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Alltag der Alamannen

Zwischen Waffen und Webstuhl: historische Schaudarstellung in Mössingen

Als Begleitprogramm zur Ausstellung „Verdammt lang her“ waren am Sonntag fünf authentisch ausgestattete Alamannen der Tübinger Gruppe ASK (Alamannisch-suebische Kulturdarsteller) zu Gast in Mössingen. Auf dem Parkplatz hinter der Kulturscheune zeigten sie, wie es bei unseren Vorfahren zu Hause zuging.

25.08.2014
  • Susanne Mutschler

Mössingen. Das lange Messer, das die Alamannen „Sax“ nannten, „ist gut zum Holz- und Schädelspalten“, sagt Rolf Kienzle, Sozialarbeiter aus Sindelfingen. In Alamannenkreisen ist er besser bekannt unter dem Namen „Herimund“. Er weiß, dass unsere Urahnen nur sehr ungern ohne diese scharfe Allzweckwaffe unterwegs waren. Meistens hatten sie außerdem einen runden Schild und eine spitze „Spata“, wie das Schwert hieß, dabei.

Bei den alamannischen Stammesfehden, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Blutrachezwisten ging es nicht zimperlich zu. „Skrupel kannten die nicht“, sagt Kienzle. „Die hatten ein völlig anderes Rechtsverständnis als wir“. Die acht- und zehnjährigen Brüder Luca und Luis aus Bodelshausen posieren in voller Bewaffnung für ihre fotografierende Großmutter.

Im dritten Jahrhundert taten sich die Alamannen zu einem Großstamm zusammen und blieben im deutschen Südwesten für rund 500 Jahre tonangebend, erläutert Kienzle, der sich tief in die historischen Zusammenhänge eingearbeitet hat.

Während der römischen Besatzung seien sie nicht selten als Legionäre in Diensten gestanden. Doch je mehr die Römer mit weit entfernten Fronten und wechselnden Herrschern beschäftigt waren, desto mehr nutzten die Alamannen jede Gelegenheit, die Provinzialbewohner zu terrorisieren, bei Raubzügen auszuplündern und ihre Sklaven zu befreien.

Archäologin Christina von Elm, Tübinger Archäologin und Gründungsmitglied der Gruppe ASK, ist in die Kleidung einer wohlhabenden alamannischen „Herrin“ geschlüpft. „Eine Großbäuerin auf dem Weg zu einer Thingversammlung“, stellt sie sich vor.

An ihrer Festtagstracht konnten die Mössinger Besucher ablesen, was der kriegerische Gatte an Beute mit nach Hause gebracht hatte. „Wir versuchen, der Echtheit so nahe wie möglich zu kommen“, erklärt von Elm. Für jedes Detail ihrer Ausstattung hat sie ein authentisches Vorbild aus einem Grabfund. Viele Informationen lieferte die Grabstätte einer 18-jährigen Alamannin, die in Pleidelsheim entdeckt worden war. Anhand der wenigen Textilreste, die sich an den silbernen Fibeln befanden, war es sogar möglich, den Schnitt des weichen, bestickten Leinenkleides zu rekonstruieren, das die ASK-Darstellerin trägt.

Ihren Kopf umspannt ein goldgewirktes Haarband, wie es damals nur die reichen Römerinnen hatten. Die bunten, auffallenden Perlen ihres Halsschmucks stammten aus Oberitalien. An ihrem Gürtelgehänge baumeln neben Etuis für Messer und Schere auch klappernde Ringe, Amulette und wertvolle Muscheln aus dem Indischen Ozean.

Ihr sei vor allem an der Museumspädagogik gelegen, erklärt die Archäologin den Zweck solcher regionalgeschichtlicher Kulturdarstellungen. Hier könne sie ihre Kenntnisse ganz anderes vermitteln als bei schriftlichen Veröffentlichungen. „Nur die wenigsten Leute lesen wissenschaftliche Werke“.

Gisela Stier aus Renquishausen bei Tuttlingen ist nicht nur in ihrer historischen Rolle als Alamannin mit Weben beschäftigt, sondern auch in ihrem aktuellen Leben. Die in Sindelfingen ausgebildete Handweberin hat einen Gewichtswebstuhl mitgebracht, wie er schon seit der Jungsteinzeit in feuchten Grubenhäusern gestanden hat und in Skandinavien erst vor rund 100 Jahren außer Gebrauch gekommen ist. Das Gewebe wächst nur langsam. Für zehn Zentimeter Stoff braucht sie ungefähr eine Stunde.

„Was die Durchschnittsalamannen getragen haben, das hat man selber gemacht“, erklärt sie. Von klein auf übten sich die Mädchen im Spinnen. Anders als vielleicht vermutet, liebten die Alamannen bunte Farben. Gelb wurden die Wollfasern in einem Sud aus Heidekraut. Rot, wenn die getrockneten und gemahlenen Läuse der Kermeseiche mit gekocht wurden. Für das begehrte Indigoblau nahmen die Alamannen die Blätter der Waidpflanze. Das Farbbad habe dafür mit Urin reduziert werden müssen, erzählt sie von eigenen Experimenten. „Wir haben alle gepieselt für die gute Sache.“

Ihr Mann Jörg Zwecker lässt an einer hölzernen Drechselbank einen zukünftigen Kerzenleuchter rotieren. Aus Harthölzern wie Esche, Ahorn und Buche fertigten die Alamannen Trinkschalen und Schüsseln.

Mit einem Seil übernahm der historisch interessierte Besucher Peter Sukale aus Mössingen für kurze Zeit den Antrieb des Handwerksgeräts. Ohne einen Gehilfen konnte ein Drechsler damals nicht arbeiten, vermutet Zwecker. Wie die damaligen Drechselbänke tatsächlich aussahen, ist nicht genau überliefert. „Das waren ja keine Grabbeigaben.“

Zwischen Waffen und Webstuhl: historische Schaudarstellung in Mössingen
Das Gewebe wächst nur langsam. Für zehn Zentimeter Stoff braucht Gisela Stier eine Stunde. Daneben Christina von Elm im alamannischen Festtagsstaat. Bild: Franke

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25.08.2014, 12:00 Uhr

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