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Lärmgeplagte Altstadtbewohner fordern mehr Kontrolle im Tübinger Sommernachtleben
Das Partyvolk auf der Tübinger Platanenallee bringt nicht erst seit diesem Sommer die Anwohner um den Schlaf. Zeichnung: Buchegger (2016)
Die Kehrseite der Freiluftpartys

Lärmgeplagte Altstadtbewohner fordern mehr Kontrolle im Tübinger Sommernachtleben

Anwohner der Uhlandstraße und der Haaggasse werden Nacht für Nacht um den Schlaf gebracht. Sie fordern Kontrollen und Sanktionen.

10.08.2018
  • Sabine Lohr

Warme, trockene Sommernächte sind für Dieter Lutsch alles andere als angenehm, denn dann ist es besonders laut. Der Zahnarzt mit Praxis in Wendlingen wohnt in der Tübinger Uhlandstraße – und hat dort eine der Partymeilen der Stadt direkt vor der Nase. Die Platanenallee verwandelt sich nachts vom idyllischen Wandel- und Liegeplätzchen, das sie tagsüber ist, in eine gut besuchte Freiluftdisco. „Es gibt laute Musik, Gegröle und schrilles Gekreische.“ Der Alkohol, der reichlich fließt, enthemmt und lässt die Feiernden jede Rücksicht vergessen. Bis in die frühen Morgenstunden geht das so, fast jede Nacht. „Wir wohnen seit 2004 hier – und es hat drastisch zugenommen.“ Weil Lutschs Wecker um 5.20 Uhr klingelt, nimmt er öfters mal eine Schlaftablette, um morgens fit zu sein.

Auch sein Nachbar Walter Schüle ist „froh, wenn es regnet“. Die beliebten, kleinen Lautsprecherboxen, die offenbar zum Feiern dazugehören, hätten ganz schön Power. „Wenn da mehrere Gruppen mit solchen Boxen sind, will jede die anderen übertönen, dann können die sich auch nur noch schreiend unterhalten“, klagt er.

Baustelle statt Partyzone

Auf der anderen Seite von Schüles Wohnung, in der Uhlandstraße, ist es in der Regel auch nicht besser. Auch dort, vor dem Uhland-Gymnasium, ist ein nächtlicher Hot-Spot. Zur Zeit, sagt Schüle, sei es dort ruhiger, weil eine Baustelle die Partyzone versperrt. Dafür fangen die Bauarbeiter morgens um 7 Uhr an, Krach zu machen.

Lutsch hat schon öfter mal die Polizei gerufen, wegen des Lärms und wegen der Grillerei. „Das bringt aber nicht viel“, sagt er. Kurz nach dem Auftritt der Staatsgewalt ginge es weiter. Und Schüle winkt gleich ab: „Da kommt eh nie jemand.“

Am liebsten wäre es Lutsch, die Platanenallee wäre ab Mitternacht gesperrt. „Und dann muss man das auch kontrollieren – und zwar besser als das Verbot des offenen Feuers.“ Denn was nütze ein Verbot, wenn niemand kontrolliert, ob es eingehalten wird?

Klagen gibt es auch aus der Haaggasse. Der Grünen-Stadtrat Bruno Gebhart, der dort wohnt, berichtet, dass an Abenden, an denen die „Butterbrezel“ geöffnet hat, gut und gerne 150 Leute auf der Straße stehen, weil der Club voll ist. Auch dort: Lärm, Gebrüll, Geschrei, Gekreische. „Ich will ja keine Friedhofsruhe“, sagt auch Lutsch. „Aber diese Rücksichtslosigkeit ist schon übel.“ Die nächtliche Platanenallee komme ihm wie ein rechtsfreier Raum vor. Auch die Hinterlassenschaften der Feiernden regen ihn auf: „Jeden Morgen wird der viele Müll weggekarrt, das kostet doch auch richtig Geld.“

Keine professionellen Türsteher

Papadopoulus Damianos, ebenfalls Anwohner in der Haaggasse, ist zwar einsichtig: „Wir alle waren auch mal jung und haben gefeiert“, andererseits ärgert er sich aber über den nächtlichen Lärm. Mit den Clubbetreibern gebe es Vereinbarungen, sagt er. Und eine davon sei, dass die Türsteher für Ruhe sorgen sollen. Das klappe aber nicht: „Wenn die Leute aus dem Club kommen, schreien und brüllen sie ohne Rücksicht und es gibt auch immer wieder Schlägereien.“ Die „Butterbrezel“ etwa habe keine professionellen Türsteher, weshalb es dort auch besonders laut sei. Damianos bereitet nun eine Klage gegen die Stadt wegen der anhaltenden Lärmbelästigung vor. „Und wir gründen eine Bürgerinitiative“, sagt er.

Rainer Kaltenmark, Leiter des städtischen Fachbereichs Ordnung und Gewerbe, sagt, er und seine Kollegen seien nachts in der Platanenallee „stark drin“. „Wir verdrängen die Leute in den oberen Bereich der Uhlandstraße“ – also zu den Schulen. Dazu gehen die Ordnungskräfte relativ zeitig auf die Allee und schicken die Leute weg, bei denen wegen Lautsprecherboxen oder des ansteigenden Alkoholpegels abzusehen ist, dass sie von 22 Uhr an den erlaubten Lärmpegel überschreiten werden. „Das klappt ganz gut“, sagt Kaltenmark. Außerdem nehmen die Ordnungskräfte Personalien auf. „Wer wiederholt zu laut Musik macht, dem nehmen wir die Boxen weg“, sagt Kaltenmark.

Genug geredet

Sein größtes Problem ist nach wie vor die Mühlstraße. Dort wurden Vereinbarungen mit den Wirten und Imbissbuden-Betreibern getroffen – die nicht eingehalten werden. So werde nach wie vor nach Mitternacht Alkohol auf die Straße verkauft und die Gaststätten sollten zwei Security-Leute beschäftigen, die genau das kontrollieren und darauf achten, dass die Leute nicht auf der Straße herumstehen oder -sitzen. Jetzt, so Kaltenmark, sei genug geredet worden. Darum würden jetzt auch „Verfügungen“ ausgestellt – das heißt, den Wirten wird der Alkoholausschank nach draußen ab Mitternacht verboten. Wer dann dagegen verstößt, begeht eine Straftat.

„Die Verfügbarkeit von Alkohol spielt eine große Rolle“, sagt der Ordnungsamts-Leiter. Auch dass der Einzelhandel wieder nach 22 Uhr Alkohol verkaufen darf, habe zur Entschärfung der Lage nicht gerade beigetragen.

Kaltenmark versteht die Anwohner und muss jede Nacht den „Nutzungskonflikt“ der Innenstadt lösen. „Tübingen ist eine belebte Stadt, die gerade jetzt, im Sommer und dem Ende des Semesters pulsiert. Gleichzeitig brauchen die Anwohner aber auch eine gewisse Ruhe“, sagt er. Der Holzmarkt werde deshalb jede Nacht um 2 Uhr geräumt.

Und in der Haaggasse? „Da gibt es im September wieder Gespräche mit den Anwohnern.“

Nachtruhe und Lärmbelästigung

Zwischen 22 und 6 Uhr gilt die Nachtruhe. In dieser Zeit ist ein Lärmpegel von 35 Dezibel zulässig – das entspricht ungefähr einem Flüstern. In der Tübinger Polizeiverordnung heißt es: „Es ist verboten, (...) die Nachruhe anderer mehr als nach den Umständen unvermeidbar, insbesondere durch lärmende Unterhaltung, Singen, Schreien oder Grölen zu stören.“ Wer dagegen verstößt, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit bis zu 5000 Euro geahndet werden kann.

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10.08.2018, 22:00 Uhr | geändert: 11.08.2018, 08:16 Uhr

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11.08.2018

18:22 Uhr

Altstadtbewohner schrieb:

"Wir wohnen seit 2004 hier – und es hat drastisch zugenommen.“ Als Anrainer der Platanenallee auf der Altstadtseite kann ich diese Beobachtung leider nur bestätigen.
Aber was soll man sagen, wenn Herr Kaltenmark, wie kürzlich geschehen, dem Universitätsklinikum erlaubt, UNTER der Woche auch noch NACH 22 Uhr lauteste Musik auf dem Mitarbeiterfest am Anlagensee abzuspielen?
Wie sollen da seine Mitarbeiter (denen an dieser Stelle nochmals ausdrücklich für ihre harte Arbeit gedankt sei!) betrunkenen Jugendlichen klar machen, dass ab 22 Uhr Nachtruhe gilt?
Dass das UKT (das bestens über die Gesundheitsgefährdung durch Lärm informiert sein müsste) diese Veranstaltung so beantragt und durchgeführt hat, ist an Absurdität und Unverschämtheit kaum zu überbieten. Herrn Kaltenmarks Argument, das UKT sei nun mal größter Arbeitgeber am Ort, auch nicht.
Es wird immer unerträglicher und daran wird sich, befürchte ich, mit diesem Ordnungsamtsleiter so schnell auch nichts ändern.



11.08.2018

18:21 Uhr

Zyklotrop schrieb:

Die großen Probleme in der Mühlstraße sind vor allem:

- der viel zu laute Bass vom Schwarzen Schaf
- das Geschrei auf der Straße
- und die Gefährdung im Straßenverkehr zum einen durch Leute die unkontrolliert über die Straße rennen und Sportwägen die vor allem die Wilhelmstraße hoch beschleunigen.

Das normale Gemurmel ist akzeptabel da es eine etwa gleichbleibend Laute Geräuschkulisse darstellt.

Nervend ist außerdem dass im "Schwarze Schaf" jeden Tag außer Sonntag Party gefeiert wird - also nicht nur am Wochenende!
Es hat niemand etwas dagegen wenn gefeiert wird, aber wenn es täglich bis spät nachts und zunehmend ist sollte etwas getan werden!



 

 

 
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