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Übrigens über ein Sternchen-Thema

Das Mädchen und seine Geschlechter

Am Dienstag war Weltmädchentag. Das Weltmädchen hat noch kein Sternchen. Es ist etwas Old School. Es stammt aus der Welt der eindeutigen Geschlechtsmerkmale. Und es stammt aus der Zeit, als Frauen und Männer noch ohne Sternchen und ohne „Gender_gap“ unterwegs waren.

15.10.2016
  • Ulla Steuernagel

Also ohne den Unterstrich, der darauf hinweisen soll, dass das Geschlecht sozial erworben wird. Dabei wussten Frauen schon länger – auch ohne Sternchen, aber mit Simone de Beauvoir –, dass sie nicht nur als Frauen geboren, sondern auch zu Frauen gemacht werden. Dennoch hieß damals der Mädchentreff in Tübingen noch Mädchentreff und nicht Mädchen*treff.

Jetzt ist die Welt und das Mädchen komplizierter geworden. Den Ausschlag gab ein Universalgrund: die fortschreitende Enttabuisierung der Welt. Denn wer einfach so von „Mädchen“ spricht, der tabuisiert die Vielfalt des Mädchens.

Welches Mädchen steckt denn bitteschön hinter dem angeblich eindeutigen Begriff „Mädchen“? Ist es a) ein cis-Mädchen (sprich: ziss, gleich „diesseits“), also ein Mädchen, das sich mit seinem biologischen Geschlecht identisch fühlt? Ist es b) ein transsexuelles Mädchen, also ein Mädchen, das sich nicht mit seinem biologischen Geschlecht identifiziert. Ist es c) ein intersexuelles Mädchen, also ein anatomisch oder hormonell weder eindeutig weibliches noch männliches Mädchen? Ist es d) ein homosexuelles Mädchen, das sich also nur in andere Mädchen verliebt oder e) ein bisexuelles Mädchen, das sich in beide Geschlechter verliebt? Und dann wäre da noch f) ein asexuelles Mädchen, das sich gar nicht für Sex interessiert und g) ein Transgender-Mädchen, also ein Mädchen, das sich nicht ins binäre System, also nicht ins Männlich-Weiblich-Rollenschema einfügt? Man kann die diversen Spielarten auch einfach „queer“, also „normabweichend“ nennen. Dafür stehen *-Sternchen oder Unterstrich. Man kennt das Sternchen auch aus der Internetsuche, da erweitert es den Suchbegriff.

Und so heißt der Tübinger Mädchentreff neuerdings eben „Mädchen*treff“ und unterhält ein „Mädchen* Informations- und Beratungszentrum“. Und jedem Mädchen, jeder Frau, selbst jedem „Mädchen*interesse“ klebt jetzt ein Stern an. „Wir verwenden das Sternchen zum Weiterdenken von Worten, es symbolisiert Raum für Personen, die sich im zweigeschlechtlichen System nicht wiederfinden“, erklärt der Verein auf seiner Homepage.

Wie viele *-Mädchen es in Tübingen und Umgebung gibt, das wissen die Beraterinnen(*?) noch nicht. Die Enttabuisierung der Gender-Frage, so heißt es auf Nachfrage am Telefon, könne allerdings gar nicht früh genug beginnen. Schon im Kindergartenalter wären die Kinder in der Lage, die Vielfalt der Geschlechter zu verstehen. Damit ist also ein neues großes Sternchenthema schon für die ganz Kleinen geboren.

Ganz altmodisch kann man finden, dass die Kinder zunächst das binäre System kennenlernen und in Ruhe ihre Doktorspiele machen sollten. Doch gewiss ist, wäre die ganze Welt in irgendeiner Zukunft komplett von Sternchen durchzogen, würden sie sehr bald allen nur noch schnuppe sein. Wie wär’s zur Abwechslung dann einmal mit einem einzigen Geschlecht?

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15.10.2016, 01:00 Uhr

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