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Der Kick

Ein streng reduziertes Theaterstück als Kunstdoku-Film über menschliche Abgründe.

Ein streng reduziertes Theaterstück als Kunstdoku-Film über menschliche Abgründe.

DER KICK
Deutschland

Regie: Andres Veiel
Mit: Susanne-Marie Wrage, Markus Lerch

- ab 0 Jahren

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24.11.2015
  • Peter Ertle

Potzlow, nahe Berlin: In der Nacht zum 13. Juli 2002 misshandeln drei halbwüchsige Freunde einen 16-jährigen gemeinsamen Bekannten stundenlang, bringen ihn schließlich um und schmeißen ihn in die Jauchegrube. Andres Veiel ("Black Box BRD") und Gesine Schmidt haben aus diesem Stoff ein Theaterstück gemacht, das in einem alten Gewerbehof am Prenzlauer Berg Uraufführung hatte. Dort getreu abgefilmt, ist er nun im Kino zu sehen. Und liegt unter dem Titel „Der Kick“ seltsam erratisch in der heutigen Theater- und Filmästhetik herum.

Da seine Texte ausnahmslos auf belegten Aussagen beruhen, erinnert er an Zeiten, in denen die Kunst für tot und politisch-dokumentarischer Agitprop als allein selig machendes Genre gepriesen wurde. Es gibt allerdings zwei immense Unterschiede. Erstens: „Der Kick“ glaubt die Wahrheit nicht zu kennen, er will ihr auf die Spur kommen. Und unter die Oberfläche jener Vorstellungen, die wir uns üblicherweise über so was machen.

Zweitens: Die Kunst ist in diesem Film keineswegs tot, sie feiert vielmehr elementar-reduzierte Urstände. Der Trick am Kick: Alle Personen, von den Tätern über die Eltern, Freunde, Staatsanwälte, Lehrer, bis zu den Bürgermeistern werden von zwei Schauspielern gespielt. Aber nichts wird nachgespielt, schon gar nicht das Verbrechen. Beleuchtet werden ausschließlich die Äußerungen nach der Tat. Änderung der Körperhaltung, des Blicks, des Sprechgestus: Das sind die minimalen naturalistischen Ingredienzien, die hier maximale Verwandlung verheißen.

Natürlich tauchen sie auch in diesen dargestellten Recherche-Protokollen auf: Alkohol, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Rechtsradikalismus. Doch der Unterschied ist: Hier funktionieren sie nicht als alleinige, be(un)ruhigende Erklärungsmuster. Die Verschränkung aus intimer O-Ton-Nähe und „Wir zeigen, dass wir zeigen-Distanz“ lenkt den Blick auf Menschen und menschliche Zusammenhänge, weg von Abziehbildern. Man schüttelt den Kopf. Man ist gerührt. Man ist angewidert. Man staunt. Man ist genervt. Es ist, obwohl ja nach üblichen Kino-Kriterien keine Gewalt zu sehen ist, zu nah. Man erfährt vielleicht nichts, was man nicht schon vermutet hätte. Aber man kann es sich besser vorstellen.

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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02.10.2006

12:00 Uhr

Walker schrieb:

Ein sehr sehenswerter Film. Das deutsche Kinotalent Andres Veiel schafft es zum wiederholten Mal, mit soviel echter Leidenschaft, Interesse und Menschengespür, aber auch einzigartigem Kunsttalent verblüffend greifbare Figuren auf der Leinwand darzustellen, die einen richtig berühren. Man begegnet den Menschen in seinen Filmen, aber auch der subtilen und überzeugenden Erzählergestalt. Sehr schade, dass der Film in Tübingen nur noch einen letzten Tag laufen wird.



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