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Ein Vorzeigeprojekt in Minsk

Anne Glaser arbeitet 30 Jahre nach Tschernobyl mit krebskranken Kindern

Als am 26. April 1986 der Reaktorblock 4 in Tschernobyl explodierte, „sind die Menschen auf die Balkone hinausgetreten mit ihren Kindern und haben das Feuer bewundert. Am Himmel war ein einzigartiges himbeerfarbenes Leuchten zu sehen.“ Die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexejewitsch befragte drei Jahre lang Opfer der Nuklear-Katastrophe und schrieb ein Buch darüber. Die junge Tübingerin Anne Glaser arbeitet in Alexejewitschs Heimat mit krebskranken Kindern.

26.04.2016
  • Christiane Hoyer

Tübingen. Dreiunddreißig Stunden hat es gedauert, bis der Bus aus Minsk in Tübingen ankam. Zum ersten Mal seit dem vergangenen September verbringt Anne Glaser eine Woche zuhause bei ihrer Familie in Lustnau. Nach dem Abitur wollte sie mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ihren Erfahrungshorizont „über die deutsche Geschichte“ erweitern. Dass sie als Freiwillige nach Weißrussland (Belarus) kam, war ein Zufall. Belarus ist wegen seiner politisch-autokratischen Strukturen „nicht so beliebt“ unter FSJlern, sagt die Tübingerin – Belarus mit Präsident Alexander Lukaschenko an der Spitze gilt als letzte Diktatur Europas. Aber über die Auswirkungen von Tschernobyl dort hatte sich die Abiturientin „nur wenig Gedanken gemacht“, als sie sich vor einem Jahr für den Freiwilligendienst in Minsk entschied.

Die Ukraine und Weißrussland waren und sind vom Reaktorunglück besonders betroffen. Ungefähr 25 Prozent der Landesfläche von Belarus sind kontaminiert. Jeder Fünfte – immerhin über zwei Millionen Menschen, darunter 700 000 Kinder – lebt auf verstrahltem Gebiet. In ihrem Buch „Tschernobyl – eine Chronik der Zukunft“ dokumentiert die Weißrussin Alexejewitsch, wie sehr der politische Kollaps der Sowjetunion durch die Atomexplosion in Tschernobyl beschleunigt wurde. Anne Glaser hat sich in das Buch vertieft, um jenes Land besser kennenzulernen, in dem sie nun seit dem vergangenen September zusammen mit drei anderen ASF-Freiwilligen arbeitet.

In Minsk, wo sie in einer Wohngemeinschaft lebt, gelten die Strahlenwerte inzwischen als „unbedenklich“, sagt sie. Aber auch die Tübingerin wurde vor ihrem Einsatz darauf hingewiesen, zum Beispiel keine Lebensmittel aus der Region Gomel zu kaufen, keine Pilze oder rotes Fleisch zu essen. Im Alltag „vergisst man solche Mahnungen aber schnell wieder“, sagt sie. Die Lebensmittel in den Supermärkten seien „alle geprüft“.

In der vergangenen Woche erinnerte zwar in Minsk eine Ausstellung an das Reaktorunglück vor 30 Jahren. Aber das Thema werde ansonsten stark verdrängt. Viele sprechen von der „schrecklichen Katastrophe“. Aber deren Folgen spielten sich eher am Rand der Millionenstadt ab. Zum Beispiel im Kinderkrebszentrum in Barawljani, in der Peripherie von Minsk. Es entstand nach Tschernobyl und gilt heute als „Vorzeigeprojekt von Belarus“, sagt Glaser. Hier wird krebskranken Kindern, die zum Teil aus Armenien, Kasachstan oder der Ukraine kommen, die Stammzellentransplantation ermöglicht, Psychologen, Sozialarbeiter und FSJler versuchen, den Klinikalltag für die jungen Patienten erträglicher zu machen.

Mit dem Bus zur Isolierstation

Anne Glaser fährt mit dem Bus zweimal in der Woche nach Barawljani. Besonders mit der siebenjährigen Katja verbringt sie viel Zeit. Das Mädchen ist in einem keimfreien Zimmer isoliert von den anderen Patienten. Nur die Mutter und Anne Glaser dürfen regelmäßig zu ihr. Anfangs ging es dem Mädchen sehr schlecht. Jetzt ist Katja schon wieder so fit, dass die Tübingerin mit ihr „Rollenspiele“ macht oder auch mal nach draußen geht. Basteln, Kartenspiele, gemeinsam Musik machen und hören und „viel herumblödeln“ – das gehört zu Glasers Aufgaben im Klinikalltag. Die Diagnosen der Fünf- bis 14-Jährigen kennt sie oft nicht – „das macht die Arbeit leichter“, sagt sie. Wie viele Kinder als Spätfolge des Reaktorunfalls an Krebs leiden, kann sie nicht sagen. Offizielle Statistiken, sagt Glaser, kennt sie nicht.

Neben Glasers Haupteinsatz in der pädiatrischen Onkologie besucht die FSJlerin auch einige alte Menschen, darunter eine ehemalige Zwangsarbeiterin. Die 90-Jährige lebte während der deutschen NS-Besatzung im Lager und bekam erst jetzt von der deutschen Regierung eine einmalige Ausgleichszahlung, berichtet Glaser. Davon hat sich die Frau einen Kühlschrank angeschafft. Aber von ihrer spärlichen Rente könne sie sich noch nicht mal die nötigsten Medikamente leisten.

Nach anfänglichen Verständigungsproblemen hat Anne Glaser nach acht Monaten durch intensiven privaten Sprachunterricht den Eindruck: „Jetzt kann ich richtig zu arbeiten anfangen“, denn: „Die Arbeit ist extrem sinnvoll.“ Sie wird daher nach ihrem Freiwilligenjahr noch sechs Monate dranhängen.

Und Tübingen? Am 1. Mai 1986 regnete sich eine radioaktive Wolke auch über Tübingen ab. Frisches Gemüse verschwand vom Wochenmarkt, der Wirtschaftskontrolldienst kam mit dem Geigerzähler, kleine Kinder bekamen nur noch Milch aus dem Tetrapack, es gab Demonstrationen zum GAU von Tschernobyl. Der Tübinger Bundestagsabgeordnete der Grünen, Chris Kühn, erklärte gestern: „Atomkraft ist und bleibt eine teure Risikotechnologie mit unkontrollierbaren Folgen.“ Alle „grenznahen Schrottmeiler“ müssten abgeschaltet werden, dafür solle sich die Bundesregierung vehement einsetzen.

Die Autorin Alexejewitsch drückt es in ihrer Chronik so aus: „Wir Weißrussen leben jetzt in diesem teuflischen Tschernobyl-Laboratorium.“

Info:Informationen zum Freiwilligendienst Aktion Sühnezeichen Freiwilligendienste unter www.afs-ev.de; Heute, 17 Uhr: Manifest-Aktion der BI Stilllegung aller Atomanlagen zum Thema „Stopp Fessenheim“ vor dem Deutsch-Französischen Institut Tübingen (Doblerstraße 25).

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26.04.2016, 01:00 Uhr

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