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Zwischen Mission und Rekrutierung
Salafisten sollen bei ihrer Koranverteilaktion "Lies!" auch Gelder für den IS gesammelt haben. Dem geht nun die Staatsanwaltschaft nach. Foto: dpa
Drei junge Männer im Raum Ulm unter Islamismus-Verdacht - Angeblich über Koran-Verteilung "Lies!" Geld für IS gesammelt

Zwischen Mission und Rekrutierung

Drei junge Männer aus dem Raum Ulm sitzen wegen des Verdachts der Terrorismus-Finanzierung in Haft. Die Spur führt zu Koran-Verteilern, denen schon länger Terror-Rekrutierung vorgeworfen wird.

14.04.2016
  • AXEL HABERMEHL

Die Männer, die seit September 2013 immer wieder mal ihren Büchertisch in der Ulmer Fußgängerzone aufbauen oder werbend durch die Menge der Einkäufer spazieren, könnten auf den ersten Blick auch Reklame für irgendein Geschäft machen. Jedenfalls, wenn man sich die Salafistenbärte wegdenkt. Wie lebende Litfasssäulen wandeln die Männer durch die Menschenmenge, auf ihre Rücken haben sie bunte Plakate geschnallt.

Die Männer werben für ihre Religion, sie verteilen Korane, Broschüren, CDs: "LIES! IM NAMEN DEINES HERRN, DER DICH ERSCHAFFEN HAT!", steht auf ihren T-Shirts und Plakaten. Und: "Der edle Koran auf deutsch. Jetzt kostenlos erhältlich." Manchmal sprechen sie jemanden an, bieten Korane an, verwickeln Jugendliche in Gespräche.

Die Religion, für die die Männer werben, ist in ihren Augen "Die wahre Religion", so jedenfalls heißt die Website und auch die Facebook-Seite, auf der die Gruppe später Fotos hochlädt. "Street Dawah" nennen sie die Aktion - "Straßen-Missionierung".

Die Aktion ist Teil einer bundesweiten Koran-Verteilkampagne, die der bekannte Salafist Ibrahim Abou-Nagie initiiert hat, der sich als Youtube-Prediger einen Namen machte und kürzlich vom Amtsgericht Köln wegen gewerbsmäßigen Sozialbetrugs verurteilt wurde. Laut Verfassungsschutz ist "Lies!" eines der wichtigsten öffentlichen Tätigkeitsfelder deutscher Salafisten überhaupt. 2014 seien allein in Baden-Württemberg mehr als 175 Infostände mit Büchertischen angemeldet worden.

Doch wenn stimmt, was die bundesländerübergreifende gemeinsame Ermittlungsgruppe "Donau" in Neu-Ulm und die Staatsanwaltschaften Stuttgart sowie München ermittelt haben, haben manche Koran-Verteiler nicht nur missioniert. Wie die Behörden gestern mitteilten, hat die Polizei am Sonntag im Raum Ulm - wie berichtet - drei Männer festgenommen. Sie sitzen in U-Haft. Der Vorwurf: Terror-Finanzierung. Es gebe Hinweise, dass die Drei Geld gesammelt hätten und sich dem IS anschließen wollten, sagte die zuständige Oberstaatsanwältin Tomke Beddies gestern.

Die Verhafteten sollen "mehrere Koran-Verteilaktionen im Rahmen des Projekts "Lies!" organisiert haben", teilte die Staatsanwaltschaft mit. "Die gesammelten Gelder sollen die drei jetzt festgenommenen Männer direkt oder indirekt Mitgliedern des IS zukommen lassen haben." Zudem gehen die Ermittler davon aus, "dass die Drei sich darauf vorbereiteten, alsbald ebenfalls in den bewaffneten Kampf zu ziehen".

Die Verantwortlichen von "Lies!" antworteten gestern nicht auf eine Anfrage dieser Zeitung. Der Verdacht, dass durch die Aktion Personal rekrutiert und Geld gesammelt wird, besteht jedenfalls schon länger. Bei ausgeschaltetem Mikrofon sagten Staatsschützer seit Jahren, dass immer wieder Koran-Verteiler später als Dschihadisten nach Syrien reisen. Hans-Georg Maaßen, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, sagte im Deutschlandfunk mal: "Das merken wir bei Personen, die über diese sogenannte Koranverteilaktion ,Lies! in die Szene überführt wurden und sich dann in ganz kurzer Zeit radikalisiert haben und wir sie dann in Syrien wiedergefunden haben."

Doch harte Beweise für Zusammenhänge zwischen Koran-Verteilen und Dschihadisten-Rekrutierung gab es bisher nicht. Daran arbeitet nun unter anderem eine neue, auf "Islamismus und Ausländerextremismus" spezialisierte Sonderabteilung der Staatsanwaltschaft Stuttgart: Die Abteilung 24 der Behörde wurde im Februar eingerichtet. Unter Leitung von Tomke Beddies kümmern sich vier weitere Staatsanwälte in diesem heiklen Bereich um Fälle, in denen es etwa um Terrorismus-Finanzierung oder die Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat geht.

Wie Beddies gestern sagte, bearbeitet ihre Abteilung, obgleich erst elf Wochen im Amt, bereits 28 Fälle aus dem Bereich Islamismus und 12 aus dem Bereich PKK-Kriminalität. Es seien oft schwierige Fälle, häufig müsse verdeckt und über Ländergrenzen hinweg ermittelt werden, dazu bereite die Verschlüsselung von Datenträgern und Kommunikation immer größere Probleme.

Im Fall der nun Verhafteten wurde laut Beddies schon seit Ende 2015 ermittelt. Wie viel Geld die drei gesammelt haben sollen, sagte die Oberstaatsanwältin nicht. Es gehe aber bereits um Terrorismus-Finanzierung, wenn jemand Geld sammle, um die eigene Ausreise in den Dschihad zu finanzieren, falls dahinter das Ziel stehe, zu kämpfen oder sich ausbilden zu lassen.

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14.04.2016, 06:00 Uhr

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