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Geh und lebe

Schicksal eines heimatlosen Jungen aus Afrika, dem eine Lüge das Leben rettet.

Schicksal eines heimatlosen Jungen aus Afrika, dem eine Lüge das Leben rettet.

VA, VIS ET DEVIENS
Israel

Regie: Radu Mihaileanu
Mit: Yaël Abecassis, Roschdy Zem, Moshe Agazai

- ab 12 Jahren

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24.11.2015

Seit 12 Jahren verfügt die Rottenburger Justizvollzugsanstalt über einen gesonderten Trakt für Abschiebe-Gefangene. Nun bekommt die Rottenburger Öffentlichkeit zum ersten Mal die Gelegenheit, sich ein Bild über das Leben in diesem „Gefängnis im Gefängnis“ zu machen.

Fünfundvierzig Männer auf engstem Raum, meistens zu dritt in einer 16-Quadratmeter-Zelle, 22 Stunden am Tag eingesperrt: Da könnte man permanenten Stress und Streit erwarten, Krach und Chaos. Davon ist in Sarah Molls einstündigem Film „Die Unerwünschten“ nichts zu sehen: Ruhig schwenkt die Kamera immer wieder am Stacheldraht-Zaun entlang, an kahlen Wänden, an vergitterten Fenstern – geradezu ästhetisch.

Einen ausgesprochen ruhigen Film hat die 28-jährige Stuttgarterin gedreht. Stille Resignation und quälendes Nichtstun prägen die Abschiebehaft. „Man kann sich der Depression fast nicht entziehen“, erinnert sich Moll an ihre neun Drehtage in den Zellen-Containern im Hof der Rottenburger Justizvollzugsanstalt.

In ihren Interviews stieß sie immer wieder auf „Fassungslosigkeit“ bei den Gefangenen: „Warum sperrt man mich hier ein? Ich habe doch nichts verbrochen.“ Dazu kommt das komplizierte Asylrecht, das selbst für Leute mit guten Deutschkenntnissen nur schwer verständlich ist und in dem sich viele Gefangene irgendwie verheddert haben.

Für die meisten ist die Zukunft ungewiss. Manche bleiben nur wenige Tage, viele aber auch etliche Monate in Rottenburg inhaftiert – bis die Behörden die Abschiebung organisiert haben. Manchmal müssen die Gefangenen aber auch wieder frei gelassen werden, weil sich die Abschiebung als undurchführbar erweist oder weil eine Klage doch noch Erfolg hatte.

Sechs Männer hat Molls dreiköpfiges Filmteam bei ihren letzten Wochen auf deutschem Boden begleitet. Darunter einen jungen Türken, der auf seinem Stockbett sehnsüchtige Liebesbriefe an seine Verlobte in Stuttgart schreibt, und am Ende abgeschoben wird, weil sich die notwendigen Heirats-Dokumente nicht rechtzeitig aus der Türkei beschaffen lassen. Oder einen Chinesen, der offenbar kein Wort Deutsch versteht, und der seine Tage kettenrauchend am Gitterfenster verbringt.

Die einzige Abwechslung (neben dem zweistündigen Hofgang) bieten die Tauben im Hof, die viele Gefangene durch die Zellenfenster füttern. „Warum bin ich nicht wie die Tauben?“ fragt einer. „Sie sind frei, und sie sind wie eine Familie, alle zusammen.“

Und dann ist da noch das Fernsehgerät in jeder Zelle, das manche Außenstehende für Luxus halten. Aber wenn Fernsehen die einzige Beschäftigung ist, sagt Moll, „dann kann man sich irgendwann auf nichts mehr konzentrieren.“

„Die Unerwünschten“ ist Molls Diplomarbeit zum Abschluss ihres sechsjährigen Studiums an der Ludwigsburger Filmakademie. Für die Produktionskosten bekam sie 90000 Euro von der Akademie, vom SWR (der den Film in zwei Wochen zeigt) und von der baden-württembergischen Filmförderung. Zum Team gehörten auch Kumaran Herold (Kamera), Peter Felder (Ton) und weitere Techniker/innen und Übersetzer/innen. Die Produktion übernahm die Ludwigsburger Firma Indifilm.

Erst nach langem Hin und Her bekam sie eine Drehgenehmigung; die Gefängnisleitung hatte Vertrauen gefasst, dass die Stuttgarterin „keinen Agitprop-Film“ (Moll) drehen wollte. „Wir wollten niemand vorher abstempeln und mit allen Seiten reden“, sagt die 28-Jährige. Vollzugsbeamte und Abschiebehaft-Personal hat sie als äußerst misstrauisch gegenüber den Medien erlebt. „Das ist auch kein Wunder. Die müssen immer als Buhmänner herhalten für die Fehler des Systems.“

Moll zeigt die Bediensteten durchweg als korrekt und höflich. Aber zumindest in einem Fall lässt diese Korrektheit den Zuschauer dann doch frösteln – beim Beamten der zuständigen „Bezirksstelle für Asyl“, der regelmäßig von Reutlingen zur Anhörung nach Rottenburg kommt. Eine Abschiebung vorzubereiten sei im Prinzip nichts anderes als eine Baugenehmigung zu bearbeiten: „Das ist eine Verwaltungstätigkeit. Ich wende die bestehenden Gesetze auf den Einzelfall an.“

Freilich räumt der Beamte auch ein, dass sich manche seiner Kollegen aus Gewissensgründen weigern, an Abschiebungen mitzuwirken. Und von seinem Sohn muss er sich kritische Fragen gefallen lassen.

Moll kommentiert solche Aussagen nicht, wie sie überhaupt in ihrem Film auf eine Off-Stimme verzichtet. Die – sparsamen – Hintergrundinformationen zur Abschiebehaft werden schriftlich eingeblendet.

Zwei Extremsituationen hat das Filmteam mitbekommen: Einmal ist Moll live dabei, als sechs kurdische Gefangene beim Hofgang eine Protestaktion vereinbaren. Der diensthabende Beamte kann die Männer aber wieder beruhigen, und die Gefangenen gehen zurück in ihre Zellen. An diesem Punkt musste Moll die Kamera abschalten.

Denn die Gefängnisleitung reagierte rigoros: Die vermeintlichen Rädelsführer wurden in andere Anstalten verlegt oder abgeschoben. Die Schreie der sich wehrenden Gefangenen nahm Moll durch eine Tür mit dem Mikrofon auf, erzählte sie im Interview, doch die Tonspur durfte sie im Film – mangels Drehgenehmigung – nicht verwenden.

Und das Gegenteil: Zufällig ist Moll dabei, als ein Bediensteter einem marokkanischen Gefangenen mitteilt, er werde noch am selben Vormittag frei gelassen. Dessen überschäumende Freude scheint die ganze Zelle zu sprengen – umso hoffnungsloser bleibt der ägyptische Mitgefangene zurück.

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24.11.2015, 12:00 Uhr | geändert: 07.08.2009, 12:00 Uhr

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