Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Dokumentation über Neonazis

„Blut muss fließen – knüppelhageldick…“

Nach dem Skandal um eine Film- Dokumentation im Zollernabkreis wurde der Streifen nun erstmals wieder gezeigt.

30.11.2016
  • Julian Jochen-Warth

Der preisgekrönte Dokumentar-Film „Blut muss fließen knüppelhageldick – Undercover unter Nazis“ wurde im Hohenzollerischen, genauer gesagt in Burladingen, bereits 2015 gezeigt – und hatte dort für Aufruhr gesorgt. Nachdem die geplanten Schulvorstellungen mangels Interesse der Verantwortlichen nicht zustande gekommen waren, hatte sich der örtliche Kinobetreiber bereiterklärt, ihn für eine Abendvorstellung ins Programm zu nehmen. Die Antwort kam prompt: Die Alb-Lichtspiele wurden kurz darauf mit Hakenkreuzen und Naziparolen beschmiert. Bundesweit berichtete die Presse über den Vorfall.

Erst nach Tagen des Zögerns solidarisierte sich damals ein breites bürgerliches Bündnis mit dem Kinobesitzer und ermöglichte so immerhin den Start des Films „Elser – er hätte die Welt verändert“. Dieser Film war aus Angst vor weiteren rechten Umtrieben zuvor abgesetzt worden.

Am Montagabend nun wurde der Film nun erstmals erneut im Zollernalbkreis gezeigt: Und zwar in der Aula der Hechinger Alice-Salomon-Schule. Der damalige Burladinger Eklat war nicht allen der knapp 120 Gäste geläufig – weshalb Regisseur Peter Ohlendorf mit den Worten einstieg: „Wir hatten damals Schwierigkeiten, mit dem Film in Burladingen zu landen“ – „Das glaub` ich gleich!“, war die spontane Reaktion eines Gastes, die darauf hindeutete, dass dort offensichtlich eine bekanntermassen aktive rechte Szene eine hohe Akzeptanz genießt. Als Synonym dafür fand Peter Ohlendorf das demonstrative Schweigen des Burladinger Bürgermeisters Harry Ebert zu den Vorfällen im April 2015, der, wie Ohlendorf hinzufügt, „sich inzwischen als AFD-Sympathisant geoutet hat“.

Das Wegschauen, das Bagatellisieren und das Nicht-Handeln sind auch die Haupttatbestände, die Thomas Kuban mit seinen Recherchen zwischen 2003 und 2010 eindrucksvoll herausgearbeitet hat: Der Journalist hat sich in der Rolle des Neonazis immer wieder in die rechte Szene begeben. Hauptsächlich war er dabei mit versteckter Kamera und Mikrophon auf Konzerten rechter Skinheadbands und faschistischer Liedermacher nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in der Schweiz, Österreich, Italien und Ungarn unterwegs.

Die unter ständiger Gefahr für Leib und Leben von Kuban entstandenen Aufnahmen haben es in sich. Dabei ist es weniger die Phalanx aufgedunsener Jammergestalten, die ebenso volltrunken wie talentfrei ihre Instrumente misshandeln, welche Entsetzen hervorrufen. Es ist der hundertköpfige, grotesk agressive Mob zu ihren Füßen, der den Zuschauer hautnah spüren lässt, wie sich Reporter Kuban bei seinen Recherchen gefühlt haben muss. Liedzeile für Liedzeile wird mitgegrölt: „Wetzet eure Messer an dem Bürgersteig, lasst die Messer flutschen in den Judenleib“. Dazwischen minutenlange „Sieg Heil“- Sprechchöre, Reichskriegsflaggen über den Köpfen und Hakenkreuztätowierungen auf fleischigen Oberarmen sorgen für gequälte Seufzer im Publikum.

Doch die Filmemacher belassen es nicht bei der Dokumentation dessen, was so bekannt wie unerträglich ist. Sie legen den Finger direkt in die Wunde: Man sieht Polizisten, die sich vor Beginn eines Konzerts feixend mit Neonazis unterhalten – um dann pünktlich zum Konzertbeginn den Saal zu verlassen. Ein bloß zwölfjähriger Zuschauer fragte in der Diskussionsrunde am Montag zu Recht: „Warum macht die Polizei da nichts? Das ist schließlich alles verboten!“

Der Junge sprach damit ein zentrales Anliegen des Films an: Die unheilige Tradition der institutionellen Blindheit gegenüber rechtsextremen Strömungen seit der Gründung der Bundesrepublik. Seit jeher stand der Feind in Gestalt von KPD, DKP und RAF links. Das Münchner Attentat von 1980 etwa wurde viel zu schnell einem psychopatischen Einzeltäter zugeschrieben. Und von Verfassungschutzbericht zu Verfasssungsschutzbericht werde stets entweder das linke und inzwischen das islamistische Gewaltpotential als deutlich gefährlicher als jenes von Rechts angeführt.

Gegen Ende des Films konfrontiert Reporter Kuban den damaligen bayerischen Innenminister Günther Beckstein mit zweifelsfreien Straftatbeständen, die im Rahmen eines Nazikonzerts unter den Augen der Polizei begangen wurden. Der entgegnet daraufhin nur, dass es Sache der Polizei sei, zu entscheiden, was durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist und was nicht.

Thomas Kuban für seine Arbeit den Status eines journalistischen Helden zu verleihen, greift sicher nicht zu kurz. Allerdings ist er auch ein tragischer Held: Einer, der einer breiten, behäbigen Mehrheit auf die Nerven geht
und die deshalb versucht, ihn
lächerlich zu machen. So einer braucht Unterstützung durch Einmischung.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

30.11.2016, 01:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.

Kino Suche im Bereich
nach Begriff
Anzeige