Sulz · Handwerk

Exotin ohne Sonderbehandlung

Carina Mondry wurde als Zimmerin Innungssiegerin der Kreishandwerker Rottweil. Die 20-jährige Sigmarswangerin arbeitet bei KitzlingerHaus auf Kastell.

04.11.2020

Von Cristina Priotto

Seit dem 15. Lebensjahr ist Carina Mondry von der Arbeit an und in Häusern fasziniert. Nach dem Abitur machte die Sigmarswangerin eine Ausbildung als Zimmerin. Die heute 20-Jährige schloss die Lehrjahre als Innungssiegerin ab und hantiert mit großem Geschick mit Stoßaxt und Latthammer. Bild: Cristina Priotto

Kehlsparren, Schiften, Aufschlagen, Abbinden: Wenn Carina Mondry von ihrer Arbeit erzählt, fliegen die Fachbegriffe wie die Holzspäne in der Produktionshalle von KitzlingerHaus auf Kastell durch die Luft. Fürs Foto wählt die junge Frau aus dem Bundgeschirr als Werkzeuge einen Latthammer und die Stoßaxt. Die 20-Jährige ist frischgebackene Zimmerin-Gesellin – und hat die Prüfung als Innungssiegerin bestanden.

Wer die zierliche Sigmarswangerin mit den im Nacken zurückgebundenen blonden Haaren und diversen Piercings in den Ohren und der Nase trifft, begegnet einer ebenso begeisterten wie begabten Nachwuchshandwerkerin. Auf den Geschmack kam Mondry bereits als 15-Jährige: „Eine Freundin hatte ein altes Haus gekauft, da half ich vier Monate lang jedes Wochenende“, erzählt die Zimmerin mit leuchtenden Augen. Wände und Böden wurden herausgerissen, erstmals war Carina Mondry damals beim Einziehen einer Ständerbauwand dabei. Noch im selben Jahr machte die damalige Schülerin des Sulzer Albeck-Gymnasiums ein Praktikum bei einer Zimmerei in Villingendorf, wechselte danach aufs Technische Gymnasium nach Rottweil und legte dort das Abitur ab.

Die Zimmerer-Ausbildung bei KitzlingerHaus nahm Mondry 2017 auf und warb bereits mehrfach auf der Sulzer KAZ-Messe für eine Lehre im Handwerk. „In der Berufsschule und während der Ausbildung war ich immer die einzige Frau“, erzählt die 20-Jährige. Lediglich bei der überbetrieblichen Ausbildung in Biberach traf die Zimmerin auf ein paar weibliche Gleichgesinnte. In der Produktion bei KitzlingerHaus ist die fertige Gesellin die einzige Frau. Wer die großen Balken dort sieht, stellt sich die Frage, wie die Sigmarswangerin dort angesichts zierlicher Statur klarkommt.

„Ein bisschen Kraft sollte man haben, aber das entwickelt sich in der Ausbildung“, hat Carina Mondry festgestellt. Ein Hallenkran helfe beim Bewegen der Balken und Sparren, und bei Bedarf hilft auch mal ein muskulöser Kollege.

Exotin hin oder her, eine Sonderstellung genießt die junge Frau im Betrieb nicht: „Zum Großteil werde ich behandelt wie die anderen Kollegen“, stellt die Zimmerin fest – obwohl Mondry in der 125-jährigen Unternehmensgeschichte die erste Frau in der Produktion der Hausbaufirma ist. Dieter Kurtz bestätigt dies: „Außer bei den körperlich schweren Tätigkeiten arbeitet Carina wie alle“, sagt der Ausbildungsleiter, der sich mit Walter Jäckle für die fachliche Seite um die Betreuung der jährlich zwei Lehrlinge kümmert.

Im Büro hält die 20-Jährige sich nur auf, um die aufgemalten Aufrissskizzen zu studieren, die in dreidimensionale Modelle übertragen werden. Am beeindruckendsten findet die Nachwuchshandwerkerin das Aufschlagen, also das Aufrichten eines Daches oder einer anderen Holzkonstruktion. Die sichtbaren Ergebnisse der eigenen Hände Arbeit sprechen aus Sicht der Zimmerin ebenfalls für das Handwerk: „Wenn man morgens auf die Baustelle kommt, ist da nur die Bodenplatte gegossen, und abends steht ein Haus drauf“, wirbt die junge Frau für das Praktische. Die Tätigkeit bei KitzlingerHaus umfasst nahezu sämtliche Bereiche vom Zuschnitt über das Ablängen und den Aufbau von Decken- und Wandelementen bis zum Einsatz auf der Baustelle. „Die meisten gucken kurz, wenn eine Frau beim Bau dabei ist und finden es richtig gut“, erzählt die Noch-Exotin schmunzelnd von Erlebnissen.

Carina Mondry gefällt die Arbeit mit Holz. Auf die dreijährige Walz verzichtete die Zimmerin, wie die meisten Kollegen. In ein paar Jahren möchte die 20-Jährige aber die Meisterprüfung ablegen.

Dieter Kurtz attestiert der jungen Mitarbeiterin großes handwerkliches Geschick – eine wichtige Voraussetzung für die Arbeit als Zimmerer. Das Abitur hat sich aus Mondrys Sicht für die Arbeit ebenfalls ausgezahlt, etwa bei der Winkelberechnung.

Der Innungssieg macht Carina Mondry stolz, allerdings bleiben der besten Zimmerin der Rottweiler Innung der Kreishandwerkerschaft weitere Auszeichnungen verwehrt: Die Handwerkskammer Konstanz ließ den Kammerwettbewerb coronabedingt ausfallen.

Mondrys Gesellenstück war ein Kehlsparren fürs Dach. Privatbild

Staude, Weste, Ohrring und Co: Die Zimmerer-Kluft:

Zimmerer erkennt man an der Kluft. Diese setzt sich aus folgenden Bestandteilen zusammen:

Obermann: schwarzer Schlapphut mit breiter Krempe als Symbol für den freien Mann / die freie Frau

Staude: kragenloses weißes Hemd

Cordhose: schwarz, mit Schlag, zwei Reißverschlüssen und Seitentaschen für Utensilien wie Meterstab oder Bleistift

Weste: schwarz, mit acht weißen Knöpfen (manchmal aus Perlmutt) als Symbole für den Acht-Stunden-Arbeitstag

Jackett: schwarz, mit sechs Knöpfen vorne (manchmal aus Perlmutt) als Symbole für die Sechs-Tage-Woche und jeweils drei Knöpfen an den Ärmeln als Symbole für je drei Lehrjahre und drei Wanderjahre

Schuhe: schwarze
Sicherheitsschuhe

Ohrring: mit Hammer und Nagel mit einem Schlag gestochen, meistens ein Nagel

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Erstellt:
4. November 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
4. November 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. November 2020, 01:00 Uhr

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