber, dessen Antrag vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge inhaltlich bearbeitet wurde, Schutz in Deutschland. Begründet wird das mit einer besseren Sicherheitslage in dem Land am Hindukusch. Ob das so stimmt, darüber gibt es verschiedene Meinungen. Sicher scheint nur: Viele Afghanen leiden unter dem Gedanken, bald in ihre Heimat zurück zu müssen.

„Angst macht sich breit. Das kann man schon so sagen“, sagt Adam Naber vom Bundesverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Unter den jungen Menschen seien viele aus Afghanistan. Bei ihnen stellt Naber eine Änderung im Verhalten fest. „Die meisten von ihnen lassen sich jetzt in der Schule hängen.“ Die Angst vor der Abschiebung wirke tief in die Familien hinein.

Faruk kann das bestätigen. „Eines Nachts hat meine Mutter keine Luft bekommen. Wir haben den Krankenwagen gerufen, aber die Sanitäter konnten an ihr nichts feststellen. Es war einfach nur Angst.“ Nicht nur in seiner Familie gehe das so; bei den Zimmernachbarn in ihrem Berliner Wohnheim sei die Lage auch nicht anders. „Dort gibt es einen Mann, der kratzt sich jede Viertelstunde an der Hand, so nervös ist er. Und so sieht die Hand auch aus.“ Das letzte Mal, als er mit seiner zu Hause gebliebenen Tante telefoniert habe, da habe diese gesagt, sie verlasse aus Furcht kaum noch das Haus. Mehr will er von Afghanistan nicht erzählen.

Die meisten ziehen in die Städte

Über die Sicherheitslage in Afghanistan gibt es durchaus unterschiedliche Ansichten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge schätzt die Lage offensichtlich so ein, dass zumindest in einigen Großstädten ein sicheres Leben möglich sei. Offizielle Informationen gibt es dazu nicht – wohl aber haben verschiedene Flüchtlingsorganisationen nahezu wortgleiche Ablehnungsbescheide von Asylbewerbern erhalten und publik gemacht, in denen die Antragsteller von der Behörde aufgefordert wurden, sich in Afghanistan eine neue Existenz aufzubauen.

Unter anderem genannt wird die Stadt Masar-i-Scharif, in der die Taliban erst vor kurzem eine Autobombe vor dem deutschen Generalkonsulat gezündet hatten. Sechs Menschen kamen dabei ums Leben. „Afghanistan ist nicht sicher. Wer abschiebt, gefährdet Menschenleben,“ sagt Günter Burkhardt, Geschäftsführer von Pro Asyl.Faruk will seinen Teil dazu beitragen, dass die Lage sich bessert. Einen Plan hat er schon gefasst. „Ich will Abitur machen und dann Politik studieren. Als Diplomat kann man bestimmt etwas erreichen.“ Ob man ihn lässt, weiß er nicht. epd

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16.12.2016, 06:00 Uhr

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