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Konflikt

Zwischen Unmut und Verständnis

Vor dem Rathaus setzen sich Jugendliche für einen besseren Umgang mit der Umwelt ein, am Neckartor protestieren Dieselfahrer gegen das Fahrverbot. Stuttgart wird zum Schauplatz der Demonstrationen.

15.03.2019

Von dpa

Der Soziologe Simon Teune sieht in den beiden Protestgruppen Gegenpole des gleichen Konflikts. Foto: Sebastian Gollnow

Stuttgart. Vor dem Stuttgart Rathaus skandieren junge Demonstranten: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.“ Einen Tag später, wenige Hundert Meter entfernt, hallt eine andere Variante des Demospruchs durch die Innenstadt: „Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns den Diesel klaut.“

Die eine Gruppe – bestehend vor allem aus Schülern und jungen Menschen – ist Teil der weltweiten Protestbewegung „Fridays for Future“ (Freitage für die Zukunft). Die andere folgt dem Aufruf des Stuttgarters Ioannis Sakkaros, um gegen Diesel-Fahrverbote in der Stadt zu demonstrieren. „Im Grunde genommen sind die beiden Proteste Gegenpole des gleichen Konflikts“, sagt Soziologe Simon Teune vom Institut für Protest- und Bewegungsforschung. „Mobilität und Individualverkehr sind ja ein Faktor in der Diskussion Klimawandel.“

Die 22-jährige Lotte von Bonin geht seit November jeden Freitag für den Klimaschutz auf die Straße. „Ich war reisen in Vietnam und habe gemerkt, was unser Lebensstil für Unheil anrichtet.“ Viel Armut habe sie gesehen und Ausbeutung in Fabriken – und danach ihr Verhalten in Frage gestellt. In ein Flugzeug wolle sie nie wieder steigen, seit einem Jahr ernähre sie sich vegan.

Für die Menschen, die für ihre Diesel-Autos demonstrieren, habe sie aber Verständnis: „Ich verstehe, dass es sich unfair anfühlt, wenn man sein Auto nicht mehr fahren darf.“ Ein selbst geschriebenes Gedicht, das von Bonin wenige Minuten später ins Mikrofon spricht, hört sich weniger diplomatisch an: „Der übergewichtige Mercedes-Fahrer beschwert sich übers Dieselfahrverbot und Kinder wühlen nach den dafür gebrauchten Rohstoffen in Not.“

Schüler erscheinen für die „Fridays for Future“ nicht beim Unterricht. Foto: Sebastian Gollnow

Claus Maier (75) verteilt am Rande des Diesel-Protests Flyer: „Sparsamen Dieselmotoren, die wenig Kraftstoff verbrauchen, werden Fahrverbote auferlegt“, steht darin. Autos mit Benzinmotoren, die mehr Kraftstoff benötigten, hingegen nicht. Bei den Fahrverboten in Stuttgart geht es um die Belastung durch das gesundheitsschädliche Stickstoffdioxid (NO2). Maier erklärt: „Wir sind nicht gegen die Umwelt.“

Keine Diskussion, nur Regeln

Einige Meter entfernt hält ein Mann ein Schild in die Höhe: „Stop die Ökokratie“ lautet seine Forderung. „Ich fühle mich belogen, es gibt keine Diskussion, sondern nur Regelung.“ Die Jugendproteste hält der 74-Jährige für blauäugig – „wie kann man erwarten, dass die das verstehen.“

Sebastian hat zur Demo kein Plakat mitgebracht, sein Spruch steht auf einem roten Ordner. „Der ist für Deutsch, das hätte ich jetzt gerade.“ Die „Fridays for Future“-Proteste sind umstritten, weil sie in die Schulzeit fallen und damit auch die Schulpflicht verletzen. Wie Soziologe Teune erklärt, ist der Regelübertritt bei vielen Protesten ein wichtiges Element. Denn er erzeuge Aufmerksamkeit. „Die Resonanz auf die Proteste wäre nicht so stark, wenn sie sich am Samstag treffen würden.“

Auch Ioannis Sakkaros plant, mit seinen Protesten mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Politiker müssten aufhören, die Leute zu gängeln. „Klar, ich fordere auch saubere Luft, aber dem ganzen musst du Zeit geben. Autos müssen sauberer werden mit technischer Aufrüstung.“

In der Menge der Diesel-Demonstranten steht die 23-Jährige Manolya Cebeci. „Ich finde es gut, dass die Kinder schon so gut informiert sind und an die Umwelt denken“, sagt sie in Hinblick auf die Schülerproteste. Sie selbst habe sich ihr Diesel-Auto vor zwei Jahren gekauft, viel Geld reingesteckt, um es schön zu machen. Sie sei stolz darauf. „Wenn die Schüler in ein Alter kommen, in dem sie selbst arbeiten und ein Auto anschaffen, sehen sie es vielleicht anders.“

Nisha Toussaint-Teachout (19), die „Fridays for Future“ in Stuttgart mitorganisiert, sieht keinen unauflöslichen Konflikt zwischen den beiden Protestgruppen: „Das Problem ist doch ein anderes: Die Dieselfahrer gehen nicht für Dieselautos, sondern für ihre Rechte auf die Straße.“

Verbote seien keine Lösung, sagt sie, „es müssen Angebote gemacht werden, die nicht abzulehnen sind.“ Bezahlbarer, gut ausgebauter öffentlicher Personennahverkehr zum Beispiel. Das ist eine Forderung, die unter anderem auch vielfach auf den Diesel-Demos zu hören ist.

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Erstellt:
15. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 06:00 Uhr

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