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Zeremonie auf dem Feld

Zwischen Gomaringen und Stockach war interkulturelles Kartoffelfest

Fast 30 Jahre bewirtschaftet Jürgen Hirning vom Obst- und Gartenbauverein schon seinen Kartoffelacker in der Senke zwischen Gomaringen und Stockach. Im vergangenen Jahr kamen vier Freunde und viele neue Sorten dazu. Und gestern gab es zum ersten Mal ein Fest zur Kartoffelernte.

06.09.2010
  • Kathrin Löffler

Gomaringen. Auf dem Tisch liegt ein Haufen „Blauer Schweden“ in der Spätsommersonne. Daneben Annabelle, Linda und Laura. Nein, keine Ansammlung angetrunkener Skandinavier mit weiblicher Begleitung präsentierte sich da gestern Nachmittag. Es konnte vielmehr das Ergebnis des gemeinsamen Projekts von Jürgen Hirning, Maria Salas, Timmi Tillmann, Michael Stadelmann und Geraldine Chavez inspiziert werden. Teils sind sie seit Jahren befreundet, teils kennen sie sich durch das „Cine Latino“: Salas stammt aus Peru, Chaves aus Chile.

Zwischen Gomaringen und Stockach war interkulturelles Kartoffelfest
Von Hand und mit viel Liebe: Vor den Augen der Besucher pflügt Timmi Tillmann den internationalen Kartoffelacker.Bild: Rippmann

Die fünf waren auf die Idee gekommen, möglichst viele Kartoffelsorten aus der ganzen Welt anzubauen. Hirnings Feld – es gehört ihm seit 1984 – bot dafür den idealen Platz, hat es doch einen „sehr guten, tiefgründigen Boden“. Vergangenes Jahr starteten sie mit 17 Sorten, heuer kamen noch einige hinzu. Die wurden allesamt herausgeackert und aufgelesen, damit die Besucher eine Vorstellung davon bekommen, wie viele Kartoffeln es eigentlich gibt. Violette und rote nämlich, längliche, die ganz dünnen, verwachsenen „Bamberger Hörnchen“, „Belle de Fontenay“, die in Frankreich als Delikatesse gelten oder „Rosa Tannenzapfen“.

Von Hand und ohne Pestizide

Den Kartoffelanbau erledigen sie ganz von Hand. Ohne Pestizide. Was auch bedeutet, dass es teils wochenlang nichts anderes zu tun gab, als Kartoffelkäfer Stück für Stück von den Pflanzen abzusammeln. Das Saatgut stammt von einem Versand, der es wiederum von Bauern bekommt. „Bio und Handarbeit und Liebe“, beschreibt Michael Stadelmann sein Knollen-Konzept. Das gemeinsame Interesse an guten Lebensmitteln, sagt er, habe das „Projekt Kartoffelfeld“ zusammengeführt.

Ein Problem hat Hirnings Feld jedoch: Hier sind Maulwurfsgrillen heimisch. Die fressen unterirdisch alles ab. „Furchtbare Viecher“, so der Ackerbesitzer. Seit 1984 ist er im Kampf gegen sie und hat bislang kein probates Mittel gefunden. Dieses Jahr haben die Kartoffelbauern es mit Fadenwürmchen versucht, die in die Grillen eindringen und sie so unschädlich machen. „Es hat erstaunlich gut funktioniert.“

Das Fest am Sonntag war eine spontane Idee. In Peru nämlich wird die Kartoffelernte immer gefeiert. „Danach gehört sich eine Danksagung“, sagt Maria Salas. Wie das aussehen kann, zeigt sie den Besuchern mit einer kleinen Zeremonie: Auf einer auf dem Gras ausgebreiteten Decke legt sie verschiedene symbolische Gegenstände – etwa die Mutterkartoffeln und Blätter – aus. Und dann darf jeder einen Dank aussprechen: an Mutter Erde oder den Ackerboden. „Absolute Premiere“, freut sich Jürgen Hirning.

Eine Zeremonie gab es noch nie auf seinem Feld. Die Ethnologin Salas hat über die peruanische Kartoffel promoviert. Sich bei der Erde zu bedanken, betrachtet sie als „moralische Pflicht“. Das gerate heutzutage ein bisschen in Vergessenheit. Als bloß peruanisches Ritual will sie das aber nicht verstanden wissen, schließlich sitzen doch auch Schwaben und Leute aus Paraguay oder Chile mit im Kreis. „Es ist ein Menschenrecht, zu wissen, wovon man sich ernährt“, sagt sie. Dieses gelte nicht nur in der dritten Welt, sondern auch hier. Deshalb sei es ihr Interesse, Kartoffelvielfalt hier anzupflanzen.

Kartoffel als Geburtstagsgeschenk

Probiert werden darf freilich auch: Von blauen und gelben Knollen, mit schwäbischer und peruanischer Soße. „Alles interkulturell“, so Maria Salas. Jürgen Hirning schätzt, die Ernte werde einen Ertrag von zehn bis zwölf Zentnern bringen. Die werden aber nicht allein gegessen. „Das sind die Geburtstagsgeschenke für die nächsten Monate“, freut sich Michael Stadelmann.

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06.09.2010, 12:00 Uhr

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