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Des Dichters Schächtele

Hineinsehen dürfen wir ab Montag: Siebtes Walle-Sayer-Buch erscheint bei Klöpfer & Meyer

„Was alles in die Streichholzschachtel paßte“: Schon dieser Titel legt nahe, dass das Behältnis klein, aber inhaltsreich ist. Jetzt darf man hineinschauen: Das neue Buch des Lyrikers Walle Sayer erscheint am kommenden Montag, im März stellen es Autor und Verleger im Horber Kloster vor.

20.02.2016
  • von MICHAEL ZERHUSEN

Horb. „Feinarbeiten“ nennt er seine jüngsten Prosastücke. Was sonst soll in eine Streichholzschachtel passen?

Auf jeden Fall ein Libellenflügel, ein verlorenes Knopfauge und das Glöckchen von einem Narrenkleid. So notiert es der Autor auf Seite 89, „für Hubert Klöpfer“, seinen Tübinger Freund und Verleger. Erinnerungsstücke, ganz klar, mit Geschichte(n) verbunden – beim Autor, beim Adressaten und schließlich beim Leser.

Versteht sich, dass es nicht bei solchen Kleinigkeiten bleibt. In des Dichters Schächtele passt auch Sperrgut: ein Elefant, ein Birnbaum und zwei wackelige Biertische, ein Abschiedskuss, „das Schwere in mir“ und „der Nachhall aus dem Heimatkundebuch“. 75 Texte umfasst das Buch, da kommt einiges zusammen.

Aus den vergangenen sieben Jahren datieren die Aufzeichnungen Sayers, das neue Buch, sagt er, schließt ans „Kerngehäuse“ an“, das 2009, so der Untertitel, „eine Innenansicht des Wesentlichen“ bot. „Alte Fäden wieder aufzunehmen“ gehört für Sayer zur Schreibarbeit, denn Neuland „basiert immer auf dem Alten, dem Bisherigen“. Insofern darf man sich auch an „Kohlrabenweißes“ erinnern, den ersten Sayer-Band, den Klöpfer & Meyer veröffentlichte, vor 21 Jahren. „Menschenbilder“ und „Ortsbestimmungen“ waren darin versammelt, Prosazyklen, wie der Autor sie damals nannte.

Auch heuer: keine Gedichte, jedenfalls nicht in traditioneller Form. In den aktuellen Texten, so der Autor, „geht es um die Wendung, den Gedankensprung, mit dem das Prosaische in Poesie übergeht“. Seine Form findet dieser Prozess im Prosagedicht, laut US-Poet Charles Simic das Ergebnis zweier widerstreitender Impulse, ja „unser einziges Beispiel für die Quadratur des Kreises“. Sayer selbst beschreibt diesen absonderlichen Vorgang so: „Wenn mir der Vers im Satz aufgeht, die Sätze einen Erzählkreis ziehen um den poetischen Augenblick, dann entsteht so etwas wie ein Prosagedicht. Konturiert sich dazu eine Geschichte, erweitert es sich zu einer Erzählminiatur.“

Diese Texte blieben einst dem dörflichen Leben und seinen Protagonisten verhaftet, dem liebeshungrigen Herrn Schabler oder der einzigen Telefonzelle im Ort. Heute führen sie über die seither viel zitierten „Momentaufnahmen“ hinaus. Sie mäandern zwischen Eindrücken, Empfindungen und Erfahrungen, die sich am Gedankenufer auftun. Unterwegs ist unklar, wo sie münden.

Der Autor assoziiert unbekümmert, schweift ab, lässt sich treiben – und animiert die Leser zu eigenen Exkursionen. Er holt uns ab, schickt uns auf die Reise, nicht in ferne Länder, sondern in – äußere und innere – Regionen, die wir längst kennen, aber bisher kaum beachtet haben. Was wir jetzt sehen, rührt nicht aus der Bilderflut der Medien, sondern entstammt unserer „Heimat“.

„Was wir sehen, ist nicht, was wir sehen, sondern das, was wir sind.“ Diese Mutmaßung des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa steht ganz vorn im Buch, über dem ersten Text. Daraus mögen wir schließen, dass nicht ist, was wir lesen. Sondern ausschließlich das, was unsere Vorstellungskraft dazu hergibt – etwa „wenn eine müde Straßenlampe auftaucht, die darauf zu achten hat, daß zwei Wohnblöcke ihren Abstand einhalten“.

Sayer selbst erkundigt sich: „Aber was ist das, was da ist, was du siehst, was sich zeigt“ – ohne diese Frage mit einem Fragezeichen zu beenden. Also eine Feststellung: unklar bleibt, ob überhaupt da ist, was sich zeigt, und ob sich tatsächlich zeigt, was wir sehen. Überschrift: „Photographisch“.

Mehr als bisher tauchen konkrete Personen und Orte auf, die Anknüpfungspunkte sind für Sayers Gedanken-Gänge. Vater, Mutter, Tochter, eine Spielgefährtin aus Kindertagen, die „plötzlich“ heiratet, Walter Trefz, der Ex-Förster vom Kniebis, oder Gustav Mesmer, der „Ikarus vom Lautertal“.

Dann ist es der Flur des Tübinger Kreiswehrersatzamtes, wo der damals 20-Jährige Trost zieht aus einem Büchlein, das er sich vom Lehrlingslohn gekauft hat, dem „Pennergesang“ des Berliner Dichters Günter Bruno Fuchs: „Ich gelobe / nicht nachzugeben. Mein Vorbild / sind die Skelette von Ensor. Ihr Streit / um den toten Hering.“

Auch vom „Sonnenhof“ ist die Rede, Kurklinik in Lützenhardt „mit dem sprechenden Papagei auf der Schaukelstange“. Vom Hausmeister-Zitat („lauter alte Weiber“) schlängelt sich die Betrachtung zu einem Begriff, den des Dichters Mutter, „eine einfache Frau vom Land“, verwendet hat: extravagant. „Und ich selber hab sie nie danach gefragt, wie sie auf dieses Wort kam, woher sie es hatte.“ Ach, fällt uns ein, was wollten wir unsere Eltern nicht alles fragen, bevor das nicht mehr möglich war!

Manches kommt wie eine Anekdote daher, samt spitzen Bemerkungen, etwa über eine „Weinkönigin, die unglücklich in einen Biertrinker verliebt ist“ oder den Pomologen, der „selber auch einen Verjüngungsschnitt vertragen könnte“. Anderes mutet wie ein Essay an: wenn Sayer über Bildende Kunst sinniert („Sieben auf elf Zentimeter reichen aus, die Welt zu vergegenwärtigen“) oder über die Kunst des Schreibens („Bisweilen verbirgt sich ja alles Unverständliche in den Fugen zweier klarer Sätze“) – allerdings nicht lebensfern-abstrakt, sondern stets aus einem konkreten Anlass heraus. Das kann ein Gemälde sein, ein Gedicht oder etwas, das er „zwischen den Zeilen“ entdeckt hat.

Bei alledem bleibt Sayers Interaktion mit der Sprache, wie wir sie kennen: empathisch. Längst gilt er ja als eine Art literarischer Beckmesser, mit den besten Absichten, versteht sich, aber eben doch kleinlich bis zur letzten Silbe. Kein Wort, das er nicht dreimal umdreht, ehe er es für würdig erachtet, seiner Gedankenwelt Ausdruck zu verleihen.

Da kommt einem nochmals Pessoa in den Sinn: Hilfsbuchhalter Bernardo Soares, der im „Buch der Unruhe“ zu Weltruhm kam und „viel Ähnlichkeit“ mit seinem Erfinder haben soll. Der ist laut Lyriker Peter Hamm „ein geheimer Philosoph, ein Philosoph des Verzichts“. Und so ist es auch mit der Wortfindung bei Sayer: kein Drumherum, nichts Überflüssiges, stattdessen Konzentration aufs Wesentliche,

Info In der Region liest Walle Sayer aus seinem neuen Buch: am Sonntag, 13. März, 11 Uhr, im Horber Kloster; am Mittwoch, 16. März, 16 Uhr, im Bischof-Sproll-Seniorenheim auf dem Horber Hohenberg; am Donnerstag, 17. März, 19 Uhr, im KEB Bildungswerk Reutlingen, Schulstraße 28; am Samstag, 2. April, 19.30 Uhr, im Kunsthaus Freudenstadt, Hirschkopfstraße 4; am Freitag, 8. April, 19.30 Uhr, im Mutterhaus Herrenberg, Hildrizhauser Straße 29; am Freitag, 28. Oktober, 19.30 Uhr, im Wasserschloss Sulz-Glatt.

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20.02.2016, 01:00 Uhr

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