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Eine Frau lässt sich vom Schlamm nicht unterkriegen

Anja Wolfframm kämpft nach dem Unfall in der Biogas-Anlage um die Existenz ihres Betriebs

Wer die Stufen zum Lokal „Per Du“ in dem Gastronomie-Betrieb Hydepark hinuntersteigt und die Tür öffnet, dem schlägt beißender Gestank entgegen. Als am 11. Januar nachts im Gewerbegebiet Engstingen-Haid auf der Alb 1,5 Millionen Liter Gärsubstrat aus einer Biogas-Anlage (Biga GmbH) geflossen sind, schoss die Brühe zum tiefsten Punkt des Geländes hinunter. Das „Per Du“ lief voll, 60 Zentimeter hoch stand der Gärschlamm im Raum. „Als ich vier Tage später erstmals reinkonnte, hatte ich den totalen Tiefpunkt, komplette Trauer“, erinnert sich Anja Wolfframm, 37, die Juniorchefin der Hydepark GmbH.

26.01.2017
  • Thomas de Marco

Wer heute mit ihr spricht, trifft auf eine gefasste, kämpferische Frau, die nur ein Ziel hat: Alles soll wieder so werden wie es vor dem Unfall war. „Das ist meine Aufgabe. Ich habe einen Abblock-Mechanismus und konzentriere mich darauf, dass mich der Schmerz über den Verlust nicht übermannt“, sagt Wolfframm. Sie achtet auch darauf, ihre Mutter als Geschäftsführerin des Betriebs vor der medialen Aufmerksamkeit abzuschotten.

Vor 15 Jahren hatten die Eltern die beiden Gebäude gekauft. Das Haupthaus war früher ein Treffpunkt für Soldaten und Einheimische, als auf der Haid noch Kasernen standen. Bis zu 40 Mitarbeiter sind im Hydepark beschäftigt. „Wir müssen die Löhne zahlen und haben keine Einnahmen“, sagt Anja Wolfframm.

Mittlerweile gibt es aber die ersten hoffnungsvollen Entwicklungen nach dem verheerenden Ereignis: Am 1. März können im Drei-Sterne-Hotel der Firma, das über der Straße liegt, die 14 Zimmer wieder bezogen werden. Vorausgesetzt, bei der Reinigung des 30 Zentimeter hoch überfluteten Kellers und der beim Feuerwehr-Einsatz strapazierten Teppiche läuft alles glatt. Und am 1. April kann im Hauptgebäude die erste Hochzeitsfeier steigen. „Bis dann wird der untere Bereich mit dem ‚Per Du‘ von der darüberliegenden Eventebene komplett abgeriegelt sein“, erklärt Anja Wolfframm. „Dann können wir oben wieder Spätzle schaben.“

Anja Wolfframm kämpft nach dem Unfall in der Biogas-Anlage um die Existenz ihres Betriebs
So hoch ist die stinkende Brühe nach dem Leck in der Biogas-Anlage gestanden: Hydepark-Juniorchefin Anja Wolfframm vor dem Lokal „Per Du“, in das die Reinigungskräfte derzeit nur mit Atemschutzgerät hineinkönnen. Bild: Haas
Gut 20 Anfragen und Anrufe gehen pro Tag beim Hydepark ein. „Es ist etwas ganz Besonders, wie die Menschen Anteil nehmen, das tröstet uns“, sagt die Juniorchefin. Am Dienstag wollte eine Frau für den Sommer ein Zimmer buchen, ein Mann war extra aus Tübingen auf die Alb gefahren, um dort zu essen – und erfuhr enttäuscht, dass die Küche im Hydepark noch lange kalt bleiben wird.

Von den vielen Fragen, die ihr gestellt werden, kann die 37-Jährige eine aber nicht beantworten: Wann das „Per Du“, die gute Stube des Betriebs, wieder eröffnen kann. Ihr im vergangenen August verstorbener Vater hat viel Geld investiert, um eine Bauernstube wie in den Alpen auf der Alb aufzubauen. Unter der Decke hängen ein Alphorn und andere Musikinstrumente, einmal im Monat hat die Familie zum Musikantenstammtisch eingeladen. Eine Woche vorher haben die Gäste reservieren müssen, um einen Platz zu bekommen.

„Es war eine Institution. Genau so will ich es wieder, alles andere wäre nicht fair!“, betont Wolfframm. Außerdem konnten Hotelgäste, darunter gut 70 Prozent Geschäftsleute, dort essen. Sonst gibt es auf der Haid kein Restaurant. „Das Haus mit unserem Biergarten davor geht ohne ‚Per Du‘ eigentlich nicht“, erklärt die Juniorchefin.

Immerhin hat gestern die große Reinigung der Stube begonnen, nachdem die Sparkassenversicherung am Montag schriftlich 150000 Euro für die betroffenen Gebäude auf der Haid freigegeben haben. 100000 Euro verschlinge alleine die Reinigung der beiden Hydepark-Gebäude, sagt Wolfframm.

Doch in der „Per Du“-Stube reicht die Säuberung alleine nicht aus: Die Dämpfe des Gärsubstrats sind überall in Wände und Holz gedrungen. Laut Gutachter kommen die

Anja Wolfframm kämpft nach dem Unfall in der Biogas-Anlage um die Existenz ihres Betriebs
Blick ins „Per Du“, bevor das Gärsubstrat den Raum zerstört hat. Privatbild
Besitzer nicht umhin, das Lokal in den Rohbau zurückzusetzen. „Er hat uns auch gesagt, die Gegenstände der Stube auf drei Haufen zu verteilen: Einen mit nicht mehr zu Rettendem, einen mit dem, was noch zu retten ist – und einen dritten, bei dem abzuwägen ist, ob es sich lohnt, noch Geld in die Säuberung zu stecken“, sagt Anja Wolfframm.

Das eigentliche Dilemma ist aber versicherungstechnischer Art: Der rund drei Millionen Liter fassende Siloturm hätte im Herbst 2016 gar nicht in Betrieben gehen dürfen, weil vom Landratsamt festgestellt Mängel nicht behoben worden waren (wir berichteten). Im schlimmsten Fall muss sich der Hydepark auf einen jahrelangen Rechtsstreit einstellen.

Doch selbst wenn die Haftpflichtversicherung des Betreibers Biga zahlt, wird den Wolfframms nur der Zeitwert überwiesen. Die Differenz zu der tatsächlichen Summe, die bis zur Wiedereröffnung benötigt würde, dürfte sehr groß sein. „Ich weigere mich, daran zu denken, dass wir die Stube aufgeben müssen“, sagt die 37-Jährige kämpferisch. „Es darf nicht sein, dass so etwas durch Verschulden anderer zerstört wird. Da vertraue ich auf den Rechtsstaat und auf die Flexibilität der Versicherungen.“

Das Verrückte in diesem Dschungel aus Policen und Ansprüchen: Die Hydepark GmbH selbst ist gut versichert – gegen Feuer, Hagel und Überschwemmung. Aber nicht gegen Gärsubstrat aus einer benachbarten Biogas-Anlage. „Hätte es bei uns gebrannt, würden wir alles komplett ersetzt bekommen“, erklärt die Juniorchefin. Sie hofft nun auf die Kulanz ihrer eigenen Versicherung.

Bei der Besichtigung der zerstörten Stube lässt sie die Besucher mittlerweile alleine. „Ich gehe dort nur rein, wenn ich muss. Das Zeug setzt sich in den Haaren fest, ich komme sonst aus dem Baden und Duschen gar nicht mehr raus!“

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26.01.2017, 01:00 Uhr

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