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Politik

Gaisburger Marsch mit der Präsidenten-Gattin

Die Weitingerin Juliane Vees war als Präsidentin des Landfrauenverbands Württemberg-Hohenzollern am Donnerstag zum Neujahrsempfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue eingeladen. Die 52-Jährige nutzte diese Gelegenheit zum Netzwerken – und teilte ihre Anliegen direkt der Ehefrau Frank-Walter Steinmeiers mit.

12.01.2019

Von Maik Wilke

Juliane Vees aus Weitingen (Mitte) wurde von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Ehefrau Elke Büdenbender zum Neujahrsempfang ins Schloss Bellevue in Berlin eingeladen. Bild: Bundespresseagentur

Am Vorabend wurde den 74 Frauen und Männern genauestens gezeigt, an welche Stelle sie ihre Füße zu setzen haben und in welche Richtung sie ihren Oberkörper drehen müssen. Nun stehen die Gäste alphabetisch sortiert am Eingang zum Saal, nur in Tippelschritten kommen sie ihrem Ziel näher. Weit hinten in der Schlange: Juliane Vees aus Weitingen.

Beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten ist eben alles minutiös durchgeplant. „Wir eingeladenen Bürger hatten praktisch eine Rund-um-Betreuung durch einen festen Stamm von sieben Mitarbeitern“, erklärt Vees am gestrigen Freitag im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Die Präsidentin des Landfrauenverbands Württemberg-Hohenzollern war eine von lediglich sechs ehrenamtlich Engagierten aus Baden-Württemberg, die zu Defilee und Mittagessen ins Schloss Bellevue eingeladen wurden. Eine hohe Ehre: Nur an wenigen Terminen im Jahr sind Deutschlands höchste Politiker in einer so hohen Dichte vertreten. Als Frank-Walter Steinmeier und seine Gattin Elke Büdenbender am Donnerstagmittag in den Berliner Ortsteil Tiergarten einluden, erschienen Kanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz, Regierungssprecher Steffen Seibert sowie der Präsident des Deutschen Bundestags Wolfgang Schäuble. Die Liste könnte noch länger ausgeführt werden.

Elke Büdenbender zeigt

schnell Interesse

Doch Juliane Vees, die mit dem Landfrauenverband Frauen ermutigt, sich selbstbewusst in Landwirtschaft, Politik und Gesellschaft einzubringen, nutzte die Einladung nicht nur für Smalltalk und Händeschütteln mit Prominenten: „Natürlich habe ich Herrn Steinmeier und Frau Büdenbender zunächst für die Einladung gedankt und Ihnen ein gutes neues Jahr gewünscht“, erzählt die 52-Jährige. „Doch danach habe ich den beiden meine Aufgaben und Ziele als Präsidentin des Landfrauenverbands erläutert sowie ihnen von der Studie unseres Verbands zu Mobbing von Bauernkindern berichtet.“ Das Thema habe Steinmeier und vor allem Büdenbender sehr interessiert – die Ehefrau des Bundespräsidentin fragte Vees sogar direkt danach, ob sie die Studienanalyse per Mail zugeschickt bekommen könnte.

Während weitere Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik von Frank-Walter Steinmeier begrüßt wurden, versammelten sich die „Repräsentanten des öffentlichen Lebens“, wie die 74 engagierten Bürger offiziell bezeichnet wurden, im großen Saal des Schlosses. Die Gelegenheit, um ins Gespräch zu kommen und Kontakte zu schließen. „Es war eine unglaubliche Vielfalt an Personen aus den unterschiedlichsten Bereichen vertreten. Da hat es richtig Spaß gemacht, sich mit ihnen über ihre Art des Engagements auszutauschen – und lehrreich war es auch“, sagt Vees, die in Weitingen zusammen mit ihrem Mann Winfried den Energiehof Weitenau betreibt.

Doch auch die „hohen Tiere“ seien erstaunlich zugänglich gewesen, erklärt Vees, die wie jeder Gast natürlich vor Eintritt ins Schloss eine umfangreiche Sicherheitskontrolle hinter sich bringen musste. „Man konnte sich an jeden Politiker heranpirschen, das ist schon einmalig.“ So gratulierte Vees persönlich Annegret Kramp-Karrenbauer noch zur Wahl zur neuen Bundesvorsitzenden der CDU.

Gerade in ein Gespräch vertieft, habe ein Mann Vees kurz zur Seite genommen und ihr ein Kärtchen überreicht: die Bitte, während des Essens am Tisch von Elke Büdenbender Platz zu nehmen. „Das war natürlich klasse, weil wir so noch vertiefter über die Themen der Landfrauen sprechen konnten“, sagt Vees. Das Eis musste gar nicht groß gebrochen werden, weil Büdenbender wie auch Vees aus dem Siegerland kommen – ein Plausch über die Heimat musste da sein.

Einseitige Meinungsbildung

an Schulen

Mit ihr am Tisch der Präsidenten-Gattin saßen eine Schülersprecherin aus Ostdeutschland, die sich für ihre Mitschüler mit Migrationshintergrund einsetzt; ein ehemaliger Kraftfahrer, der beide Beine verloren hat und seither als pädagogischer Helfer Hauptschülern Mut macht, nie aufzugeben; ein Professor, der den ältesten Jazzclub in Stuttgart vor der Insolvenz rettete; ein Arzt aus Schleswig-Holstein, der sich in der Hospizbewegung engagiert; ein ehrenamtlicher Richter sowie eine Frau aus Weßling in Bayern, die den Gedanken „Umweltschutz ist Verbraucherschutz“ in die Arbeit des Verbraucher-Services etabliert hat. In dieser kleinen Runde habe sich Büdenbender mit jedem Gegenüber intensiv unterhalten und Nachfragen gestellt, die tief in die Materie gingen, erklärt Vees. „Überhaupt hat sie einen sehr herzlichen Eindruck bei mir hinterlassen.“

Die Landfrauenverbands-Präsidentin schilderte der Ehefrau Steinmeiers die Sorgen, die Landwirte gerade belasten, beispielsweise eine einseitige Meinungsbildung in der Schule: „Gerade in Großstädten werden viele radikale Tierschützer in die Klassen eingeladen und zeichnen da teilweise ein Horrorbild von der Arbeit auf den Höfen“, betont Vees. „Wenn man ihnen da eine Plattform bietet, muss man auch einen Vertreter aus der Landwirtschaft hinzunehmen. Der kann die Arbeit auf einem Hof aus der Praxis schildern.“ Vees wünsche sich schlicht mehr Sachlichkeit und Ruhe bei dieser Thematik, die in Schulbüchern oft zu schwarz-weiß, also in gut und böse unterteilt gezeichnet werde.

Das teilte Vees ganz offen auch Kardinal Reinhard Marx mit, den sie schon vor dem Eingang zum Schloss Bellevue abgefangen hatte. Dem Präsidenten der Deutschen Bischofskonferenz äußerte die 52-Jährige ihre Enttäuschung über die Position der Kirche. Deren Vertreter werden auch am 19. Januar bei der Großdemonstration „Wir haben es satt“ in Berlin mitlaufen. „Da erwarte ich eigentlich, dass die Kirche eine differenzierte Stellung vertritt – da fehlt uns Landwirten schon länger die Unterstützung“, sagt Vees, die von Marx nach zunächst freundlicher Begrüßung recht unwirsch an die Kirchenvertreter in Baden-Württemberg verwiesen wurde.

Gespeist wurde im Übrigen vom Feinsten: Gaisburger Marsch als Vorspeise, geschmortes Bürgermeisterstück mit Krautwickeln und gebackenem Baumpilz als Hauptgang sowie eingekochte Fliederbeere an Grieß und Butterstreusel zum Dessert. Das klingt verführerisch – obwohl nicht jeder Gast zufrieden war, wie Juliane Vees mit einem Schmunzeln erzählt: „Der ehemalige Kraftfahrer hat mir am Ende nur zugeflüstert: ,Um satt zu werden, müssen wir wohl noch woanders hingehen.’“

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Erstellt:
12. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Januar 2019, 01:00 Uhr

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