Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Spotlight

Spotlight

In dem Thrillerdrama decken Reporter aus Boston die Vertuschung sexuellen Missbrauchs durch die katholische Kirche auf.

Spotlight

USA 2015

Regie: Thomas McCarthy
Mit: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams

129 Min. - ab 0 Jahren

Tagblatt-Wertung

Leser-Wertung

rating rating rating rating rating

Film bewerten

rating rating rating rating rating
02.01.2016
  • FRANZ EVERSCHOR, kna

Sexueller Missbrauch durch Priester, der dann auch noch vertuscht wird, nicht nur von Kirchenoberen. Ein Skandalthema, das der oscarnominierte Film „Spotlight“ wohltuend wenig reißerisch beleuchtet.

Kein Genre ist bei Kinogängern derzeit so beliebt wie Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen. Die Beschäftigung mit den Missbrauchsfällen durch katholische Priester und deren weitreichende Publizität bot sich unter solchen Voraussetzungen geradezu an. Regisseur Tom McCarthy widmet sich dem Thema in „Spotlight“ aber nicht aus Sensationsgier und Lust am Skandal, sondern eher wie ein Wissenschaftler. Wie jemand, der sich mit den allgemein zugänglichen Ermittlungen nicht zufriedengibt, weil er sich von den Vorgängen so aufgewühlt fühlt, dass er das ganze Ausmaß und die ganze Wahrheit offenlegen will. Der Film ist bei den diesjährigen Oscars gleich in mehreren Kategorien nominiert, darunter in derjenigen für den besten Film.

„Spotlight“ erinnert an eines der großen Vorbilder in der Filmgeschichte, an Alan J. Pakulas „Die Unbestechlichen“ aus dem Jahr 1976, in dem es um die Aufdeckung des Watergate-Skandals durch zwei Journalisten der „Washington Post“ geht. Auch McCarthys Film ist Zeitungsdrama, journalistische Recherche und Detektivgeschichte in einem. Und „Spotlight“ ist wie „Die Unbestechlichen“ ein seriöser Film, dem man allenfalls den Vorwurf machen könnte, dass er das tiefe und fortdauernde Leid der Opfer zu sehr am Rande behandelt.

Ein Großteil der Handlung spielt in den Redaktionsräumen des „Boston Globe“ und kreist um die investigative Arbeit eines Teams der Zeitung, das für seine Berichte mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde. Dabei wird nicht unter den Tisch gekehrt, dass auch die Reporter des „Boston Globe“ viele Jahre zuvor schon um die Vorgänge gewusst haben.

Denn Mitverantwortung für die Vertuschung der Missbrauchsfälle trugen nicht nur die Täter selbst und Verantwortliche auf der Leitungsebene des Erzbistums Boston bis hin zu Kardinal Bernard F. Law. Hier und da waren Einzelheiten in die Öffentlichkeit durchgesickert, aber alle, die Kenntnis davon hatten, praktizierten eine Kultur des Wegsehens und des Schweigens um des größeren Ganzen willen. Auch in den Etagen des „Boston Globe“ bedurfte es erst eines aus Miami gekommenen neuen Redaktionsleiters, der das alle Institutionen der Stadt durchdringende katholische Establishment mit nüchterner und zu publizistischer Aktivität mahnender Skepsis betrachtete. Auf diese Weise konnte ein Journalistenteam mit dem scheinbar aussichtslosen Unterfangen beginnen, unter Verschluss gehaltene Akten und lange vernachlässigtes Beweismaterial ans Licht zu bringen.

Der Film tut sich am meisten in jenen Passagen hervor, die die Komplizenschaft von Kirchenmännern, Anwälten und Zeitungsleuten aufdecken, denen das verhängnisvolle Schweigen der vorausgegangenen Jahre zu verdanken war. Auch die Reporter selbst stammen aus dem Umfeld der katholischsten Millionenstadt der USA. Und auch sie sind nicht frei von Skrupeln, aber sie sind überzeugt davon, dass sie eine Aufklärungsarbeit zu leisten haben, die wichtiger ist als Rücksicht auf ihre Erziehung und Herkunft.

McCarthy erzählt die Geschichte der mühsamen, schrittweisen Entwirrung eines Geflechts aus Abwiegelung und Vertuschung in überwiegend ruhigen, sachlichen und betont unspektakulären Szenen. Er tut das mit derselben Sensibilität, die schon seinen Film „Ein Sommer in New York – The Visitor“ auszeichnete. Seine Darsteller hält er zu zurückhaltenden Gesten an. Das macht „Spotlight“ glaubwürdig und rückt die detaillierte Rekonstruktion der immer noch hochsensiblen Vorgänge in die Nähe eines Dokumentarfilms.

Regisseur McCarthy scheut aber nicht davor zurück, die ans Licht gekommenen Fakten zu benennen. Etwa die Tatsache, dass es zum Beispiel bei den beschuldigten Priestern nicht bloß um ein paar „faule Äpfel“ geht, sondern um eine lange Liste von Namen, die schließlich ja auch den Kardinal zum Rücktritt veranlassten. Das letzte Wort über den Bostoner Kirchenskandal ist ein Film wie „Spotlight“ allerdings nicht. Zu einseitig stehen in ihm die Reporter und der investigative Journalismus im Mittelpunkt und nicht die Missbrauchsopfer, die mehr als Randfiguren fungieren. Sie haben einen eigenen Film verdient.

Spielplan

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.01.2016, 19:02 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.

Kino Suche im Bereich
nach Begriff
Anzeige