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Integration

Billigjobs und abgesenkte Standards will keiner

Wie schaffen es Geflüchtete und Migranten auf den Arbeitsmarkt? Das 11. Tübinger Sozialpolitische Fachforum forderte flexible Zugänge und mehr individuelle Möglichkeiten zur Nachqualifikation.

08.04.2017
  • Dorothee Hermann

Flüchtlinge und Migranten haben vielfach eine abgeschlossene Ausbildung und langjährige berufliche Erfahrungen. Dennoch gestaltet sich der Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt teilweise holprig. Welche Hindernissse und welche gelingenden Beispiele gibt es? Darüber diskutierte am Donnerstagabend das 11. Tübinger Sozialpolitische Fachforum, moderiert von Erziehungswissenschaftler Prof. Rainer Treptow. Auf Einladung des Kreisverbands des Paritätischen waren etwa 60Interessierte ins Weltethos-Institut gekommen.

Gottfried Gehr, Geschäftsführer der gleichnamigen Tübinger Bäckerei, stellt seit den Balkan-Kriegen Migranten ein. „Mit Begleitung und Sprachtraining hat es funktioniert.“ Derzeit macht „ein Flüchtling aus Afrika“ eine Ausbildung als Bäcker, sagte Gehr. „Das war ein sehr schwieriger Weg für ihn und für uns.“ Alles begann mit einem durch die Arbeitsagentur vermittelten Praktikum. „Zunächst haben wir alle Englisch gesprochen.“ Der Azubi hatte Glück, dass er einen zweiten Deutschkurs machen konnte, so Gehr. „Erst danach war es für ihn möglich, in der Berufsschule überhaupt mitzukommen.“ Seiner Erfahrung nach können die meisten Flüchtlinge Englisch. Gehr ist überzeugt, dass eine Berufsschulklasse auf Englisch vieles erleichtern würde.

Vom Jobcenter Tübingen berichtete Geschäftsführerin Ellen Klaiber: „60 Prozent der Geflüchteten beim Jobcenter sind jünger als 35 Jahre. Es lohnt sich, sie zu qualifizieren.“ Allein in der Region Stuttgart werden in den nächsten Jahren 80000 Fachkräfte fehlen, sagte sie. Für ganz Baden-Württemberg liege die Zahl bei 260000. „Es geht um Fachkräfte, die aus der Dualen Ausbildung kommen.“ Klaiber sprach sich dafür aus, Flüchtlinge für eine Ausbildung zu gewinnen – auch deshalb, weil „der schnell verdiente Euro“ eine Existenzsicherung auf Dauer häufig nicht trägt.

Um Kompetenzen von Migranten frühzeitig zu erkennen, beteiligen sich die Jobcenter Tübingen und Reutlingen sowie die Arbeitsagentur Reutlingen an einem Pilotprojekt: Dabei kreuzen Neubürger per Test Bildsymbole an, die ihrem bisherigen Beruf entsprechen. Das geht auch ohne fließende Deutschkenntnisse. Insgesamt sollen 30 duale Berufe wie Verkäuferin, Industrieelektriker, Koch, Gärtnerin oder Klempnerin erfasst werden.

In Syrien war Abdulrahim Ahma Ingenieur für Wasserwirtschaft. Seine 15 Jahre Berufserfahrung kann er im Moment in Deutschland nicht verwerten. Er arbeitet beim Migrationszentrum Infö. Infö-Geschäftsführerin Margarete Lanig-Herold sagte dazu: „Auch in Deutschland fließt Wasser durch Rohre.“ Doch die Anerkennung als Ingenieur sei „eine der typisch deutschesten“. Ein weiteres Beispiel: Jemand bekommt nur eine Teilanerkennung als Altenpflegehelfer/in, nachdem er im Herkunftsland fünf Jahre Altenpflege studiert hat.

Bei der Altenhilfe Tübingen kennt Geschäftsführerin Anke Baumeister das Problem: Sie hat zwei Mitarbeiter, die in Serbien eine vierjährige Krankenpflegeschule absolviert und bereits praktische Erfahrung haben. „Der junge Mann musste sechs Monate Praktikum machen. Die junge Frau acht Monate.“ Für ein Altenheim sei es sehr schwer, monatelang auf Mitarbeiter zu verzichten, weil die von Amts wegen auswärtige Praktika ableisten müssten.

Eine Zuhörerin forderte, nicht die beruflichen Standards abzusenken, aber den Weg zu ihnen zu öffnen. In Mangelberufen wie Bäcker und Altenpflege funktioniere das schon. Die sagten sich: „Komm’, den nehmen wir.“ Wenn jemand seine Arbeit gut macht, aber Unterstützung in Mathe oder Deutsch benötigt, solle der Betrieb damit nicht alleingelassen werden. Oder: „Ein afghanisches Mädchen braucht Mathe-Nachhilfe. Da ist das Schuljahr vorbei, bis das Jobcenter das bewilligt.“

Hans-Ernst Maute, kaufmännischer Geschäftsführer bei der kunststoffverarbeitenden Firma Joma-Polytec GmbH in Bodelshausen, betonte: „Integration ist kein Wunschkonzert.“

Auch „unsere Flüchtlinge“ der Jahre 1933 bis 1938 (ab 1939 sei fast niemand mehr aus NS-Deutschland herausgekommen), hochqualifiziert, „die konnten auch nicht alle in ihre erlernten Berufe zurückkehren“, so Maute. Für die Migranten der Gegenwart prognostizierte er: „Im Verlauf der Jahre werden die Besten, die Willigen, die Starken sich durchsetzen und vielleicht eine neue Generation von Gründern bilden.“

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08.04.2017, 01:00 Uhr

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