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Freizeit

Die Sache mit dem Bücken

Freizeit Früher war Kegeln Volkssport. Heute werden die Menschen, die gerne mit schweren Kugeln zielen, immer weniger – und älter. Aber es gibt Hoffnung. Ein Besuch in „Elli’s Kegelstüble“.

14.09.2018
  • Kathrin Löffler

An einem warmen Spätsommerabend lässt Rolf Lucht alles stehen und nichts liegen. Er holt aus, schiebt die Kugel, sie schlingert nach rechts, „voll in die Rinne!“, kein Kegel fällt, egal. „Uns kommt es aufs Zusammensitzen und die Gemeinschaft an“, sagt Luchts Mitspielerin Irmgard Ruckaberle. Keine Spieleinsätze, kein Preisgeld. „Das Kegeln ist eigentlich Nebensache.“ Wegen dieser Nebensache trifft sich die Gruppe aus Dettingen seit mehr als 30 Jahren.

Montag, kurz nach 19 Uhr. Erste Gäste tröpfeln aus der Septembersonne ins Tiefparterre neben der Empfinger Kirche, hinein in eine lokale Institution: „Elli’s Kegelstüble“. Eine Handvoll Tische steht im Gastraum, schwere Stoffdecken und eine Deko aus Ähren darauf, Holzboden, Holzdecke, Holzstühle. In der einen Zimmerecke hängt ein Kruzifix neben einer historischen Bierreklame, auf der Vesperkarte stehen Käsebrot und Kutteln, Waldhimbeergeist und Ramazzotti, Salami-Baguette und Eisbecher, die „Heiße Liebe“ heißen. Elli Hönle, 59, begrüßt ihre Kundschaft, „So, hallo. Jetzt, was darf ich bringen?“, platziert Wurstsalat auf Tellern, trägt Halbe und Weizengläser an Tische, da reißen schon die ersten Kugeln ihre krachenden Schneisen durch die Kunststofffiguren. Beide Kegelbahnen sind belegt. Früher war das immer so. Inzwischen gibt es statt Wartelisten ein paar Lücken im Zeitplan. „Es hat ein bisschen nachgelassen in den letzten Jahren“, sagt Hönle. „Wenn heute Gruppen Interesse haben, findet sich eigentlich immer ein Termin.“

Die Kegelbahnen stehen seit 1983, die Räume gehören der katholischen Pfarrgemeinde St. Georg. Früher gab es hier ein Gasthaus samt Brauerei. Hönle hat den kleinen Keller seit 2003 gepachtet. Davor arbeitete sie als Näherin. Die Kegel- und Vesperstube erschien ihr fast wie eine Rückkehr ins alte Metier: Hönle ist gelernte Hotelfachfrau. In den vergangenen 15 Jahren hat sie Kegelgruppen kommen und gehen sehen – und altern und aufhören. Neulich, sagt sie, habe eine von ihnen ihr 50. Kegeljubiläum gefeiert. Die Mitglieder waren alle um die 80 Jahre alt. Und einmal monatlich steht der evangelische Seniorenkreis „60 Plus“ im Belegungsplan. „Die laufen hier zum Teil mit dem Rollator rein“, sagt Hönle. Aber Kegeln und Kuchen essen, das geht gut. 60 oder 70, diese Zahlen fallen oft, wenn Hönle den Altersschnitt der anderen Gruppen beschreibt. Manche seien aber auch „ein bissle jünger“. Also so um die 55.

Kegeln, das zählt zu jener Art von Hobby, die man früher gern als „Volkssport“ bezeichnete. Es gehörte zum deutschen Klischeepaket wie Schrebergärten und die Ferienfahrt an die Adria. 200 000 Mitglieder hatte der Deutsche Kegler- und Bowlingbund in den 1980er-Jahren – jetzt sind es noch 80 000. Zwischen drei und fünf Prozent verliert der Verband jährlich. Kegeln sei überaltert, der Traditionssport in seinen dunklen Untergeschossen nicht mehr attraktiv für junge Menschen, diagnostizieren Freizeitforscher und Funktionäre.

„Wenn die Herrschaften älter werden, ist es mit dem Bücken beim Kegeln schon schwierig“, sagt Manfred Schnell und greift zur Kugel, während Udo Jürgens aus Ellis Radio heraus ein Loblied auf 66 erreichte Lebensjahre singt. Schnell ist Teil der „Kegelschoner“, andere von Ellis Stammgruppen heißen „Einer steht immer“ oder „Dia miade Fiaß“. Im Gegensatz zu den in Vereinen organisierten Sportkeglern tauchen sie in keiner Statistik auf. Die „Schoner“ haben an diesem Abend die zweite Bahn bei Elli reserviert. Kugeln rollen, Kegel stürzen, Lichter auf der Anzeigetafel blinken. Es fallen Sätze wie „Des kennt’ an Zwölfer gäa!“, „Des hot noch mea ausg’säa“ oder „Heiland!“, zwischendurch schafft jemand einen Nachschub an Salzstangen und Erdnusspäckchen heran.

Alle zwei Wochen kegeln die „Schoner“ miteinander, seit mehr als 40 Jahren, seit zehn in Empfingen, immer die gleichen sieben Leute. Früher gingen sie in den Dettinger „Hirsch“, aber das Lokal hat zugemacht. Früher war auch die Gruppe größer, aber viele aus den Anfangsjahren sind verstorben. Als sie noch mehr gewesen seien, hätten sie ernsthafter gespielt, behauptet Manfred Schnell, nachdem er die Zwischenstände mit Kreide auf einer Tafel neben der Bahn aktualisiert hat, und zeigt ein Pappkärtchen, das in Schreibmaschinenschrift die Gruppenrichtlinien auflistet: Beitrag pro Abend 5 Mark, Fernbleiben 10 Mark, darunter verschiedene Spiele mit Namen wie „kleine“ und „große Hausnummer“, „Leck mich am Arsch“ oder „Fuchsjagd“. Die Mark-Preise sind inszwischen per Bleistift in Euro-Einsätze korrigiert. Schnell führt immer noch Buch über jeden Kegelabend. Grundbetrag sind 5 Euro, wer ein Spiel verliert, zahlt 50 Cent. Nach 50 Treffen ist die Kasse meistens voll genug für einen Ausflug. Meistens geht es nach Österreich.

„Junge kommen nicht mehr so zum Kegelsport“, sagt Irene Krenauer vom Württembergischen Kegler- und Bowlingverband (WKBV). Kegelvereine und Bahnbetreiber müssten sich ständig etwas Neues einfallen lassen. Bahnen etwa, die über Computer mit installierten Spielen und Bildschirmen verfügten, seien gut besucht. Krenauer: „Wenn sie alles noch von Hand aufschreiben müssen, ist Kegeln für Jugendliche nicht arg interessant.“ Solche Anlagen kosten allerdings fünfstellige Beträge. Im WKBV sind rund 100 Kegelbahnen registriert – kommerzielle wie kommuneneigene. Dabei handelt es sich allerdings nur um jene, auf denen die 130 württembergischen Kegelvereine trainieren. Zahlen, wo tatsächlich überall im Land noch Kugeln rollen, gibt es nicht.

Der Großteil von Hönles Stammkunden kommt aus Empfingen, andere Gruppen aus Nordstetten, Horb, Vöhringen. Hönle öffnet ihre Stube an jedem Werktag, teils bereits in den Nachmittagsstunden. Meistens kommt sie um Mitternacht nach Hause, mitunter kann es 2, 3 Uhr werden. „Mir macht das Spaß, hier bin ich immer in Gesellschaft“, sagt sie. Hönle stammt aus Trillfingen, nach Empfingen hat sie hineingereiratet. Selber kegeln? „Selten.“ Mitglied einer Kegelgruppe war sie nie.

Während die „Kegelschoner“ und ihre Dettinger Kollegen die Bahnen bespielen, füllen sich vor dem Tresen die Tische. Junge Männer aus Empfingen bestellen Bier. Das Lokal läuft gut, die Leute kämen gern. Im Ort gebe es sonst nicht so viele Wirtschaften, sagt Elli. Turnergruppen hat sie oft zu Gast, andere Vereine – „zum Einkehren, nicht unbedingt zum Kegeln“. Früher, sagt sie, habe es weniger Möglichkeiten zur Freizeitbeschäftigung gegeben. Vielleicht sei Kegeln deshalb damals populärer gewesen.

Aber ein wenig spielt Empfingen auch gegen den Trend. Zuletzt hat Elli eine neue Gruppe in ihren Plan aufgenommen. Alles Männer, Altersspanne: von 23 bis 30. Und manchmal, wenn die Kegelschoner nicht da sind und auch die anderen Stammkegler nicht, tauscht Elli Hönle die schweren Kunststoffkugeln gegen kleinere aus: Kugeln speziell für Kinder. Zuweilen nämlich ist ihre Kegelstube auch Austragungsort von Kindergeburtstagen. „Die Kleinen“, sagt Elli Hönle, „die kegeln richtig gern.“

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14.09.2018, 01:00 Uhr

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