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Zukunftsformen der Religion

Zwei Ehrendoktoren für die Katholiken

Sie machen religiöse Erfahrung gesellschaftstheoretisch und sozialpolitisch lebendig: Der Soziologe Hans Joas und der Theologe Josef Sayer wurden von der Katholisch-Theologischen Fakultät mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet.

10.07.2012
  • DOROTHEE HERMANN

Tübingen. Für den Soziologen Hans Joas hat sich die christliche Religion mit der Aufklärung keineswegs erledigt. In seinem jüngsten Buch „Glaube als Option“ befasst er sich explizit mit den „Zukunftsmöglichkeiten des Christentums“. Bis 2011 war der 63-Jährige Max-Weber-Professor an der Uni Erfurt. Josef Sayer hingegen stehe für eine Theologie der Solidarität, so der katholische Theologie-Professor Bernd Jochen Hilberath in seiner Laudatio am Freitagabend im Kupferbau vor rund 180 Interessierten, darunter der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel. Solidarität sei für Sayer „die Alternative zur Globalisierung“, sagte Hilberath.

Mit Sayer werde zugleich das bischöfliche Hilfswerk Misereor geehrt, dessen Hauptgeschäftsführer er von 1997 bis März 2012 war, ergänzte Prof. Albert Biesinger, Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät. Nach seinem Studium der Theologie und Philosophie in Tübingen und Rom begann Sayer als Entwicklungshelfer und Pfarrer in den peruanischen Anden. Später engagierte er sich auch in den Slums von Lima, berichtete der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst.

„Die biblische Urbotschaft der Nächstenliebe hat er als Gerechtigkeit interpretiert und sie in politische und gesellschaftliche Zusammenhänge gestellt“, sagte der Bischof. Eine Hütte aus Schilfmatten habe Sayer in jenen Jahren als Pfarrhaus, Schlafraum, Pfarrbüro und Beichtzimmer gedient. Er habe sich stets „auch politisch für die Nöte der Armen eingesetzt“. Mit der Sozialkommission der peruanischen Bischofskonferenz entwickelte Sayer während des erst im Jahr 2000 beendeten Bürgerkriegs in dem südamerikanischen Land Konzepte für kirchliches Engagement in sozialen Fragen und der Menschenrechtsarbeit.

Eine Professur für Pastoraltheologie im schweizerischen Fribourg nahm er nur unter der Bedingung an, weiterhin jedes Jahr fünf Monate in Lateinamerika wirken zu können. Der Arbeit von Misereor gehe es um „die universale Anerkennung der Würde jedes Menschen – ungeachtet seines Glaubens oder Nichtglaubens“, bekräftigte der 70-jährige Sayer. Seine Tübinger Ehrung versteht er vor allem als Anerkennung dessen, „was Menschen in Lateinamerika erlebt und erlitten haben“.

Mit Hans Joas würdigte die Fakultät einen Soziologen, der die für Theologen möglicherweise paradoxe These vertritt, religiöse Überzeugungen könnten nicht mehr als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Doch sei es dem bekennenden Katholiken gelungen, die sogenannte Säkularisierungsthese zu entkräften, wonach mit zunehmender Modernisierung einer Gesellschaft das Christentum obsolet werde, sagte Bischof Fürst.

Seit dem 18. Jahrhundert werde es „zunehmend zulässig, ungläubig zu sein“, erläuterte Joas mit Bezug auf den kanadischen Religionsphilosophen Charles Taylor. Die Folge sei der Aufstieg „eines intellektuellen Weltbildes, für das der Glaube keine Rolle mehr spielt“. Bereits bei der Frage, wer jeweils „die säkulare Option“ wähle, ergebe sich jedoch ein differenziertes Bild. So habe sich die deutsche Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts entschieden areligiös verortet, während sich beispielsweise ihr Pendant in England viel weniger säkular verstanden habe.

Der Soziologe bestreitet, dass wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Fortschritt notwendig zur Aushöhlung von Religiosität führe. Ein solcher Zusammenhang sei allein für Europa belegt: „Die Säkularisierungsthese ist die falsche Verallgemeinerung der historischen Erfahrungen bestimmter europäischer Gesellschaften.“

Zwei Ehrendoktoren für die Katholiken
Hans Joas Bild:UniErfurt

Zwei Ehrendoktoren für die Katholiken
Josef Sayer Bild:Metz

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10.07.2012, 12:00 Uhr

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