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Gabriel oder Schulz?

Zwei Kandidaten melden sich

Wer soll 2017 Bundeskanzlerin Angela Merkel herausfordern? Die Genossen haben die Wahl zwischen Parteichef Sigmar Gabriel und dem Präsidenten des EU-Parlaments, Martin Schulz.

20.10.2016
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Der frühe Vogel, sagt der Volksmund, fängt den Wurm. Sigmar Gabriel (57), der gelernte Volkshochschullehrer, ist anderer Meinung. „Frühe Kandidaten verlieren“, meint der SPD-Vorsitzende und will an seinem Plan, erst Anfang 2017 über den Kanzlerkandidaten seiner Partei zu entscheiden, mit aller Macht festhalten – unter Hinweis auf schlechte Erfahrungen. Sowohl 2009 wie 2013 waren die Würfel früh für Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück gefallen, doch wurden beide Spitzenkandidaten in einem langen Wahlkampf gegen Angela Merkel aufgerieben. Dieses Los will Gabriel sich selbst oder einem anderen Herausforderer dieses Mal ersparen.

Die Kanzlerin erklärt sich nicht

So lange nicht einmal die amtierende Kanzlerin ihre Bereitschaft erklärt habe, wieder anzutreten, habe die SPD gar keine Eile, ihrerseits eine Entscheidung über die Spitzenkandidatur zu treffen, argumentiert Gabriel seit Wochen. Diese durchaus plausible Begründung lässt sich nur aufrechterhalten, so lange sich Angela Merkel in Schweigen über ihre Zukunftspläne hüllt und stets auf einen „gegebenen Zeitpunkt“ verweist, zu dem sie sich erklären will. Das könnte spätestens in gut sechs Wochen sein – beim CDU-Parteitag vom 5. bis 7. Dezember in Essen.

Was dann, SPD? Bis in den Spätsommer hinein schien es so, als habe sich Gabriel nach langem Zögern dazu entschlossen, von seinem Recht als Parteivorsitzender Gebrauch zu machen und die Genossen in den dritten Wahlkampf gegen eine inzwischen nicht mehr ganz so unbesiegbar erscheinende Bundeskanzlerin Angela Merkel zu führen. Bei seinen Sommerreisen machte der oft zaudernde Frontmann aus dem Harz auf Beobachter den sicheren Eindruck, dass er – anders als 2013 – im kommenden Jahr nicht wieder kneift und einem anderen Kandidaten das Feld überlässt.

Nach den mehr oder weniger positiven Wahlergebnissen der SPD in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin sowie der Zustimmung des Wolfsburger SPD-Konvents zum Freihandelsabkommen Ceta im September hatten auch Wegbegleiter Gabriels zunächst vermutet, dass der Vorsitzende seine Kandidatur verkündet, sobald diese Klippen erfolgreich umschifft waren. Doch noch immer stieg kein weißer Rauch aus dem Willy-Brandt-Haus auf.

Kein Wunder, dass die Spekulationen ins Kraut schießen. Einmal heißt es, Gabriel wisse um seine schlechten demoskopischen Werte und um sein schädliches Image als sprunghafter Bauchmensch. Deshalb wolle er einen anderen Spitzenkandidaten ins Rennen schicken – Martin Schulz (60), den Präsidenten des Europa-Parlaments. Andere SPD-Granden sagen: „Der Sigmar muss es machen, und weil er das weiß, macht er es auch.“ Schließlich wäre Gabriel auch als SPD-Boss kaum noch tragbar, wenn er erneut zurückzuckt.

Schon machen sich namhafte Sozialdemokraten offen für Schulz stark, so die beiden Ministerpräsidenten Stephan Weil (Niedersachsen) und Dietmar Woidke (Brandenburg). Und Martin Schulz läuft sich warm. Er macht bei seinen zahlreichen Auftritten in der SPD und darüber hinaus keinen Hehl aus seinem Ehrgeiz. Zwar sagt Schulz: „Die SPD hat einen Fahrplan, wie sie ihren Kanzlerkandidaten bestimmt, und an diesen Fahrplan halten wir uns alle.“ Das aber hindert den gelernten Buchhändler aus dem rheinischen Würselen nicht daran, schon mal intensiv auf Wahlkampftour zu gehen.

Dabei sind Gabriel und Schulz seit Jahren enge Freunde. Der Europa-Politiker hat nicht vergessen, dass Gabriel zu seinen Gunsten einst darauf verzichtete, SPD-Spitzenkandidat für das EU-Parlament zu werden, wie es der damalige Kanzler Gerhard Schröder empfohlen hatte. Tatsächlich gilt Schulz als einer der wenigen Vertreter in der Parteispitze, auf die sich Gabriel hundertprozentig verlassen kann. Schulz würde also nicht gegen Gabriel kandidieren, sondern nur für den Fall bereit stehen, dass der SPD-Chef ihn vorschlägt.

Seit Jahren enge Freunde

Ob das passiert, ist ungewiss. Noch fraglicher aber ist, ob andere SPD-Präsiden – an der Spitze Olaf Scholz und Andrea Nahles – damit einverstanden wären. Beide hegen eigene Ambitionen, allerdings wohl erst für die übernächste Bundestagswahl. Außerdem fürchten viele Genossen, dass Schulz, wäre er erst einmal gewählter Kandidat, von Parteifreunden, Medien und Öffentlichkeit weniger positiv beurteilt würde als jetzt. „Schulz wird gerade hochgejubelt, um Gabriel zu verhindern“, erklärt ein Insider.

Andere weisen darauf hin, dass der EU-Parlamentspräsident zwar ein ausgewiesener Europa-Experte sei, aber ein unbeschriebenes Blatt in wichtigen Fragen der Innen- und Gesellschaftspolitik. Zudem sei noch gar nicht entschieden, ob Schulz nicht doch über den Januar 2017 hinaus an der Spitze der EU-Volksvertretung bleiben könne. Darüber wird unter den europäischen Parteien gerade verhandelt. Dann bliebe es dabei, was Gabriel in einem gerade erschienenen Buch über Martin Schulz geschrieben hat: „Gerade in diesen turbulenten Zeiten ist deutlich, dass jemand wie Martin Schulz in Brüssel gebraucht wird.“ Und nicht in Berlin.

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20.10.2016, 06:00 Uhr

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