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Die Klavierspielerin

Michael Hanekes kongeniale Jelinek-Verfilmung: Ein Film, der sich einbrennt.

Michael Hanekes kongeniale Jelinek-Verfilmung: Ein Film, der sich einbrennt.

LA PIANISTE
Frankreich

Regie: Michael Haneke
Mit: Isabelle Huppert,Benoît Magimel,Annie Girardot

- ab 16 Jahren

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24.11.2015
  • Kathrin Wesely

Essen ist fertig. "Ja, gleich, Mama", ruft die Erika mit fester Stimme aus dem Bad. Mit gespreizten Beinen sitzt sie am Wannenrand, braust Blut in den Abfluss, reinigt die Klinge, mit der sie ihrer Vagina einen Schnitt beigebracht hat. Erika Kohut mag um die 45 Jahre alt sein, trägt Dutt, Faltenröcke und Strickjacken. In ihren Klavierstunden demütigt sie Schüler. "Hast du kein Ohr für die Kälte?" In den Pausen kaut sie Mutters Stullen, schaut aus dem Fenster. Unten brandet Leben, von dem sie nichts versteht. Die skurrilen Sexualpraktiken der Klavierspielerin sind nicht der Kontrast zu diesem mausgrauen Dasein, sie sind sein Konzentrat: Schmerz, Aggression, Einsamkeit und Lebensekel.

Sie hat es nicht geschafft, aus dieser miefigen Alte-Leute-Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter haust. Wie ein Knast-Schließer schleicht die Alte zwischen Plüsch und Stehlampen hinter zugezogenen Vorhängen umher, lauscht, schnüffelt, kontrolliert. Abends liegen die Frauen Seite an Seite gleich angejahrten Eheleuten. Eine beklemmende Intimität.

Michael Hanekes Regie setzt auf reduzierte Bilder. Da sind nur die Hände der Schüler auf den Tasten. Die gebieterische Stimme der Lehrerin kommt aus dem Off. Winzige Porträts von Musikmaschinen sind das. Der große Erzähler im Film aber ist das Gesicht von Isabelle Huppert. Die Kamera modelliert es nicht, sie dokumentiert nur. Da steht die Voyeurin im Pornoladen, und während sie darauf wartet, dass endlich eine vollgewichste Video-Kabine frei wird, mustert sie ekelerregt die Männer im Laden, die aus dem selben Grund da stehen. Ihr skurriler Alltag bildet die innere Zerrissenheit ab. Isabelle Huppert lässt durchblicken, welche Gefühle hinter der Gesichtsfassade wüten. Gesichtseindrücke, die man lange nicht vergessen wird.

Dann drängt sich Walter (Benoit Magimel ein wunderbar jugendlicher Depardieu) in ihr Leben: ein Smartling, ein junges Talent, ein Gewinnertyp, der die menschliche Festung Erika einnehmen will. Der erste Sex auf dem weiß gekachelten Damenklo des Wiener Musik-Konservatoriums gleicht einem Duell. "Ich will es sehen", gebietet die Klavierspielerin. Dann zeigt die Kamera, wie ihr Blick von seinem Gesicht zum Genital und zurück wandert.

Sie wird sich Walter öffnen, weil er zum Leben erweckt. Und sie wird ihm vier dicht beschriebene Seiten übergeben, auf denen sie ihm minutiös beschreibt, wie sie den Sex mit ihm haben will. Die Reihenfolge von Knebeln, Schlagen, Demütigen ist genau vorgegeben. Walter wird das nicht verstehen. "Du bist krank", wird er sagen, weil er nicht begreift, dass dieses ritualisierte „Liebesspiel“, das ihr Leben in extremo abbildet, für Erika Therapie bedeutet.

Walter übt stattdessen reale Gewalt, weil diese Frau nicht normal funktioniert, weil sie so ungelenk ist in den menschlichen Dingen. Er beendet sein Gastspiel in Erikas Leben mit einer Vergewaltigung. Die wenigen Tage Leben im verpassten Leben der Klavierspielerin sind zu Ende. Für ihren Abgang wählt sie die Rolle der Lucrezia.

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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