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Zweiter Anlauf gegen den Klimawandel
195 Länder wollen mit Selbstverpflichtungen Temperaturanstieg der Erdatmosphäre begrenzen

Zweiter Anlauf gegen den Klimawandel

Das Klima weitgehend stabil halten lautet das Ziel des Klimagipfels in Paris. Aber genügt es, die Reduktion der Treibhausgase wieder anzukurbeln? Dies wäre ein Erfolg für die Staatengemeinschaft. Viel mehr nicht.

28.11.2015
  • MARTIN HOFMANN

Die Klimakonferenz in Paris steht unter hohem Ergebnisdruck. "Wir wollen doch nur überleben", sagt Joseph Aitaro, zurzeit Koordinator für Klimawandel im Südsee-Staat Palau. Die gut 21 000 Bewohner auf den elf bewohnten der 356 Pazifikinseln erleben mehr Stürme, die ihr Land überfluten und Böden versalzen. "Die Leute sind hier geboren, sie wollen nicht weg", lautet seine Botschaft an die 20 000 Delegierten der Konferenz. Seit 3000 Jahren leben Menschen auf den einstigen Korallenriffen. Eine Verschiebung der Kontinentalplatten hat sie wenige Meter aus dem Meer gehoben. Ihre Hoffnung: Ergebnisse, die geeignet sind, Klimawandel aufzuhalten.

"Die Eisdecke der beobachteten Gletscher nimmt derzeit jedes Jahr zwischen einem halben und einem ganzen Meter ab - dies ist zwei bis drei mal mehr als der Durchschnitt im 20. Jahrhundert", stellte Michael Zemp Anfang August fest. Er ist Direktor des World Galcier Monitoring Service an der Uni Zürich. "Exakte Messungen gibt es nur von ein paar hundert Gletschern, die Resultate werden aber qualitativ bestätigt durch Beobachtungen von zehntausenden Gletschern weltweit."

Anfang September entgegnete Professor Lars Kaleschke vom Institut für Meeresforschung der Uni Hamburg anderslautenden Prognosen: "Das Arktiseis erholt sich nicht." Es bedeckte im Sommer nur noch 4,35 Millionen Quadratkilometer des arktischen Ozeans, weniger als 2013 und 2014. In den 1970er und 1980er Jahren lag das Sommer-Minimum des Meereises noch bei 7 Millionen Quadratkilometern.

Beeindrucken solche Belege die Vertreter der 195 Vertragsstaaten der Klimarahmenkonvention? Der Vertrag wurde 1992 verabschiedet. Sein Ziel: "Die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird." Artikel 3 fordert, die "Bedürfnisse der Vertragsparteien, die besonders anfällig für nachteilige Folgen sind, "voll" (zu) berücksichtigen.

Der Versuch, die Erdatmosphäre als globales öffentliches Gut durch gemeinsames Handeln zu schützen, ist gescheitert. Diesen Weg sah das Kyoto-Protokoll vor. Es ging um Treibhausgase THG), aus welchen Quellen sie stammen und um ihre natürlichen Senken, die geschützt werden sollten. 1997 verpflichteten sich die Industrieländer, ihre THG-Emissionen gegenüber 1990 von 2008 bis 2012 um 5,2 Prozent zu drosseln. Bis 2020 sollten sie dann um mindestens 18 Prozent sinken.

Doch dieses Regime kündigten die USA bereits 2001 auch mit Verweis auf den steigenden THG-Ausstoß Chinas. Neben den heute 28 EU-Staaten nehmen nur noch neun Länder an der zweiten Reduktionsperiode teil. Sie verantworten nur 15 Prozent des THG-Ausstoßes.

Nun ersetzen - von 2020 an - Selbstverpflichtungen jedes Staates gemeinsame Reduktionsziele. Vorteil: Auch Schwellen- und Entwicklungsländer ziehen mit. 162 Staaten haben für Paris Klima-Aktionspläne vorgelegt. Die THG werden dabei in CO2-Äquivalente umgerechnet.

China, der weltweit größte Emittent hat zugesagt, seinen CO2-Ausstoß von 2030 an zu senken, möglichst aber früher. Die Volksrepublik ist für ein Viertel der weltweiten Emissionen verantwortlich - mehr als die EU und die USA in die Atmosphäre schicken. Bis 2030 soll der Verbrauch fossiler Energieträger zudem um 20 Prozent sinken.

Die USA wollen ihren Ausstoß im Vergleich zu 2005 um 26 bis 28 Prozent verringern. Die EU, drittgrößter Emittent, verspricht, ihren Ausstoß gegenüber dem Basisjahr 1990 bis 2030 um 30 Prozent zu senken. Indien will eine ähnliche Marge erzielen, misst diese aber an ihrer Wirtschaftskraft.

Nun müssen die Klimaverhandler bis 11. Dezember klären, wie verbindlich solche Zusagen sind und wer sie wie überprüft. Wahrscheinlich ist, dass der neue Klimavertrag nur Berichtspflichten vorsieht.

Da die freiwilligen Versprechen das vereinbarte Ziel nicht erfüllen, die Erwärmung der Erdatmosphäre bis zum Ende des Jahrhunderts auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, soll festgelegt werden, in welchen Abständen sie verschärft werden. Die EU plädiert für Intervalle von fünf Jahren.

Offen lässt der vorliegende Vertragsentwurf, inwieweit als Ziel der Abschied von Kohle, Öl und Gas bis 2100 festgeschrieben wird. Die großen Industrienationen (G 7) haben sich auf den Komplettaustieg verständigt, die EU fordert Kohlenstoff-Neutralität mit Rücksicht auf das Kohleland Polen. Dort soll CO2 unter der Erdoberfläche gespeichert werden. Russland oder die arabischen Länder haben als Großexporteure fossiler Energieträger an fixen Zielen kein Interesse. Stimmen sie nur zu, wenn ihre Verluste ausgeglichen werden?

Die Entwicklungsländer verlangen, dass Schäden durch Klimawandel kompensiert und Katastrophenvorsorge finanziert werden. Die Industrieländer wissen um ihre Verantwortung als Verursacher des Klimawandels. Sie wollen aber verhindern, dass Ansprüche auf Entschädigung fixiert werden. Sie haben zugesagt, von 2020 an jährlich 100 Milliarden Dollar für Anpassung an den Klimaschutz zu zahlen. Im Vertrag soll die Summe aber nicht stehen, weil sie zu Hilfen auch privatwirtschaftliche Investitionen rechnen.

Ob und wie diese Streitpunkte ausgeräumt werden, ist offen. Die hohe Hürde: Alle 195 Staaten müssen dem neuen Vertrag zustimmen.

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28.11.2015, 08:30 Uhr

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