Horb · Corona

Pflege in schwierigen Zeiten

Die Pandemie wirkt sich auf die Bewohner der Altenpflegeheime in Horb aus. Die Mitarbeiter haben mit der Situation sehr zu kämpfen. Carolin Felchle ist eine von ihnen.

20.04.2020

Von Mathias Huckert

Das Pflegeheim Bischof Sproll in Horb.Bild: Karl-Heinz Kuball

Zwei ständige Begleiter hat Carolin Felchle in ihrem Arbeitsalltag: das Desinfektionsspray und den Mundschutz. Es sind ihre beiden Konstanten. Während permanent neue Bestimmungen und Schutzmaßnahmen hinzu kommen, weiß die 17-Jährige: Sie muss den Mundschutz tragen, wenn sie morgens mit der Arbeit anfängt. Abends legt sie ihn im Sanitärbereich des Altenpflegeheims Bischof Sproll wieder ab. Zusammen mit den Masken ihrer Kollegen wird ihr Mundschutz am Abend bei 90 Grad gewaschen. „Das tötet alles ab“, sagt Felchle, die seit September 2019 ihr Freiwilliges Soziales Jahr im Bischof Sproll auf dem Hohenberg macht. Sie kam in das Heim, um zu helfen. Daran hat auch die Ausbreitung des Coronavirus nichts geändert – wohl aber am Arbeitsalltag der jungen Frau.

Sie schätzt, dass sie sich am Tag bis zu 150 Mal die Hände desinfiziert – nach jedem einzelnen Kontakt mit Kollegen und Heimbewohnern: „Irgendwann schmerzt die Haut halt“. Sie nimmt die Belastung in Kauf. In der Mittagspause geht das Entkeimen weiter: Handläufe, Türknäufe, Lichtschalter und Heizungsthermostate – die Oberflächen dürfen nicht zu Infektionsherden werden. Bisher gelingt das sowohl im Pflegeheim Bischof Sproll und im Altenpflegeheim Ita von Toggenburg: Beide Heime haben unter ihren über 150 Bewohnern bisher keine Corona-Infizierten. Der stellvertretende Heimleiter Thomas Müller sagt unserer Zeitung: „Wir sind noch unter den Glücklichen“.

Das Virus blieb bis jetzt draußen. Hinein kamen Unsicherheit und Ängste. Denn die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Corona haben psychologische Folgen für die Bewohner der Heime: Wer neu einzieht, kommt präventiv für zwei Wochen in Quarantäne, darf sein Zimmer im Heim in dieser Zeit nicht verlassen. Man merke den älteren Menschen an, dass Einsamkeit und Ungewissheit sie belasten, sagt FSJlerin Carolin Felchle. „Zwei Wochen klingen wie ein kurzer Zeitraum, doch wenn man älter ist und wenig zu tun hat, dann macht das was mit Einem.“

Viele Heimbewohner leiden unter dem Besuchsverbot – Angehörige versammeln sich vor den Fenstern und winken ihren Müttern, Vätern oder Großeltern zu. Hinein dürfen sie jedoch nicht. Die Meisten macht das oft trauriger als vor dem Besuch. Ein Gespräch zwischen Bewohnern und Angehörigen ist wenigstens über den Balkon der Pflegeeinrichtung möglich.

Was draußen vor sich geht, das erfahren die Heimbewohner von ihren Pflegern. Viele wollen wissen: Wie ist das jetzt dort draußen, wenn viele Geschäfte geschlossen sind? Erledigen die Menschen ihren Einkauf jetzt wirklich mit der Atemschutzmaske im Gesicht? „Wir Pfleger sind für die alten Leute im Moment der letzte Kontakt zur Außenwelt“, erklärt Carolin Felchle.

Demenzkranke leiden besonders

Prekär ist die Situation auch für die Heimbewohner, die an Demenz leiden: Während die Außenwelt langsam ergrünt, geht es denen, die wegen ihrer Krankheit einen grauen, tristen Alltag haben, während der Pandemie noch schlechter. Wenn sich Besuchsverbot und Demenz vermischen, dann machen sich viele Demenzkranke Vorwürfe – sie können die Lage nicht begreifen und glauben, dass es an ihnen läge, wenn die Kinder oder Enkel plötzlich nicht mehr vorbeischauen.

Im Bischof Sproll versuchen die Pflegekräfte mit allen Mitteln, zu verhindern, dass die Dementen, aber auch alle anderen Heimbewohner, weiter „abbauen“, wie Felchle und ihre Kollegen sagen. Das gelingt durch Spielenachmittage, die es, genau so wie in der Zeit vor der Pandemie, noch immer im Pflegeheim gibt. Auch das hauseigene Café war ein Mal in Betrieb, als schon Besuchsverbot herrschte. Carolin Felchle hat gute Erinnerungen an diesen Tag: „Die Bewohner kamen trotz aller Umstände zusammen, so wie es eben möglich war. Der Raum war voll von ihrem Gelächter, und sie durften Eis essen.“

Momente wie dieser sind seltener geworden, aber es gibt sie noch im Pflegeheim. Felchle erzählt auch davon, dass ihr als Pflegekraft manchmal die Ideen zur Beschäftigung für die Bewohner ausgehen. Oft treibt sie das auch nach der Arbeit um. Das war schon in der Zeit vor Corona so.

Neu hinzu gekommen ist in Zeiten der Pandemie die Wertschätzung: Plötzlich sind da Menschen, die den Pflegekräften ihre Anerkennung mit auf den Weg geben, die sagen: Das, was ihr macht, ist toll. Felchle fühlt sich davon ermutigt, ein „schönes Gefühl“ sei das. Aber die junge Frau aus Nordstetten sagt auch: „Ich selbst brauche jetzt keine große Wertschätzung für das, was ich täglich mache. Denn ich habe den älteren Menschen schon geholfen, bevor es die Pandemie gab.“

Eine bessere Bezahlung für die Pflegekräfte sei wichtiger. Carolin Felchle hofft vor allem deshalb, dass der Diskurs über den Notstand in der Pflege nicht verstummt, sobald die Gesellschaft allmählich wieder in den Alltag zurückkehrt. Man habe das Gesundheitssystem „totgespart“ und die Krise, die derzeit herrscht, könnte eine Lehre sein. Vor allem für diejenigen, die zuvor nicht zu schätzen wussten, welche Risiken die Fachkräfte in Krankenhäusern und Pflegeheimen täglich eingehen – ob mit oder ohne Mundschutz.

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Erstellt:
20. April 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. April 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. April 2020, 01:00 Uhr

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