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Das Verlangen

Radikal stilisiertes Frauenschicksal. Mit den Schwaben von heute aber hat das nichts zu tun.

Radikal stilisiertes Frauenschicksal. Mit den Schwaben von heute aber hat das nichts zu tun.

DAS VERLANGEN
Deutschland

Regie: Iain Dilthey
Mit: Klaus Grünberg,Susanne-Marie Wrage,Robert Lohr

- ab 0 Jahren

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24.11.2015
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„Lass uns lachend im Leben stehen“, pflegt der Herr Pastor vor den Mahlzeiten zu beten. Das klingt wie Hohn in diesem finsteren schwäbischen Flecken, wo Freudlosigkeit die erste Christenpflicht zu sein scheint. Besonders schlimm ergeht es Lena, formell die Ehefrau des Pfarrers, faktisch jedoch Haussklavin für die physischen Bedürfnisse des Gatten und dessen bettlägriger Schwester. Ohne Murren erduldet Lena alle Demütigungen, bis ein Mechaniker in ihr Leben tritt und bisher verborgenes Verlangen weckt – nur Verlangen wohlgemerkt, denn Erfüllung kann es in dieser Hinterwald-Hölle nicht geben.

Eine Weile ist man geneigt den Ludwigsburger Examens-Film, der 2002 sensationell den Goldenen Leoparden in Locarno gewonnen hat, als Milieu- und Sozialstudie in schwäbisch-pietistischer Engherzigkeit zu lesen. Auf Dauer wirft das aber quälende Fragen auf: Wie kam es zu dieser Ehe und warum ist sie nicht längst geschieden? Hat Dilthey übersehen, dass auch auf dem platten Land der soziale Wandel tobt und die Werte durcheinanderpurzeln? Und warum legt er den Leuten Platitüden aus dem linken Bauerntheater der siebziger Jahre in den Mund? Bei allem Respekt vor dem Mief der Provinz: dieses Szenario von Gemütsterror und totaler Sozialkontrolle gehört entschieden in ein anderes Jahrhundert.

Besser fährt, wer diese teils grotesken Überzeichnungen ignoriert, und „Das Verlangen“ als ort- und zeitlose Tragödie archaischen Kalibers sieht. Dann nämlich kann man sich diesem Mahlstrom des stummen Erduldens und sanften Aufbegehrens nur schwer entziehen. Wie Hauptdarstellerin Susanne-Marie Wrage das Feld zwischen innerlichem Verfaulen und Wiedergeburt der Sinne auslotet – das hat man so fein nuanciert schon lange nicht mehr gesehen. Dazu gesellt sich Diltheys radikal karge, doch ungemein kraftvolle Bildsprache. Wenn sich jede Nacht dieser rohe Klumpen Menschenfleisch auf Lenas erstarrten Körper wälzt, hat das fast schon den Jelinek-Touch.

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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